California Sunset

Hallo ihr Lieben, unsere letzten Beiträge über die Canyons Arizonas und die Wüste Nevadas liegen zwar erst zwei Tage zurück, aber hier ist schon der nächste Eintrag. Wir waren fleißig. 😉

16. Oktober 2017, San Francisco/Kalifornien

Seit vier Tagen sind wir autofrei und verdammt glücklich darüber. Eigentlich wollten wir in Kalifornien nur noch drei Nationalparks besuchen, aber irgendwie artete das dann doch wieder in mehr Fahrerei aus als gedacht. Eigentlich hätte uns das nach unseren bisherigen Erfahrungen nicht mal mehr überraschen sollen.

Mit einer Übernachtung in einem größeren Ort namens Ridgecrest erreichten wir den Sequoia-Nationalpark. Sequoias gehören zu den größten Bäumen der Welt und wachsen hoch oben in den Bergen der Sierra Nevada. Beim Anblick der riesigen Stämme wurde uns bewusst, wie lange wir nun in der Wüste gewesen waren, wo uns die Vegetation selten überragt hatte. Hinauf, hinauf, hinauf führte die Fahrt in engen Serpentinen, bis wir einen tollen Blick auf die bewaldeten Berghänge hatten und das Auto stehen ließen, um zwischen den Baumriesen wandern zu gehen.

Traumhafte Aussicht auf die kalifornische Sierra Nevada

Auch hier wieder keine Bären, aber einmal sahen wir etwas, das ein Otter oder ein Murmeltier hätte sein können, es war leider zu weit entfernt. Die Sonne schien, es war warm und trocken und sehr friedlich. Wir verrenkten uns den Nacken, um bis in die Wipfel der Baumgiganten zu schauen, die mit ihren dicken, astlosen Stämmen bestens an die häufigen Waldbrände in den trockenen Bedingungen der Sierra angepasst sind. Wir lernten, dass Feuer sogar überlebenswichtig für die Sequoias ist, da sich die Samen ihrer Zapfen nur unter extremer Hitze öffnen. Die jungen Bäumchen wachsen danach sehr schnell auf eine große Höhe und bilden erst weit oben Äste aus. Ihre Rinde ist bis zu zehn Zentimetern dick und bietet ihnen damit Schutz vor dem Feuer. Tatsächlich sahen wir kaum einen Baum, der nicht auf den unteren Metern schwarz verkohlt war.

Sequoias, auch Mammutbäume genannt

Sequoias sind riesig im Stehen…

….. und im Liegen.

Nur eine Tagesfahrt entfernt lag der benachbarte Yosemite-Nationalpark, den wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten. Die Straße führte bergauf und bergab, um viele Kurven, durch Wälder und Täler, an steilen Hängen entlang, und wie so oft in den USA suchte man eine Leitplanke vergebens. Nicht selten trennte uns nur die weiße Randlinie von einem mehrere hundert Meter tiefen Abgrund, und das meine ich wortwörtlich. Da war kein Seitenstreifen mehr; die Fahrbahn endete exakt mit der Linie. Dafür, dass man sich in den venezianischen Gondeln in Las Vegas anschnallen musste, haben sie es in anderen Bereichen wie dem Straßenverkehr nicht unbedingt mit der Sicherheit.

Aber wir kamen gut an und folgten der Schlängelstraße hinunter ins Yosemite Valley, dem Kern des Nationalparks, das in der letzten Eiszeit von Gletschern aus dem Fels gegraben wurde. Bei bestem Wetter bestaunten wir die atemberaubend hohen Granitwände von El Capitan und Half Dome, die über eintausend Meter hoch senkrecht in den Himmel aufragen, und liefen durch das Tal zu den Yosemite Falls, die leider wegen Wassermangels nicht sehr beeindruckend waren. Im Frühjahr, wenn sie vom Schmelzwasser des Schnees gespeist werden, müssen sie ein gewaltiges Bild abgeben, gehören sie doch mit ihren fast 750 Metern zu den höchsten Wasserfällen der Welt.

Yosemite Valley

Unterer Teil der Yosemite Falls

El Capitan (rechts), eines der Wahrzeichen des Parks

Unsere Übernachtung mussten wir wieder einmal aus Kostengründen auslagern und hatten aufgrund der kurvigen Straßen und mehrerer Baustellen rund anderthalb Stunden Anfahrt bis in ein Kaff namens Coarsegold, wo sich zwar nicht Fuchs und Hase gute Nacht sagten, aber dafür die Kojoten nach Einbruch der Dunkelheit fast direkt vor der Moteltür heulten.

Am nächsten Tag fuhren wir den ganzen Weg wieder zurück in den Park, um wandern zu gehen. Diesmal ging es aber nicht hinunter ins Tal, sondern hinauf zum Glacier Point, der gut tausend Meter über dem Tal lag. Aber schon bevor wir überhaupt den Wanderparkplatz erreichten, warnten Schilder vor schlechter Sicht durch Waldbrände und dann dauerte es nicht mehr lange, bis wirklich die ganze Straße eingeräuchert war. In dieser Gegend sind Waldbrände eine ganz natürliche Erscheinung. Wurden die Brände früher gelöscht, weiß man inzwischen, dass man es damit nur schlimmer macht. Das Feuer vernichtet hier in erster Linie das Unterholz, während die großen Bäume wie Sequoias nicht brennen. Wird das Unterholz nicht regelmäßig durch kleine Brände gerodet, akkumuliert sich mit der Zeit eine solche Menge davon, dass ein Feuer irgendwann verheerende Ausmaße annehmen kann. Daher werden kleine Feuer nur überwacht. Für uns war es nun Pech, denn bei dem Qualm wollten wir nicht wandern gehen. Stattdessen fuhren wir nur bis zum Aussichtspunkt über das Yosemite Valley, der uns dafür aber mit fantastischen Blicken über den Park entschädigte. Zudem sahen wir am Horizont ziemlich dunkle Wolken aufziehen. Wir hatten jetzt seit Wochen nur Sonnenschein und tiefblauen Himmel, sodass wir nicht einmal auf die Idee gekommen waren, nach dem Wetter zu schauen. Im Endeffekt war es dann doch Glück, dass wir nicht wandern gegangen waren, denn es dauerte nicht lange, bis es anfing zu regnen und dann zu schütten.

Blick vom Glacier Point; links der Half Dome.

Tausend Meter unterhalb liegt das Yosemite Valley.

Da waren wir aber schon im nächsten Ort, wo wir eine Jugendherberge ausfindig gemacht hatten und mal wieder die Annehmlichkeiten einer Küche nutzten, um etwas anderes zu essen als Tütensuppe aus der Mikrowelle (okay, Spaghetti mit Tomatensauce, aber trotzdem!). Das Hostel bestand aus mehreren kleinen Häusern, von denen wir eines ganz für uns hatten, da nicht viele Gäste da waren; es war, als ob wir zumindest für eine Nacht unser eigenes Einfamilienhäuschen in der Sierra Nevada hätten, sehr gemütlich.

Jamestown, ein Wild West-Städtchen wie aus dem Bilderbuch, wo wir ebenfalls eine Nacht nahe Yosemite verbrachten.

Als am nächsten Morgen wieder in altvertrauter Manier die Sonne schien, starteten wir einen erneuten Wanderversuch, allerdings in einer anderen Gegend des Nationalparks. An einem Stausee mit dem etwas kuriosen Namen Hetch Hetchy gab es einen wunderschönen Weg auf halber Höhe entlang der Felswand zu zwei Wasserfällen, von denen aber aufgrund der Jahreszeit nur einer Wasser führte. Die Aussicht auf die Felsen und den See war wunderschön, und wir sahen schuppige Geckos und wieder viele Ziesel, eine Art Hörnchen, die vorwiegend auf dem Boden leben.

Hetch Hetchy Reservoir

Wir haben die kleinen Zwiesel hier wirklich ins Herz geschlossen.

Das war ein schöner Abschluss für Yosemite, bevor es mal wieder Autofahren hieß (merkt man, dass wir es allmählich satt haben?). Klar, wir hätten auch noch in der Gegend bleiben können, aber der Redwood-Nationalpark stand schon so lange auf unserer Wunschliste und immerhin lag er doch im selben Bundesstaat… Am Ende waren es zwei volle Tage Fahrt bis dorthin – Kalifornien ist echt groß, und die Baustellen trieben uns die Wände hoch. So viele Straßen gibt es ja nicht, und wenn da mal eine nicht befahrbar ist, hat man ein echtes Problem. Unser Highway sollte laut einer elektronischen Anzeigetafel gesperrt sein, aber es stand nicht darauf, wo die Baustelle lag und wo die Umleitung entlang führte. Im Endeffekt standen wir plötzlich vor einer Frau mit Stoppschild, die uns in ruppigem Ton mitteilte, dass das jetzt hier die Baustelle sei, die nächste Öffnung für den Verkehr in drei Stunden stattfände uns es keine Umleitung gäbe… Na klasse. Hätte man das nicht vorher irgendwo hinschreiben können? Drei Stunden im Wald warten wollten wir nicht, also fuhren wir zurück und auf einen anderen Highway. Diese Strecke, die als einziges als so eine Art Umleitung durchgehen konnte, war 120 Kilometer länger und, Überraschung, auch wegen einer Baustelle mehrere Stunden am Tag gesperrt. Grrrrr! Aber zumindest hatte man hier intelligenterweise am Anfang der Straße ein Schild mit all diesen Informationen aufgestellt. Nochmal umkehren hatte keinen Sinn, also gingen wir in der Zeit Mittag essen und bis wir fertig waren, war die Straße wieder offen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Crescent City, den Ausgangspunkt für die Redwoods.

Dafür entschädigten uns die riesigen Redwoods, die wohl mit den Sequoias um den Rang der höchsten Bäume der Welt konkurrieren. Redwoods sind schmaler und ihre Äste setzen niedriger an, aber sie sind nicht minder beeindruckend. Da sie in den feuchten Küstenregionen Kaliforniens gedeihen, werden sie seltener Opfer von Waldbränden und ihre Wälder sind sattgrün. Wir wanderten zwei verschiedene Wege im Schatten der Baumriesen entlang, einen vormittags und einen nachmittags, und dann ging ich allein noch einen ganz früh am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, wo es unglaublich still und friedlich war.

Impressionen aus…

…dem Redwoods Nationalpark…

…wo es viele große Bäume gibt. 😉

Eine Tagesfahrt südlich quartierten wir uns in Fort Bragg, einem kleinen Städtchen an der Pazifikküste ein, wo wir uns nochmal ein bisschen von der Fahrerei erholen wollten. Wir verbrachten zwei Tage dort; es gab einen hübschen, historischen Ortskern an und einen Wanderweg entlang der Klippen, der leider noch nicht fertig angelegt und daher nicht durchgehend war, wie ich auf halber Strecke feststellen musste – also den ganzen Weg wieder zurück und am nächsten Tag nochmal von der anderen Seite entlanggelaufen. Beachtenswert war der Glass Beach: einst eine Mülldeponie, besteht der Strand heute größtenteils aus vom Meer glattgeschliffenen Glasstückchen in allen Größen, Formen und Farben. Zahlreiche Sammler saßen auf Felsen und angeschwemmten Baumstämmen und suchten nach besonders schönen Fundstücken.

In Fort Bragg war der Smog durch die Waldbrände im nahen Napa Valley so dicht, dass man teilweise das Meer von den Klippen aus kaum sah…

Glass Beach

Von Fort Bragg aus fuhren wir den Küstenhighway nach Süden bis nach Sausalito vor den Toren San Franciscos. Nur die Golden Gate Bridge trennte uns noch von unserem Ziel, aber wir verbrachten die Nacht in einer Jugendherberge in den Marin Headlands, einem Landschaftsschutzgebiet nördlich der Brücke, von wo aus man auch beste Sicht auf den Sonnenuntergang über dem Pazifik hatte. Dieser war leider sehr getrübt vom Smog der verheerenden Brände im nicht weit entfernten Napa Valley, von dem ja auch in den deutschen Nachrichten zu hören war.

Entlang der Küstenstraße nach Süden.

Die berühmte Golden Gate Bridge.

California Sunset in Sausalito, beinahe unheimlich im Dunst der Rauchschwaden

Am nächsten Morgen fuhren wir über die Golden Gate-Brücke, was wirklich ein tolles Erlebnis war. Bis zum Flughafen war es nur eine Stunde Fahrt durch die Stadt, und dort gaben wir endlich unser Auto ab, das wir irgendwann mal auf den Namen Blacky getauft hatten. Reichlich 10.000 Kilometer, also ein Viertel um den Äquator, sind wir in sechs Wochen gefahren. Von der Anstrengung mal abgesehen, waren wir auch nicht sonderlich zufrieden mit dem Auto. Ölwechsel, Reifendruck-Warnlampe, Brems-Warnlampe, und bei Regen hatte man das Gefühl, die Tropfen schlagen jeden Moment durch das Pappdach des Autos. Ständig schien irgendetwas zu sein, und besonders in Anbetracht des 2017er Baujahres war das nicht besonders beruhigend – so ein neues Auto hätte doch eigentlich tadellos in Ordnung sein müssen? Vielleicht muss es erstmal eingefahren werde… Wir waren jedenfalls mehr als froh, es endlich loszuwerden und mit der Metro in die Stadt zu fahren, wo wir für die nächsten vier Nächte zwei Betten im Schlafsaal eines Hostels gebucht hatten.

San Francisco

Noch am Nachmittag machte ich einen ersten Stadtbummel – unser Hostel hatte wirklich eine super Lage direkt im Zentrum, in Laufentfernung vieler interessanter Stadtviertel und Sehenswürdigkeiten. Damit verbrachten wir im Prinzip unsere gesamte Zeit in der Stadt. Einen Tag schlenderten wir durch Japantown, also die japanische Version von Chinatown, wo es unglaublich faszinierende Läden und sehr authentische Restaurants gab. Einen Tag trennten wir uns und während Kathrin im Hostel eine ruhige Kugel schob, besuchte ich Castro Town, das Viertel wo die Schwulen- und Lesbenbewegung ihren Anfang nahm, und das dort gelegene GLBT-Museum. Nachmittags trafen wir uns zu einem späten Mittag- bzw. zeitigen Abendessen (auch Linner genannt, sozusagen das Nachmittagsbrunch) in der Cheesecake Factory. Wer wie ich dachte, dass es sich dabei um eine Fabrik für Käsekuchen handelt, liegt falsch. Es ist eine Restaurantkette, die für all ihr Essen – süß wie herzhaft – berühmt ist. Obwohl es sich um eine Kette handelt, gibt es nicht viele Filialen – in San Francisco nur die eine, weshalb man dort mindestens eine halbe Stunde wartet, um platziert zu werden, und das ist noch kurz. Aber das Essen war auch wirklich lecker. Kathrin aß einen opulenten Salat mit Grünzeug, Birne und Heidelbeeren, und ich ein Stück Cheesecake – wenn wir schonmal in der Cheesecake Factory waren und es Auswahl aus über zwanzig verschiedenen Sorten Käsekuchen gab. Ich entschied mich für Tiramisu-Cheesecake mit warmem Fudge, was so eine Art Schokosauce war, unglaublich lecker und in sich schon eine Mahlzeit. Für Kathrin gabs dann noch ein Stück Chocolate Tuxedo Silk Cheesecake zum Nachtisch.

San Franciscos typische Stadthäuser

In Japantown fühlten wir uns wirklich ins Land der aufgehenden Sonne versetzt.

Die Regenbogenflaggen sind das Wahrzeichen von Castro Town, dem schwulen Szeneviertel.

Auch sonst ist die Stadt…

…sehr bunt und charmant.

Impression aus Chinatown; wie auch in China hatten wir hier keine Ahnung, was in all den Gläsern und Tüten eigentlich verkauft wird…

Am nächsten Morgen spazierten wir durch Chinatown und Little Italy bis zum Hafen, wo wir eine Weile die Seelöwen am berühmten Pier 39 beobachteten, die dort frei leben und sich weder von Touristen noch dem regen Bootsverkehr stören lassen. Nur eine fünfzehnminütige  Bootsfahrt entfernt lag die Gefängnisinsel Alcatraz, deren berühmtester Insasse Al Capone war, wie Kathrin auf einer Tour erfuhr. Das Gefängnis war eher eine Art Zuchthaus; wer dort endete, sollte in Stille über seine Taten nachdenken (die meiste Zeit des Tages bestand Schweigepflicht in den winzigen Zellen) und war nicht tauglich für reguläre Gefängnisse. Al Capone beispielsweise, der übrigens letztendlich wegen Steuerbetrugs verurteilt wurde – keine seiner anderen Taten konnte ihm je nachgewiesen werden – hatte im normalen Gefängnis mehr Einfluss als die Wärter gehabt, seine Zelle mit einem Perserteppich eingerichtet und sich sein Essen von außerhalb liefern lassen, da ihm das Gefängnisessen nicht zusagte (vermutlich zurecht). Es gab natürlich auch immer wieder Ausbruchsversuche in Alcatraz, und bei einigen Vermissten weiß man bis heute nicht, ob sie es über die Bucht geschafft haben oder ertrunken sind. Geflohen 1939, werden drei Herren noch immer gesucht – die Fahndung läuft, bis sie 99 Jahre alt sein müssten.

Die Gefängnisinsel Alcatraz

Die Zellen waren winzig.

Meinereins erklomm in der Zeit den Telegraph Hill mit Aussicht auf Bay Bridge, Golden Gate und Alcatraz sowie die Lombard Street, auf der die Autos sich in engen Kurven den Hang hinab schlängeln. San Francisco ist sehr bergig, kein Spaziergang führte durch ebenes Gelände, und teilweise war die Steigung so steil, dass es statt Fußwegen Treppen gab! Mit der berühmten Cable Car fuhren wir am Ende nicht, sahen sie aber oft (im Stau stehend), vollgepackt mit Touristen, die allesamt draußen auf den Trittbrettern mitfuhren, während drin noch viele Plätze frei waren.

Alles in allem hatten wir wirklich eine schöne Zeit in San Francisco; die Stadt hat sehr viel Charme und selbst wenn man nur durch die verschiedenen Viertel läuft, gibt es schon so viel zu sehen, dass man sich tagelang beschäftigen kann.

Nun, während ich diesen Eintrag schreibe, sind wir auf dem Weg zu unserem letzten Ziel, New York. Und wir beenden unsere große Reise, wie wir sie begonnen haben: mit einer langen Zugfahrt. Vier Tage und drei Nächte werden wir jetzt unterwegs sein, mit einem Umstieg in Chicago, einmal quer durch die USA. Wir haben für die ersten drei Tage/zwei Nächte eine Roumette, sozusagen ein Zweibett-Abteil, wo wir tagsüber sitzen können und nachts zwei Betten übereinander haben. Es sind sogar alle Mahlzeiten im Preis inklusive; wir waren vorhin schon Mittag essen und es gab sogar Nachtisch. 🙂 Nun werden wir die Füße hochlegen und die Seele baumeln lassen, während die Landschaft an uns vorüberzieht und wir drei Zeitzonen bis zur Ostküste passieren…

Fatamorgana in der Wüste, oder: Wo die Mäuse auf dem Tisch tanzen

Auch heute gibt es wieder mehrere Einträge für euch. Hier ist Eintrag Nummer 2. 🙂

30. September 2017, Lindsay/Kalifornien

Bei Las Vegas denken viele wohl jetzt nicht mehr zuerst an Glücksspiel und ausgefallene Hotelkomplexe, sondern an das schreckliche Massaker, das sich nur wenige Tage nach unserer Abreise dort ereignete. Wir verließen Vegas wohl justament an dem Tag, als der Todesschütze im Mandalay-Hotel eincheckte, wie wir wenige Tage später aus den Nachrichten erfuhren. Davon bekamen wir zum Glück nichts mehr mit und hörten es tatsächlich zuerst von Freunden aus Deutschland. Als wir die Stadt besuchten, war die Welt noch in Ordnung.

Rückblickend kann ich nur staunen, dass wir es tatsächlich mit dem Auto in das Moloch von Las Vegas geschafft haben. Seit Wochen waren wir auf meist zweispurigen (eine pro Richtung) Highways durch Rinderweiden und Berglandschaften gefahren, und nun fanden wir uns auf einmal in der vierten Spur von sieben, in einem Land, wo links und rechts überholt werden darf und wo man ein Verkehrshindernis darstellt, wenn man die Höchstgeschwindigkeit einhält. Aber irgendwie kamen wir ohne Zusammenstöße bis zu unserem Motel, das in Laufentfernung zum Las Vegas Boulevard mit all den skurrilen Glitzerhotels lag.

Vegas, Baby!

Umgeben von der Wüste Nevadas ist die Stadt wirklich wie eine Fata Morgana, erstreckt sich endlos in die hellbraune Einöde und hat sich aus irgendeinem Grund zur Spielhölle der USA entwickelt. Der Strip erinnert ein bisschen an Disneyland, nur dass er in erster Linie aus Hotels mit angeschlossenen Kasinos besteht, aber es gibt auch hier Achterbahnen, verschiedenste künstliche Attraktionen und jede Menge kostümierte Darsteller, mit denen man sich gegen einen kleinen Obolus fotografieren lassen kann – von Elvis über sehr leicht bekleidete Sambatänzerinnen bis hin zu Pikachu. Die vierstöckige M&M-World liegt gleich neben der Coca Cola-World und gegenüber einer verkleinerten Version der New Yorker Brooklyn Bridge. Zwischen den Casinos wird Daiquiri in allen denkbaren Geschmacksrichtungen in Flaschen verkauft, die in ihrer Form an Wasserpfeifen erinnern, aber mehrere Liter Flüssigkeit fassen. Auf riesigen Plakaten sieht man Werbung für alles von Sternerestaurants über Zaubershows (David Copperfield ist immer noch groß im Geschäft) bis hin zur Blue Man Group und Zirkus (es gibt hier sogar eine Ü18-Variante des Cirque du Soleil). Unser kleiner Spaziergang den Strip entlang führte vorbei an verschiedenen Hotelresorts mit so klangvollen Namen wie Luxor, Excalibur oder Caesars Palace, dazwischen fanden sich der Tierpark von Siegfried und Roy ebenso wie Madame Tussauds oder das Paris Hotel mit Repliken des Eiffelturms und des Triumphbogens. Am Bellagio Hotel schauten wir uns die Wasserfontänenshow an (einmal tagsüber und einmal im Dunkeln), am Mirage spuckte ein künstlicher Vulkan abends Feuer bis zu 30 Meter hoch, und am Venetian führte eine nachempfundene Rialtobrücke über ein paar kleine Kanäle, auf denen man sich sogar in schwarzen, venezianischen Gondeln entlang schippern lassen konnte, während die nicht italienischen Gondolieres Arien schmetterten und wir nicht darüber hinweg kamen, dass in den Gondeln tatsächlich Anschnallpflicht bestand. Davon abgesehen, dass das Wasser bestenfalls einen Meter tief war, wäre nicht eine Schwimmweste hilfreicher als ein Gurt, mit dem die Insassen nach dem Kentern kopfunter an die Gondel gekettet sind? Nun ja, wir werden den Sinn dahinter wohl nie erfahren.

Kasinos und allerlei Amusement…

Die Wasserfontänenshow am Bellagio

Die Gondeln in Klein-Venedig

In die Kasinos gingen wir nicht, außer eines, wo wir mal hindurch liefen um es wenigstens einmal gesehen zu haben. Sonderlich einladend sind sie ohnehin nicht, so ohne Tageslicht, und Geld zum Verspielen haben wir auch keines mehr, also begnügten wir uns damit, den Strip ein Stück hoch und wieder hinunter zu laufen, und die Eindrücke auf uns wirken zu lassen. Das war auch nebenbei schon eine Wandertour von locker zwölf Kilometern, da jedes Resort riesig ist und man zudem einige Umwege über Fußgängerbrücken in Kauf nehmen musste.

Ausbruch des künstlichen Vulkans am Mirage Hotel

Zurück in unserem bescheidenen kleinen Motel am Rande des Highways fütterten wir die Maus in unserem Zimmer, die wir am Vorabend schon hatten rascheln hören. Ja ja, Mäuse sind Schädlinge, und das Management wäre wahrscheinlich wenig erfreut, dass wir auch noch unsere Kräcker mit ihr teilten, aber sie war sooo klein und sooo niedlich. Dass sie sich unserer großzügigen Spende zum Trotz noch kräftig an unseren Bageln bediente, bemerkten wir erst ein paar Tage später, als wir das Loch in der Packung (und entsprechend im untersten Bagel) entdeckten. Dabei hatten wir die Bagel auf dem Tisch gelagert und können uns nur wundern, wie sie mit Überhangkletterei das glatte Tischbein hochgekommen ist, aber irgendwie muss sie es geschafft haben.

Unseren zweiten Tag in Vegas verbrachten wir in einer Autowerkstatt, da unser Mietwagen anzeigte, er müsse gewartet werden. Vermutlich war es nur ein Ölwechsel, der nach einer bestimmten Anzahl gefahrener Meilen ohnehin fällig war, aber wir mussten trotzdem erst einmal die Genehmigung des Vermieters einholen, was in ein fast halbstündiges Telefonat ausartete, und dann hatte die Werkstatt natürlich auch nicht nur auf uns gewartet. Ein paar Stunden später war aber alles erledigt und wir konnten mit frischen Öl weiterfahren in die Wüste. Da unser nächstes Ziel Death Valley hieß, fühlten wir uns schon besser, wenn nicht bei jedem Motorstart das Wartungslämpchen aufleuchtete.

Wir verließen Sodom und Gomorrha Las Vegas und fuhren gen Westen, wo wir uns in der Kleinstadt Pahrump in einem Kasino-Hotel einquartierten – es war das günstigste in der Gegend, und wir widerstanden der (zugegeben ohnehin sehr kleinen) Versuchung des Glücksspiels. Statt auf Zahlen im Roulette setzten wir darauf, dass unser Auto uns in der Einöde des Todestals nicht im Stich lassen würde, denn wir hatten da schon Horrorgeschichten gehört, von geschmolzenen Bremsbelägen zum Beispiel.

Das Death Valley verdankte seinen unheilvollen Namen ursprünglich dem einen Unglücklichen, der bei der ersten Expedition dort ums Leben kam. Da hatte der Colorado River bei seiner Erforschung durch weiße Abenteurer eine wesentlich höhere Todesrate und trotzdem hat ihn niemand Death Canyon genannt. Aber sei’s drum. Der Name flößt Respekt ein, und tatsächlich fordern die Temperaturen jedes Jahr Todesopfer unter schlecht vorbereiteten Touristen. So gut ausgestattet wie wir nur konnten – mit Extrakanister Wasser, Essen und vollem Tank – machten wir uns auf in den Nationalpark. Die Fahrt dorthin war die einsamste, die wir bisher in den USA erlebt hatten. Nur alle paar Minuten kam mal ein anderen Fahrzeug entgegen, was aber besser war als nichts. Wenn man hier liegen bleibt, kann man nicht einmal Hilfe rufen, da es kein Handynetz gibt, deshalb war es auch nebensächlich, dass wir keine lokale Simkarte hatten. Wir hofften einfach auf’s Beste.

Death Valley: Weite, Leere, Stille.

Erst gegen vier Uhr nachmittags erreichten wir die Ausläufer von Death Valley; wir waren bewusst spät aufgebrochen in der Hoffnung, dass die größte Mittagshitze schon vorüber wäre. Wandern wollten wir hier ohnehin nicht gehen. Nun ja, was soll man sagen, es war heiß. Es war unfassbar heiß. Selbst als zwei Stunden später die Sonne unterging, zeigte das Thermometer noch 37 Grad. Death Valley liegt mehr als 80 Meter unter Meeresniveau, ist damit der niedrigste Punkt Nordamerikas und wir müssen froh sein, dass es nur 37°C waren. Der höchste jemals gemessene Wert lag bei 57°C und die Oberflächentemperaturen können über 90°C erreichen.

Trotz dieser Extreme ist der Nationalpark so ziemlich der schönste (finde ich zumindest), den wir in den USA gesehen haben. Auf beiden Seiten des gewaltigen, mehrere Kilometer breiten Tales ragen teils schwarze, teils bunt gescheckte Berge in die Höhe, die alle Farben von Rottönen über Violett bis hin zu Blau und Grün aufweisen. Die spärliche Vegetation besteht aus kleinen Büschen mit silbrig schimmernden Blättern und am Boden des Tales fließt ein unterirdischer Fluss, dessen Lauf man nur an der weißen Salzschicht erkennt, die sich dort aus dem verdunstenden Wasser ablagert. Aus der Höhe betrachtet scheint es, als ob sich ein Fluss aus Salz durch das Tal windet. An einer Stelle liegt auch ein großer Salzsee.

Auf „in“ den Salzsee!

Bunte Felsen am Straßenrand.

Nach Sonnenuntergang machten wir ein Picknick am Zabriskie Point, einem der eindrucksvollsten Aussichtspunkte, der umgeben von bunt gestreiften Bergen hoch über dem Tal lag, und warteten darauf, dass die Sterne aufgingen. Die anwesenden Touristen fuhren nach und nach davon, bis nur noch wir beide übrig waren. Es war immer noch angenehm warm und kein Lüftchen ging. Wenn etwas noch beeindruckender war als die Weite und die Farbenpracht, dann war es die absolute, tiefe Stille dieses Ortes. Nicht einmal aus der Ferne waren irgendwelche Geräusche zu vernehmen, nur gelegentlich ein Auto, aber wenn es vorüber gefahren war, hörte man das Rauschen des Blutes in den eigenen Ohren, und einmal die Klicklaute einer dicht vorbeifliegenden Fledermaus. Es war unglaublich friedlich. Schließlich wurde es dunkel genug, dass man unzählige Sterne und sogar die Milchstraße ausmachen konnte, auch wenn der hell leuchtende Halbmond dafür sorgte, dass wir nur einen Bruchteil sahen. Dafür brauchten wir auf dem Weg zurück zum Parkplatz nicht einmal eine Taschenlampe, wir konnten sogar unsere Schatten im Mondlicht deutlich sehen.

Die feine weiße Linie vor den Bergen ist der Salzfluss.

Mondaufgang am Zabriskie Point

Nach viel zu wenig Schlaf fuhren wir am nächsten Morgen um sechs schon wieder los, um der Hitze zuvorzukommen. Während der Park im Sonnenaufgang zu neuem Leben erwachte, sahen wir einige der Bewohner, die den neuen Tag begrüßten, sich aufwärmten und Frühstück suchten. Nachdem wir am Vorabend schon einen großen Hasen am Straßenrand entdeckt hatten, erblickten wir diesmal einen Koyoten in der Prärie, und auf dem Parkplatz am hoch über dem Tal gelegenen Dante’s Viewpoint stakste ein neugieriges Chukarhuhn, ein Verwandter des Fasans, um unser Auto, vermutlich auf der Suche nach Insekten, die im Kühlergrill hängen geblieben waren. Nichtsahnend fuhren wir die Straße zurück hinab ins Tal und dachten zuerst, dass da ein Stein auf der Fahrbahn läge. Aber bei näherem Hinsehen entpuppte es sich als riesige Spinne – die sollten nicht so groß sein, dass man sie aus dem fahrenden Auto noch erkennt. Als wir anschließend im Besucherzentrum nachfragten, erfuhren wir, dass es sich tatsächlich um eine Tarantel handelte, und später am Tag sahen wir noch eine. Gruselig. Zum Glück blieben uns zumindest Begegnungen mit den ebenfalls hier beheimateten Schwarzen Witwen, Klapperschlangen und Skorpionen erspart.

Statt Tarantelfotos…

…hier noch ein paar Impressionen…

aus der Wüste des Death Valley.

Als das Thermometer gegen zehn wieder die 30°C-Marke knackte, waren wir schon über den Pass ins Nachbartal, das ebenfalls wunderschöne Panamint Valley, und damit auf dem Weg in die bewaldeten Gegenden Kaliforniens, wo wir die letzten zwei Wochen unseres Roadtrips verbringen wollen.

Panamint Valley und Straße bis zum Horizont

„Alles nur Schluchten hier!“

30. September 2017, Lindsay/Kalifornien

Willkommen in Arizona, wohin uns eine nur anderthalbstündige Fahrt von Kanab führte. Obwohl direkt südlich von Utah gelegen, ist man hier der Meinung, sich nach der Pazifischen Zeit richten zu müssen, was für uns aber den Vorteil hatte, dass unsere Fahrt damit effektiv nur eine halbe Stunde in Anspruch nahm und wir länger schlafen konnten.

Wer sich jetzt wundert, warum wir so auf die Uhr schauten: wir hatten einen Termin, aber dazu gleich mehr. Direkt hinter der „Grenze“ (außer einem Schild am Straßenrand, dass man sich in einem neuen Bundesstaat befindet, merkt man davon nie etwas) ging es los mit dem Glen Canyon Dam, der den Colorado River in seinem roten Sandsteinbett zum Lake Powell aufstaut. Dieser Stausee ist Wasser- und Energiequelle für einen erheblichen Bereich im Südwesten der USA. Er führt genug Wasser, um ganz Österreich einen halben Meter hoch zu fluten (so zumindest der anschauliche Vergleich im Besucherzentrum) und der Damm ist 216 Meter hoch. Vom Aussichtspunkt vor der Brücke, die den tiefen Canyon hinter dem Damm überspannt, sah man, wie an den Seiten Wasser durch die porösen Sandsteinfelsen sickerte, was aber anscheinend kein großes Problem darstellt; immerhin steht der Damm ja schon seit 1964.

Glen Canyon Dam

Nicht weit entfernt lag unser Termin, in einem (Überraschung!) weiteren Canyon. Seit ich vor vielen Jahren mal ein Windows-Hintergrundbild vom Antelope Canyon gesehen hatte, träumte ich davon, dieses surreale Felsenlabyrinth einmal mit eigenen Augen sehen zu können. Im Gegensatz zu fast allen Nationalparks kam man hier allerdings nicht ohne weiteres hinein. Zunächst mussten wir uns entscheiden, ob wir den oberen oder unteren Teil besichtigen wollten – nach etwas Internetrecherche entschieden wir uns für den unteren, wo angeblich weniger Touristen wären und man mehr Zeit im Canyon hätte. Denn, und das war der nächste Punkt: man konnte nur im Rahmen einer geführten (und natürlich kostenpflichtigen) Tour hinein. Wir hatten gelesen, dass die Touren im unteren Teil günstiger und länger wären, wegen des geringeren Andrangs, wobei der Canyon dort trotzdem genau so schön wäre. Nun gut, vielleicht hätte uns die Tatsache zu denken geben sollen, dass die Touren alle 20 Minuten stattfanden. Als wir auf dem fußballfeldgroßen Parkplatz einrollten, waren die ersten sechs Reihen schon fast vollgeparkt…

Wir holten unsere Tickets am Schalter ab, wo man uns gleich sagte, dass es schon Verspätung beim Start der Tour gäbe. Also setzten wir uns auf eine der überdachten Bänke und warteten etwa eine Stunde, bis unsere Nummer aufgerufen wurde. Danach formierten wir uns wie im Kindergarten in Zweierreihen und dackelten dem Guide hinterher durch den Wüstensand bis zur Treppe hinunter in den Canyon. Es war heiß und staubig, weit und breit kein Baum oder Busch. Nebenbei wurden wir im kräftigen Wüstenwind quasi sandgestrahlt, kein Witz, danach waren unsere Schuhe das erste Mal seit Wochen wieder richtig sauber. Dafür hatten wir dann Sand überall sonst, und ich meine wirklich überall.

Oben an der Treppe standen wir noch eine weitere Stunde an, zum Glück unter einem großen Wellblechdach, während die Guides uns und den anderen Wartenden allerhand Wissenswertes über den Canyon erzählten. Zum Beispiel, dass der Canyon seinen heutigen Namen von den ersten weißen Siedlern erhielt, die die in der Gegend beheimateten Gabelböcke für Antilopen hielten. Diese Tiere werden bis heute auch als Amerikanische Antilopen bezeichnet, obwohl es gar keine sind. Oder dass der Canyon auf dem Land der Navajo-Indianer liegt, die auch die Touren veranstalten. Die Touren sichern den Navajo damit nicht nur ein kleines (oder vielleicht auch großes) Einkommen, sie stellen nebenbei auch sicher, dass niemand den Canyon bei schlechtem Wetter betritt – vor einigen Jahren waren mehrere Touristen durch eine Sturzflut ums Leben gekommen. Und zugegeben, beim Anblick der Massen, die mit uns anstanden, war es auch offensichtlich, dass der Besucherandrang nicht anders zu regulieren wäre. Um die 4.000 Menschen schieben sich an einem durchschnittlichen Tag im Gänsemarsch durch die enge Schlucht, die stellenweise kaum breit genug für eine Person ist. So sah es leider auch nicht danach aus, dass wir unten irgendein Foto ohne Menschen machen könnten, was echt schade war. Mittlerweile hofften wir auch einfach nur noch, dass der Canyon das lange Anstehen wirklich wert wäre. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass es meist einen Grund gibt, wenn irgendwo sehr viele Leute hinfahren.

Endlich ging es die 30 Höhenmeter hinab auf Metallleitern wie in der Sächsischen Schweiz, und unten angekommen vergaßen wir all unsere Sorgen (bis auf den Sand). Die besten Motive im Antelope Canyon lagen nämlich über unseren Köpfen, wo das Licht in die enge Schlucht fiel. Die Felsen sahen aus wie versteinerte Wellen, sanft geschwungen in immer neuen Formen, und das Sonnenlicht tauchte sie in alle warmen Töne des Farbspektrums. Wir fotografierten bis zur Genickstarre, während uns von oben Sand in Augen, Kragen und Kameras rieselte. Mein Fotoapparat wurde Opfer eines Stäubchens im Objektiv und weigerte sich fortan, sich zu öffen – super, wenn man sich seit Monaten auf das Motiv gefreut hat und am nächsten Tag zum Grand Canyon wollte. Auch Kathrins Kamera schwächelt schon seit einiger Zeit und tut nur noch gelegentlich, was sie soll. Dafür wurde das iPhone der Held des Tages und machte die besten Bilder, vor allem mit dem sonst eher kitschigen Farbfilter, den der Guide uns empfahl. Auf wundersame Weise verliefen sich auch die Besuchermengen mit der Zeit und irgendwann waren nur noch eine Handvoll Leute samt unserem Guide übrig, sodass wir uns fast einreden konnten, den Canyon für uns zu haben. Wir waren gut und gern eine Stunde unten und können als Fazit sagen, dass es sich absolut gelohnt hat.

Einstieg in den Canyon – unten rechts seht ihr einen Mensch zum Größenvergleich

Hinter jeder Biegung warteten unzählige neue Motive.

Da ist die Fotoauswahl wirklich schwergefallen.

Hier sieht man noch etwas Sand, von dem wir vermutlich jetzt noch irgendwo Reste haben…

Als wir bei einem späten Mittagessen in einem Diner saßen, überhörten wir ein deutsches Paar am Nachbartisch – wir gaben uns nicht zu erkennen; auch hier scheint es, wie überall auf der Welt, von unseren Landsleuten nur so zu wimmeln. Aber die Unterhaltung der beiden war einfach köstlich, vor allem als der Mann sich schließlich in schönstem schwäbischen Dialekt bei seiner Frau echauffierte, dass das hier ja „alles nur Schluchten“ wären. Wir wissen nicht, was er in dieser Gegend erwartet hat. Uns hat’s gefallen. 😉

Am Nachmittag düsten wir noch knapp 200 Kilometer nach Flagstaff, der einzigen größeren Stadt im Norden Arizonas, wo wir übernachteten, und am nächsten Tag von dort zu den östlichen Ausläufern des Grand Canyons. Wir fuhren auf der Südseite des Canyons entlang, wo sich die gesamte Infrastruktur des Nationalparks befindet und man außerdem die Sonne im Rücken hat. Mit etwas Gewalt Glück hatte ich meine Kamera wieder flott gekriegt, aber was soll man sagen, natürlich ist auch das beste Foto nur ein müder Abklatsch der Realität, wenn man auf ein Tal blickt, dass stellenweise 30 km breit und 1.500 Meter tief ist. In endlosen Stufen hat sich der Colorado in den Fels gegraben und ist vom Rand des Canyons kaum zu sehen.

Der Grand Canyon…

…man versteht die Faszination.

Am Südrand gab es ein ganzes Dorf komplett mit Bahnhof, mehreren gigantischen Parkplätzen, Einkaufs- und Übernachtungsmöglichkeiten, wo wir unser Auto stehen ließen und in den Shuttle-Bus umstiegen, der uns noch weiter nach Westen brachte, wo wir ein Stück am Rand der Schlucht entlangwanderten. Die Vistas waren atemberaubend, und obendrein sahen wir mehrfach Wapiti-Hirsche in den niedrigen Kiefernwäldchen am Wegesrand äsen. Wir blieben bis zum Sonnenuntergang, der die roten Felsen richtiggehend zum Leuchten brachte, und beschlossen, am nächsten Tag noch einmal wiederzukommen.

Ein Elk, zu deutsch Wapiti-Hirsch

Unser Nachtquartier lag reichlich 90 Kilometer entfernt im kleinen Williams, was für hiesige Verhältnisse praktisch direkt um die Ecke war. Am nächsten Tag fuhren wir noch einmal mit dem Shuttle-Bus zu einigen Punkten, die wir am Vortag nicht geschafft hatten, mussten uns aber wieder warm anziehen, denn es war durch den recht frischen Wind erstaunlich kalt am Grand Canyon, obwohl die Sonne schien.

Den Rest des Tages verbrachten wir wieder einmal „on the road“, fuhren nach Kingman im Westen Arizonas, wo wir einen Tag Pause machten und quasi Luft holten für unseren bevorstehenden Abstecher in die nächste Großstadt. Zivilisation sind wir nicht mehr gewöhnt, und dann auch noch Las Vegas…

Nur Utah ist schöner

Aufgepasst, lieber Leserinnen und Leser, heute gibt es wieder zwei Beiträge auf einmal. Also scrollt gleich erst einmal nach unten zu „On the road again“. 😉

20. September 2017, Kanab/Utah

Heute war unser letzter Tag in Utah, morgen geht es weiter nach Arizona. Ich bin gespannt, was uns auf unserer weiteren Fahrt erwartet; der Grand Canyon liegt vor uns, aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass es mich irgendwo jemals wieder so umhauen wird wie hier. Na gut, der Grand Canyon vielleicht, hoffentlich. Und vielleicht spielte auch die Tatsache, dass wir eigentlich nichts über Utah wussten und entsprechend wenig Erwartungen hatten, eine Rolle. Aber dieser Bundesstaat hat uns völlig überwältigt mit seinem roten Wüstensand, seinen Hochplateaus, seinen vielfarbigen Felsen, tiefen Canyons, und nicht zuletzt seinem blauen Himmel. Nach wochenlanger Reise durch Waldbrandgebiete hatten wir vergessen, wie unglaublich klar die Luft, wie weit die Sicht sein kann. Und Utah bot uns jede Menge Horizonte, um dies zu genießen.

Wir übernachteten einmal in der Nähe von Salt Lake City, hielten aber nicht in der Stadt, sondern fuhren direkt bis in die Wüste weiter südöstlich, wo wir vier Nächte in einem kleinen Ort namens Green River blieben, der ein guter Ausgangspunkt für die Nationalparks Arches und Canyonland war.

Mit Arches fingen wir an. Der Park verdankt seinen Namen den Sandstein-Felsbögen, von denen es dort mehrere gibt. Von der Nationalparkschranke aus führte die Straße in steilen Serpentinen auf ein Plateau und plötzlich befanden wir uns in einer anderen Welt voll senkrechter Felswände, kurioser Steinsäulen und Sand, und das alles in einem tiefen, warmen Orange-Rot. Wir hielten an einigen Aussichtspunkten und machten dann eine kleine Wanderung zu einer Formation, die sich die „Windows“ nannte. Es gab eine Treppe direkt zu den beiden Fenstern, den so ziemlich alle Leute zu gehen schienen, und einen einfachen Trampelpfad, der in weitem Bogen um die Felsen herum führte. Nachdem wir auf dem Parkplatz drei Runden fahren mussten, um überhaupt einmal eine Parklücke zu finden, war es erstaunlicherweise fast menschenleer, sobald wir auf dem Pfad waren. Kaum dass der Parkplatz außer Sichtweite war, hörte man nur noch das Rauschen des Windes zwischen den Felsen, die Sonne schien auf den roten Wüstensand, in dem nur Yukkas und Kakteen gediehen, der Himmel war blau und wir sahen tiefe Schluchten und noch mehr hohe Felsen in der Ferne. Gelegentlich huschte ein kleiner Gecko über den Weg. Es war unglaublich friedlich.

Die beiden Windows.

Wir gingen noch eine weitere Tour zum Aussichtspunkt auf den Delicate Arch, das Wahrzeichen des Parks, das auch auf den Nummernschildern von Utah abgebildet ist (ja, es gibt hier Nummernschilder mit Hintergrundmotiv), aber es war inzwischen Nachmittag und die Sonne brannte erbarmungslos auf uns herab. Obwohl der Anstieg nicht lang war, waren wir danach völlig fertig. 42°C im Schatten sind schon recht warm, vor allem, wenn es gar keinen Schatten gibt.

Double Arch

Am nächsten Morgen standen wir daher schon um sechs auf, um zu Sonnenaufgang im Park zu sein. Nicht unsere bevorzugte Uhrzeit, aber temperaturtechnisch definitiv die richtige Entscheidung. Die Wanderung zum Delicate Arch, den wir am Vortag nur von weitem gesehen hatten, dauerte an die drei Stunden und wir absolvierten sie am Vormittag, als die Hitze noch erträglich war. Trotz der frühen Stunde waren schon sehr viele Leute unterwegs. Die Wanderung führte lange Zeit über nackten Fels und obwohl wir nicht die einzigen waren, verliefen wir uns mit einigen anderen Wanderern, da der Weg nicht gut markiert war. Dafür, dass man überall schön auf dem Weg bleiben sollte, ließ die Markierung wirklich oft zu wünschen übrig. Ein paar andere Sehenswürdigkeiten des Parks schauten wir uns noch an, bevor es wieder zu heiß wurde und wir zurück nach Green River fuhren, eh uns die Hitze völlig erschlug.

Delicate Arch

Diese Felsgruppe trägt den Namen Fiery Furnace („feuriger Ofen“).

Ganz in der Nähe von Arches, quasi auf der gegenüberliegenden Straßenseite, lag der Canyonland-Nationalpark, für den wir am nächsten Morgen wieder zeitig aufstanden. Warum der Park so hieß, erschloss sich nicht auf den ersten Blick. Die Fahrt führte über eine weite Ebene, aus der sich gelegentlich Mesas erhoben, tafelartige Berge, die oben wie mit dem Messer glattgestrichen aussehen. Das Tor in den Nationalpark war um diese frühe Stunde noch nicht einmal besetzt, wir konnten einfach hineinfahren. Ein paar Kilometer den Park hinein lag der Parkplatz für den Mesa Arch, das berühmteste Fotomotiv von Canyonland. Wir wanderten los, durch flache Wüstenvegetation, kleine Bäumchen und Gräser, ein paar Felsbrocken, sahen hier und da ein Streifenhörnchen und irgendwann tauchte der Steinbogen des Mesa Arch vor uns auf. Alles ganz nett. Erst wenn man direkt vor dem Bogen stand, eröffnete sich dahinter plötzlich wie aus dem Nichts ein horizontfüllendes Panorama aus Canyons, die sich in endlosen Stufen hunderte, wenn nicht tausend Meter tief in das Hochplateau gruben, an den Seiten flankiert von hohen Felsnadeln, während sich ganz unten im Tal, auf die Entfernung fast unsichtbar, der Colorado River entlang schlängelte. Wenn mir ein Motiv aus den USA in Erinnerung bleiben wird, dann ist es dieser Anblick.

Morgensonne am Mesa Arch…

…und der Blick auf die Canyons auf der anderen Seite.

Und mit den tollen Panoramen ging es weiter, wohin wir im Nationalpark kamen. An sich ist Canyonland nicht groß; der ganze Park befindet sich im Prinzip auf einer großen Mesa (so ein Hochplateau-Berg). Auf der einen Seite schaut man hinab zum Colorado, auf der anderen zum Green River, an dessen Ufern auch der kleine Ort lag, in dem wir übernachteten. Wenn das relativ unbekannte Canyonland schon so großartig war, wie wäre es dann erst am Grand Canyon?

Unendliche Weite…

…zufriedene Reisende.

Wir verließen die Gegend, um weiter Richtung Süden zu fahren, wo wir mit Bryce und Zion zwei weitere berühmte Nationalparks besuchen wollten. Am Weg dorthin lagen noch zwei Parks, durch die wir im Prinzip nur hindurch fuhren, die aber schon von der Straße aus überwältigend schön waren. Am ersten Tag der Fahrt passierten wir Capitol Reef, dessen rot und weiß gestreifte Berge an einer Seite steil ins Tal abfielen. Am Tag darauf fuhren wir durch Grand Staircase-Escalante, ein weiterer Nationalpark, von dem wir noch nie gehört hatten, der aber definitiv einen Besuch rechtfertigen würde. Die von tiefen Canyons durchschnittenen Felsen waren hier überwiegend weiß, was toll mit dem dunklen Gewitterhimmel dieses Tages kontrastierte. Es dauerte auch nicht lange, dass es blitzte und donnerte und anfing zu gießen wie aus Eimern; zwischendurch hagelte es auch und wir waren froh, dass wir da gerade zum Mittag in einem Subway saßen. Die gesamte Gegend in Süd-Utah ist berüchtigt für so genannte Flash Floods: wenn es regnet, dann richtig, doch auf dem trockenen, felsigen Boden kann das Wasser nicht versickern. So bilden sich in kürzester Zeit reißende Flüsse in den sonst trockenen Flussbetten, die mit der Kraft von zweieinhalb Elefanten, wie es so schön in einem Nationalparkzentrum beschrieben wurde, ganze Bäume und Steinbrocken mitreißen können. Anfang des Sommers erlebt diese Gegend sogar eine richtige Monsunzeit! Der Regen ist auch der Grund, warum es trotz der vielen Gewitter und Blitzeinschläge so gut wie keine Waldbrände gibt, aber von Flussbetten sollte man sich eben fernhalten, wenn sich der Himmel zuzieht, wenn man nicht von zweieinhalb Elefanten umgerissen werden will.

Capitol Reef

Und tolle Ausblicke auf…

…Grand Staircase-Escalante.

Und plötzlich sah unser Auto so aus und die Berggipfel in der Ferne waren weiß.

Das Wetter passte bestens zu unserer Absicht, mal zwei Tage lang nichts zu tun. Wir brauchten eine Pause von all der Fahrerei und den vielen Ausflügen. Daher suchten wir uns das günstigste Motel, das wir in der Region finden konnten, in einem Ort namens Beaver, und quartierten uns dort für zwei Tage ein, schliefen aus, guckten Filme, gingen Pizza essen, was man halt so tut, wenn das Wetter kalt und regnerisch ist.

Danach waren wir gut ausgeruht für die nächste Runde Nationalparks, die wir leider ziemlich straff durchplanen mussten, da die Quartiere in der Umgebung wieder alle ziemlich überteuert waren. Zuerst besuchten wir Zion, das im Prinzip nur ein einziges langes, an allen Seiten von hunderte Meter hohen, senkrechten Felswänden begrenztes Tal ist. Aufgrund der Geografie der Gegend durfte man nicht mit dem eigenen Auto in das Tal fahren, da es gar nicht genug Parkmöglichkeiten geben würde, sondern musste am Besucherzentrum parken und von dort Shuttle-Busse benutzen. Das könnten sie auch mal in anderen Parks einführen, um den Verkehr zu reduzieren. Für uns bedeutete es allerdings wieder einmal zeitiges Losfahren, da auch die Parkplätze dort begrenzt waren. Wir hatten Glück (bzw. es lohnte sich einfach, schon kurz nach acht da zu sein) und der größte Teil des Tals lag noch im Schatten der hohen Wände, als wir uns auf den Weg hinein in den Canyon machten. Wir stiegen hinauf zu den Emerald Pools, kleinen Tümpeln weiter oben im Tal, die von einem Wasserfall gespeist wurden, hinter dem man durchgehen konnte. Leider war diese Tour, wie eigentlich jede, die wir in Zion unternahmen, von Menschen völlig überlaufen. Man hatte das Gefühl, dass das Tal trotz seiner gewaltigen Dimensionen die Besuchermassen nicht fassen konnte. Ständig stand man jemandem im Bild oder musste sich entschuldigen, auf dem Weg überholen zu dürfen. Das, zusammen mit der zwar schönen, aber auch nicht überwältigenden Landschaft machte Zion für uns zum am wenigsten lohnenswerten der bisherigen Nationalparks. Am darauffolgenden Tag hatten wir noch einmal tolle Aussicht über den hinteren Teil des Tals, als wir mit dem Auto den Highway fuhren, der direkt oberhalb des Canyons entlang führt. Dort war die Landschaft eindrucksvoller bis die Straße in einem über 1km langen Tunnel verschwand, der unbeleuchtet und so eng war, dass der Verkehr von Helfern geregelt werden musste – wenn ein größeres Fahrzeug wie ein Bus oder Wohnmobil hindurch wollte, musste der Gegenverkehr draußen warten, da große Fahrzeuge nur in der Tunnelmitte fahren konnten. Auf der anderen Seite des Tunnels sahen die Felsen aus wie aus vielen Lagen übereinander geschichtet und selbst an den steilsten Wänden wuchsen teilweise noch Bäume.

Die Wanderung führte hinter dem Wasserfall hindurch.

Zion Canyon

Am Nachmittag erreichten wir den Red Canyon, noch mehr roter Sand und mehrfarbig gestreifte Felsen, und obwohl ganz Süd-Utah aus roten Felsen zu bestehen scheint, sieht die Landschaft überall anders aus und wir sind ihrer noch nicht müde geworden. Im Red Canyon hatten wir einen Ausflug gebucht, den wir schon ganz lange machen wollten, und hier klappte es endlich: eine Reittour, im Westernsattel durch die Canyons wie echte Cowgirls. Wir hatten Glück, es hatte sich niemand weiter angemeldet, und so waren wir nur zu dritt mit der Tourleiterin Lori. Die Pferde waren sehr ruhig und entspannt, gut ausgebildet und reagierten schon auf sanfte Signale, die natürlich wieder anders waren als in der Mongolei. Hier reitet man mit sehr langen Zügeln, die man locker in einer Hand hält, und wenn man abbiegen will, zieht man den Arm in die Richtung, in die man reiten möchte. Am Treffpunkt lud Lori uns in ihren Pick-up und die drei Pferde in den Anhänger und von dort fuhren wir ein paar Meilen bis zum Ausgangspunkt des Butch Cassidy Trails, auf dem wir dann ritten. Butch Cassidy war ein berühmter Outlaw in dieser Gegend, eine Art Robin Hood, der Banken ausraubte und verarmten Witwen half, ihr Land zu behalten. Wir hörten einige Geschichten über ihn, während wir durch das Tal ritten, in dem er sich vor den Gesetzeshütern versteckte. Trittsicher fanden die Pferde den Weg hinauf über enge Pfade durch spärliche Kiefernwäldchen bis auf einen Bergrücken, von wo aus wir auf die andere Seite hinunter in den Losee Canyon schauen konnten. Das Reiten im Westernsattel war ziemlich bequem, auch wenn am Ende der drei Stunden unsere Hintern und Knie trotzdem protestierten.

Red Canyon, unschwer zu erkennen, woher der Name kommt.

(Fast) echte Cowgirls. 😉

Viel Zeit zum Ausruhen hatten wir aber nicht, denn am nächsten Morgen stand der Bryce Canyon auf dem Programm – mehr als eine teure Nacht in der nächsten Ortschaft Panguitch wollten wir nicht bezahlen. Panguitch lag erfrischenderweise nur 24 Meilen vom Eingang zum Nationalpark entfernt, etwas mehr als 30 Kilometer – eine angenehme Abwechslung zu den manchmal bis zu 80 Meilen (120 Kilometer), die wir sonst zuweilen fahren mussten, um ein erschwingliches Quartier in der Nähe eines Nationalparks zu finden. Auf dem Weg zum Park sprach uns an einer Haltebuchte, wo wir Fotos von den tollen roten Felsen machten, eine älterer Herr an. Als er hörte, dass wir aus Deutschland kommen, erzählte er uns, dass seine Frau aus Leipzig kam und sie sich in Hamburg kennengelernt hätten. Er sprach so gut Deutsch, dass ich zunächst nicht einmal merkte, dass er Amerikaner ist. Die deutsche Grammatik beherrschte er besser als viele Muttersprachler, und er brachte uns sogar mit ein paar Brocken Sächsisch zum Lachen. Selbst die meisten Deutschen wissen nicht, was ein Mutschekiepchen ist.

Der Bryce-Nationalpark ist weniger ein Canyon als ein „Amphitheater“, wie es so schön genannt wird: ein riesiges, halbrundes Becken voll bizarrer, roter Felsnadeln. Auch in diesem Park gab es einen Shuttle-Bus. Man hätte zwar mit dem eigenen Auto fahren können, aber wir nahmen trotzdem den kostenlosen Bus, wenn er schon einmal angeboten wurde, und das ermöglichte uns auch, auf dem Rand des Amphitheaters entlang zu wandern und einfach an einer späteren Haltestelle wieder in den Bus zu steigen. Auf diese Weise hatten wir den Park auch hin und wieder ein bisschen für uns; an den Aussichtspunkten war es natürlich sehr überlaufen, wenn auch nicht so schlimm wie in Zion. Einige Wege führten in steilen Serpentinen hinab zwischen die Felsnadeln – jeden Meter musste man dann natürlich auch wieder hinaufklettern, aber es hat sich trotzdem gelohnt für die tollen Anblicke der steilen Felsformationen, die in der Mythologie der hiesigen Ureinwohner versteinerte Lebewesen sind.

Bryce Canyon

 

Das „Amphitheater“…

Blick von gaaanz unten.

Bryce war auf jeden Fall ein toller Abschluss für Utah. Wir fuhren noch knapp 150 Kilometer (völlig normal) bis zu einem Hostel in Kanab (eines von zwei Hostels im gesamten Bundesstaat), von wo aus wir morgen weiter nach Süden fahren werden. Grand Canyon, wir kommen!

On the road again…

15. September 2017, Beaver/Utah

Auch wenn Hawaii als 50. Bundesstaat Teil der USA ist, empfinden wir die Inseln doch eher als eine eigenständige Region (eine Meinung, der sich viele Hawaiianer anschließen würden), und so ist für mich die Busfahrt nach Seattle unsere eigentliche Einreise in die USA.

Der Grenzübertritt auf dem Landweg war eine sehr unbürokratische Sache; keiner wollte noch einmal unsere zehn Fingerabdrücke nehmen oder irgendwelche Formulare sehen; in drei Minuten war alles erledigt, während der Bus draußen wartete. Der Greyhound-Bus war auch nichts besonderes, zumal er keines seiner Werbeversprechen hielt. Das Internet funktionierte nicht, aus der Steckdose kam kein Strom und die versprochene Beinfreiheit suchten wir vergebens, wobei die größere von uns beiden gerade einmal 1,65m misst, also will das schon etwas heißen. Aber die Ansprüche wachsen eben mit dem Angebot – in Südostasien waren wir schon froh, wenn es überhaupt einen Bus gab und dieser dann auch noch fahrtüchtig war. Man gewöhnt sich so schnell wieder an den Luxus…

Seattle ist die größte Stadt im Nordwesten der USA und wirklich auch die einzig nennenswerte Stadt im Bundesstaat Washington, eine Metropole mit spiegelnden Glaskästen und historischen Wolkenkratzern, schmuddelig-alt und hypermodern, verstreut auf unzählige Hügel zwischen großen Gewässern, eine Stadt, die uns als charmant und angenehm in Erinnerung bleiben wird.

Downtown Seattle, von der Waterfront aus gesehen

Wir wohnten in allerbester Lage direkt im Zentrum, wo es ein erstaunlich gemütliches Hostel, das Green Tortoise gab, das rustikale Doppelstockbetten, jede Menge Ausflugstipps und am Abend unserer Ankunft sogar ein kostenloses Abendessen bot, damit man mit den anderen Gästen ins Gespräch kommen konnte.

Direkt gegenüber begann die Marktgegend, in deren Zentrum sich der Pike Place Market befand, eine historische Markthalle, in der seit über 100 Jahren lokal erzeugte Lebensmittel verkauft werden. Mittlerweile findet man dort auch jede Menge Kunsthandwerk und Schnickschnack, aber der Charme ist erhalten geblieben und so verbrachten wir einen halben Tag nur damit, durch die Arkaden zu schlendern und die Auslagen der teilweise sehr kuriosen Geschäfte zu bestaunen.

Pike Place Market

Für den Nachmittag hatten wir uns mit einem alten Bekannten verabredet: Jonathan hatten wir in Siem Reap/Kambodscha kennengelernt und dort zwei Nächte im Hostel durchgequatscht über Gott und die Welt. Dank Facebook (war es tatsächlich mal zu etwas gut) hatten wir gesehen, dass er gerade in Seattle lebt und ein Treffen vereinbart. So nahmen wir nachmittags den Zug in den Stadtteil Beacon Hill, ein ruhiges, etwas alternativ wirkendes Viertel voll bunter, hölzerner Einfamilienhäuschen mit bunten Gärten, wo Jonathan uns vom Bahnhof abholte und zu dem Haus brachte, in dem er gerade lebte. Es war das Haus von Freunden, die verreist waren, und er passte darauf auf. Wir begrüßten den alten Kater im Garten und Jonathan, der Fotograf ist, zeigte uns atemberaubende Bilder, die er während seiner Zeit in Nepal aufgenommen hatte. Dann ernteten wir zwei Schüsseln reife Pflaumen vom Baum als Proviant und fuhren zum nahe gelegenen Lake Washington zum Baden. Zwei Freunde von Jon waren schon da, fast die einzigen Badegäste an dem kleinen Strand, der aus einer Picknickwiese und einem kieseligen Ufer bestand. Es war wunderbar ruhig, das Wasser war klar und hatte genau die richtige Temperatur, die Sonne schien und es war einfach nur herrlich. Anschließend gingen wir noch etwas durch den Wald im Seward Park spazieren, einer Halbinsel, die in den riesigen See hineinragt, und abends nahm Jon uns noch mit zu einer Bekannten, die eine Grillparty in ihrem Garten veranstaltete und nichts gegen zwei zusätzliche Gäste hatte. Sie war Spanischlehrerin an der Universität und hatte ihre Kursteilnehmer eingeladen, mit denen sie demnächst zu einer Sprachreise nach Spanien aufbrechen würde. Wir unterhielten uns sehr nett mit einem Japaner, der ein Freund ihres Sohnes war, und mit einem Herrn, der zur Untermiete in ihrem Haus wohnte. Alle hatten etwas zu essen mitgebracht und es war ein richtig schöner Abend. Wir hatten übrigens Glück, Jonathan in Seattle zu erwischen: zwei Tage später verließ er die Stadt, um seine Familie in Kalifornien zu besuchen, eine Hochzeitsfeier von Freunden in New York zu fotografieren und anschließend zu seinem neuen Job in Christchurch/Neuseeland aufzubrechen, wofür wir ihm noch ein paar Reisetipps geben konnten. Wer weiß, wo wir uns wiedersehen…

Mit Freund Jonathan am Lake Washington

Am nächsten Tag besuchten wir ein nepalesisches Restaurant, das Jon uns empfohlen hatte und liefen danach zum Park an der Space Needle, dem Wahrzeichen der Stadt. Im Park gab es alle möglichen Museen, wonach uns aber nicht der Sinn stand, und einen großen Springbrunnen, der Wasserstrahlen aus einer Halbkugel in alle Richtungen schoss, sehr zur Freude dutzender Kinder, die darum herumsprangen und erfolglos versuchten, nicht nass zu werden. Danach gingen wir getrennter Wege; ich spazierte noch an den Piers der Uferpromenade entlang und warf einen Blick in die Stadtbibliothek, in der ein spiralförmiger Gang über vier Etagen an Bücherregalen entlang führte, was eine witzige Idee war.

Die Space Needle, das Wahrzeichen Seattles

Danach war es vorbei mit Großstadt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir wollten Nationalparks sehen, und getreu dem Motto „Zurück zur Natur – aber ja nicht zu Fuß“ ist der einzig machbare Weg in den USA leider ein Roadtrip mit dem Auto (oder man fährt monatelang Fahrrad wie einige Hartgesottene, die wir immer mal wieder sehen, aber es sei uns verziehen, dass wir das nicht wollten). Wir holten also unseren Mietwagen in Seattle ab, einen Toyota Corolla, und ab ging es nach Nordwesten. Unser erstes Ziel: der Glacier National Park, empfohlen von dem kanadischen Vater mit seiner Tochter, die wir am Lake Louise getroffen hatte. Der Weg dorthin: der Highway 20, nicht die schnellste Strecke, aber von Jonathan empfohlen wegen der schönen Landschaft. Und beide sollten Recht behalten. Aber dazu später.

Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, sind wir schon reichlich zwei Wochen mit dem Auto unterwegs und haben festgestellt, dass die Dimensionen hier eine andere Größenordnung haben. Nicht nur buchstäblich – die Entfernungen werden in Meilen angegeben, die Höhenmeter in Fuß, die Temperatur in Fahrenheit, die Tankfüllung in Gallonen und die Wassermenge für das Fertigessen, das es jetzt oft zum Abendbrot gibt, in Tassen. Auch generell merkt man, wenn man einmal versucht, von einem Ort zum nächsten zu kommen, wie unfassbar groß die USA sind.

In Europa amüsieren wir uns gern über die geografisch ungebildeten US-Amerikaner, von denen viele nie ihr Land, nicht einmal ihren Bundesstaat je verlassen. Aber dabei vergessen wir, dass im Prinzip jeder Bundesstaat ein eigenes Land ist, auch wenn alle die gleiche Sprache sprechen und mit der gleichen Währung zahlen. Wer kann schon aus der Kalten alle 50 US-Bundesstaaten mit Hauptstädten aufzählen und weiß, welcher wo liegt? Und wenn man in einem Kaff wohnt, das buchstäblich aus zwei Straßen und einer Tankstelle besteht, wo der nächste größere Ort (mit vielleicht 5.000 Einwohnern) schon eine mehrstündige Autofahrt entfernt ist, denkt man dann wirklich darüber nach, auf einen anderen Kontinent zu reisen? Wie viele Europäer haben ihr Land oder ihren Kontinent noch nie verlassen? Jetzt wo wir hier sind und wirklich hautnah erleben, wie unglaublich weit alles ist und wie dünn besiedelt viele Gegenden sind, können wir die Weltfremdheit der hiesigen Bevölkerung auf jeden Fall schon etwas besser nachvollziehen (auch wenn das Bildungssystem hier trotzdem noch nachhelfen könnte).

Während in den vergangenen Tagen der Hurrikan Irma über Florida zog, fragten einige von euch, ob wir davon etwas mitbekämen, und ich sagte, nein, das wäre so als ob es in Griechenland Unwetter gibt, während man sich in Dresden aufhält. Vorhin haben wir mal auf der Karte geguckt und festgestellt, dass der Vergleich immer noch lächerlich weit hinterher hinkt. Gibt GoogleMaps von Athen nach Dresden eine Fahrzeit von reichlich 21 Stunden an, sind es von Miami in Florida nach Beaver in Utah, wo wir uns gerade befinden, 38 Stunden auf der schnellsten Strecke. Bis nach Seattle wären es sogar 48 Stunden reine Fahrzeit. Zum Glück sind wir im Mietvertrag beide als Fahrerinnen eingetragen und können uns daher die Fahrerei teilen, Tagesstrecken von mehreren Hundert Kilometern sind mittlerweile der ganz normale Wahnsinn für uns geworden; dabei wollen wir noch nicht einmal ansatzweise bis nach Florida.

Übernachten können wir überwiegend in Motels, die sich alle irgendwie mehr oder weniger ähneln. Meist sind es einstöckige Gebäude, wo man das Auto direkt vor der Zimmertür parkt, und wir müssen nur noch selten das Bett teilen, da es meist zwei Betten gibt. Das sind dann auch gleich zwei Queensize-Betten, etwa 140 cm breit, mit je zwei bis vier Kopfkissen, kleinere Betten haben wir hier noch nicht gesehen (außer die Doppelstockbetten in den seltenen Hostels). Wenn wir doch einmal nur ein Bett zur Verfügung haben, ist es hin und wieder ein Kingsize-Bett mit einer Breite von 180 cm. Hier ist alles XXL, Vorurteil bestätigt. Nicht so die Menschen, entgegen dem in Deutschland gängigen Vorurteil der fettleibigen US-Bürger; man sieht zwar übergewichtige Personen, aber meiner Meinung nach nicht mehr als in Deutschland. Oder vielleicht haben wir uns da in Europa auch allmählich angeglichen, würde mich nicht wundern.

Die Leute sind größtenteils sehr freundlich und gesprächig; man merkt schon, dass hier viel mehr Small Talk gehalten wird. Jede Kassiererin, jeder Kellner begrüßt einen nicht nur mit ‚Hallo‘, sondern auch immer noch ‚Wie geht’s?‘, worauf man dann antwortet ‚Gut, danke‘ und dann ganz normal seine Bestellung aufgibt oder was auch immer. Manchmal entwickelt sich noch ein Gespräch daraus, woher wir kommen, Tipps was wir uns anschauen sollen, oder wir bekommen die ganze Lebensgeschichte unseres Gegenübers erzählt (und es ist wirklich erstaunlich, was manche Leute zu erzählen haben), und am Ende geht jeder wieder seiner Wege. Ich finde das ziemlich angenehm. Es heißt ja oft, die US-Amerikaner seien so oberflächlich, und so kann man das auch interpretieren, aber diese Art kommt vermutlich davon, dass die Privatsphäre hier viel mehr respektiert wird und man anderen Leuten einfach nicht zu sehr auf die Pelle rücken will (das ist zumindest meine Theorie). Als wir einen Morgen etwas länger im Bett lagen, kam der Reinigungsmann vorbei und schaute ins Fenster, um zu sehen, ob wir schon ausgecheckt hätten. Unsere Blicke trafen sich, er ging hastig weiter und rief kurze Zeit später auf unserem Zimmertelefon an, um sich zu entschuldigen.

Ein anderes Stereotyp ist natürlich das Essen. Wir sind jetzt mit unserem knapp kalkulierten Budget nicht in der besten Verfassung, eine objektive Einschätzung dazu abzugeben – wenn man in Deutschland mit kleinem Geldbeutel essen geht, darf man auch keine Vollwertkost erwarten. Aber was wir hier so sehen, scheint das Vorurteil schon zu bestätigen. Wir frühstücken normalerweise im Motel – entweder unsere mitgebrachten Bagel mit Nutella (beides Lebensmitel, die sich gut ohne Kühlung halten, wir haben ja im Auto keinen Kühlschrank) – oder manchmal wird Frühstück angeboten. Letzteres besteht dann zumeist aus Toast mit Konfitüre oder Erdnussbutter, manchmal Muffins oder anderes kleines Süßgebäck, und Cornflakes mit Milch. Wenn man Glück hat, gibt es etwas Obst, Pancakes oder Waffeln mit Sirup. Tee sucht man meist vergebens, und zum Kaffee gibt es eigentlich immer nur Kaffeeweißer, dieses Pulver, dessen Zutatenliste wir heute früh mal gelesen haben und feststellen mussten, dass man einen Abschluss in Lebensmittelchemie braucht, um sie zu verstehen (da fühlt sich jetzt bestimmt jemand angesprochen 😉 ). Mittags essen wir unterwegs, oft in einem Diner, so einem einfachen Restaurant, wo man sich auf gepolsterten Bänken gegenüber sitzt, und wo sich die Auswahl meist auf Burger oder Sandwiches mit Pommes und eine Suppe oder ein Chili beschränkt. Die günstige und vermutlich auch relativ gesunde Alternative ist Subway (wer das nicht kennt: eine Fast Food-Kette, die Sandwiches mit sehr viel Gemüse macht) – jedes Kuhdorf hat hier ein Subway, meistens direkt an der Tankstelle, und abgesehen von dem Obst, das wir kaufen (die Pfirsiche haben gerade Saison in Utah und schmecken köstlich), ist das vermutlich unsere einzige Vitaminquelle. Oder nein, das stimmt nicht ganz, denn es gibt ja noch das Abendessen, das wir uns meist im Motel zubereiten, wo es eigentlich immer einen Kühlschrank und eine Mikrowelle gibt. Also kaufen wir uns so leckere Dinge wie Knorr-Pasta in Kräutersauce (ein Gedicht), oder Reis mit Bohnen aus der Dose (himmlisch) oder Cupnoodles (eine wahre Gaumenfreude), die wir dann nur mit heißem Wasser aufgießen oder aufwärmen oder in der Mikrowelle kochen müssen (geht ziemlich gut), und diese sind unglaublich gesund, zumindest wenn man der Zutatenliste Glauben schenkt. Da sind nämlich nicht einfach Reis oder Nudeln drin; nein, das Zauberwort heißt ‚angereichert‚ und so ist jedes Tütenessen eine wahre Vitamin- und Nährstoffquelle. Man kann wirklich nur staunen, wie gesund hier alles ist (ja, das war jetzt ironisch gemeint). Wir haben ein Päckchen Reis gekauft, das unter anderem mit 0% Fett warb. Eine Zutat, die ich in Reis von vornherein nicht vermutet hätte, aber gut zu wissen.

Aber man kann über die USA sagen, was man will, die Landschaft ist oft so überwältigend schön, dass es uns die Sprache verschlägt und auch nach all den Orten, die wir auf unserer Reise schon gesehen haben, noch beeindruckt. Nicht nur in den Nationalparks, auch einfach auf den Strecken dazwischen. Der von Jonathan empfohlene Highway 20 durch Washington war eine Fahrt durch hohe Berge, prärie-artiges Grasland bis zum Horizont und kleine Städtchen, die als Kulisse für Wildwestfilme dienen könnten.

Pferde in der Prärie

Mit einer Zwischenübernachtung erreichten den Ort Kalispell an den westlichen Ausläufern des Glacier-Nationalparks in Montana, einem Ort mit mehr als 20 Kirchen bei rund 20.000 Einwohnern. Wir hatten dort ein AirBnB gebucht, das wir leider bei unserer Ankunft verschlossen vorfanden, und da wir keine amerikanische Simkarte im Handy haben, konnten wir den Vermieter auch nicht kontaktieren. An einer nahe gelegenen Tankstelle ließ man uns das Telefon benutzen, aber die Mailbox des Gastgebers war voll, also blieb uns nicht viel anderes übrig, als vor dem Haus zu warten, was nach der langen Fahrt nicht so toll war. Zum Glück warteten wir dann nicht einmal eine Stunde, und das Haus war sehr komfortabel, sodass wir uns gut erholen konnten (es gab sogar einen Hotpool im Garten), wenn auch die Dekoration aus unzähligen präparierten Tierköpfen an der Wand und Fellen auf dem Fußboden etwas gewöhnungsbedürftig war. Der Gastgeber war Hobby-Jäger. Zumindest konnte er uns einige gute Tipps für den Nationalpark geben und so fuhren wir am nächsten Tag einmal quer hindurch. Die einzige Straße durch den Park trug den klangvollen Namen „Going-to-the-sun Road“, was nicht ganz unpassend war, da sie mehr als 1.000 Höhenmeter hinauf zum Logan Pass kletterte. Dort überwand sie die Continental Divide, die auf Deutsch etwas holprig ‚Nordamerikanische kontinentale Wasserscheide‘ heißt, was vereinfacht bedeutet, dass die Flüsse auf der Westseite in den Pazifik und auf der Ostseite in den Atlantik fließen. Im Großen und Ganzen bilden die Rocky Mountains diese Trennlinie, in denen wir uns auch hier befanden, und die Bergmassive um uns herum waren so beeindruckend, dass wir uns leicht vorstellen konnten, wie sie einen ganzen Kontinent teilen. Oben auf dem Pass sahen wir Bergziegen und Murmeltiere (oder etwas, das so ähnlich aussah) und wanderten bei schönstem Wetter zum Aussichtspunkt über den Hidden Lake. Einzig der Dunst weiterer Waldbrände, die auch hier in Montana wüteten, trübte die Sicht.

Glacier National Park

Great Continental Divide

Ein Murmeltier (?)

Die nächsten zwei Nächte verbrachten wir in East Glacier, einem Dorf auf der Ostseite des Nationalparks, wo es tatsächlich eine Internationale Jugendherberge gab, in der unsere Mitgliedschaft anerkannt wurde. Wir hatten zwar ein Zimmer für uns, nutzten aber die Gemeinschaftsküche und kamen so mit anderen Gästen ins Gespräch. Einen Abend unterhielten wir uns lange mit einem Deutschen aus Berlin, der oft in die Sächsische Schweiz zum Wandern fährt, und einem Iraner, der in den USA arbeitet, und hatten alle viel Spaß, die kulturellen Unterschiede zwischen unseren Ländern zu vergleichen.

Wir folgten der Empfehlung unseres schießwütigen Gastgebers aus dem vorigen Ort und machten im Nationalpark eine Tageswanderung zum Iceberg Lake. In der Jugendherberge gab es ein Café mit Bäckerei, wo wir uns früh mit Sandwiches für die Rast ausstatteten und gleich noch eine Dose Bärenspray mitnahmen, letzteres nichts zu essen sondern Notwehr im Falle einer Begegnung mit Meister Petz. Überall liest man in diesen Gegenden Ratschläge, wie man sich im Bärenland verhalten soll: beim Wandern Lärm machen, um die Tiere von vornherein abzuschrecken; falls man doch einen Grizzly oder Schwarzbär sieht, wenn möglich, mindestens hundert Meter Abstand halten und das Tier vorbeiziehen lassen. Sollte man sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen plötzlich direkt gegenüberstehen, kommt das Bärenspray zum Einsatz, bei dem es sich anscheinend um eine Art Pfefferspray handelt, die den Bär tatsächlich nicht noch aggressiver machen sondern abschrecken soll. Angeblich funktioniert das; wir hofften aber, es nicht ausprobieren zu müssen.

Die einzigen Tiere, die wir am Straßenrand auf der Fahrt zum Wanderparkplatz sahen, waren jede Menge Kühe, die ohne Zaun weideten, und einige Pferde, diese hinter Zäunen, und als wir erst einmal auf dem Wanderweg waren, machten wir uns in Anbetracht der vielen anderen Wanderer nicht allzu viele Sorgen, zumal die Mehrheit ein Bärenspray am Gürtel trug. Trotz der Menschenmassen war es eine schöne und auch ruhige Wanderung, die stetig sanft bergauf führte, erst durch einen Wald bis zu einem Wasserfall, dann durch heideähnliche Landschaft immer näher an die gewaltigen, senkrechten Felswände der Continental Divide heran, bis sie in einem Kessel am Iceberg Lake endete. Von den Namensgebern des Sees sahen wir leider nicht viel; die „Eisberge“, die eigentlich abgebrochene Stücke eines Gletschers sind, waren in der Sommerhitze alle geschmolzen bis auf einen, der einsam im Wasser trieb. Zurück ging es dann auf dem selben Weg, insgesamt etwa 15 Kilometer. Auf der Rückfahrt sahen wir, dass der Waldbrand-Smog noch dichter geworden war; in unserem Tal hatten wir davon zum Glück nichts mitbekommen.

Wanderung zum…

…Iceberg Lake, im Hintergrund die Great Continental Divide von der anderen Seite.

Der Weg war *unfassbar* staubig.

Von Glaciers fuhren wir zwei Tage mit Übernachtung in Helena nach Yellowstone, sozusagen dem Großvater aller Nationalparks, der sich größtenteils im Bundesstaat Wyoming befindet. Yellowstone ist ein Park der Superlative: schon 1872 gegründet, ist er nicht nur der älteste Nationalpark in den USA sondern weltweit. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als vier Millionen Besucher gezählt. Gelegen über der 80 km langen Caldera eines aktiven Vulkans, dem größten Vulkan auf dem amerikanischen Kontinent, befinden sich mehr als die Hälfte aller heißen Quellen auf der Welt in Yellowstone, darunter allein mehr als 300 Geysire. Die Ringstraße, die einmal durch den Park führt, ist über 220 km lang und angeblich gibt es an die 2.000 km markierte Wanderwege. In Yellowstone könnte man Wochen verbringen wenn man viel Geld hat und sich die teuren Unterkünfte in den selbst noch 100 km entfernten Ortschaften leisten kann doch fairerweise muss man auch sagen, dass ein Großteil des Parks einfach nur aus Nadelwald besteht, der nicht sonderlich eindrucksvoll ist.

Auch hier hat es schon manchmal gebrannt.

Die größten Highlights sind definitiv die geothermalen Gebiete und die Tierwelt. Zum einen abgrundtiefe, blaue Quellen, elfenbeinfarbene Sinterterrassen, gluckernde Schlammtöpfe, Geysire, das Farbenspiel der extremophilen Bakterien, die den Boden in den feurigsten Rottönen leuchten lassen. Farbenfrohe Quellen haben wir so viele gesehen, dass es schwerfällt, Favoriten zu nennen, aber die Grand Prismatic Spring war definitiv ein Höhepunkt, und ja, sie ist tatsächlich so bunt wie auf den Bildern. Der berühmteste aller Geysire, der Old Faithful, spuckt etwa einmal pro Stunde Wasser bis zu fünfzig Meter in die Höhe. Und die mineralischen Ablagerungen, welche die Sinterterrassen von Mammoth Hot Springs bilden, wirken wie aus einer anderen Welt.

Grand Prismatic Spring

Die tollen Farben kommen von den Bakterien, die in den extremen Bedingungen gedeihen.

Bäume gedeihen nicht so gut…

Noch mehr Bakterien-Kunst.

Die riesigen Sinterterrassen von Mammoth Hot Springs.

Eine abgrundtiefe Quelle

Der Old Faithful

Zum anderen sind da die Bisonherden, Hirsche, Wolfsrudel, Adler, Bären, Otter und Hörnchen, von denen man durchaus einige sieht. Bisons haben wir täglich irgendwo am Straßenrand gesehen, einmal ein Reh, auch Otter am Ufer eines Baches, und bei dem einen Wolf sind wir uns nicht ganz sicher, ob es nicht doch vielleicht ein Kojote war, er war zu weit entfernt.

Ein Bison am Straßenrand, ein alltäglicher Anblick.

Bisonherde im Hayden Valley

Auch wenn wir nur wenige Tage im Yellowstone-Nationalpark verbrachten, sahen wir unglaublich viel und können seine Anziehungskraft vollkommen verstehen. Einziger Wermutstropfen war unser mittlerweile schon dauerhafter Begleiter, der Dunst der eigentlich ziemlich weit entfernten Waldbrände, die dieses Jahr wirklich extrem gewesen sein müssen. Er begleitete uns auch noch auf unserer Fahrt durch den direkt im Süden angrenzenden Grand Teton-Nationalpark, der im Vergleich zu seinem Rekordnachbarn im Norden gerade zu ruhig und gelassen wirkte. Wir unternahmen dort nicht viel, fuhren nur zu ein paar Aussichtspunkten, bevor wir unsere Fahrt nach Süden fortsetzen und im Bundesstaat Utah einen völlig neuen Maßstab für den Begriff atemberaubend entdecken würden. Wenn wir Glaciers und Yellowstone schon überwältigend fanden, haben wir für die Nationalparks in Utah nur geübt. Ihr dürft gespannt sein…

Zum Abschluss noch ein Bild der Upper Yellowstone Falls.

Weiße Gipfel, grüne Wälder, blauer Dunst

11. August 2017, Mission/Kanada – 4. September 2017, West Yellowstone, Montana/USA

Gestern noch in Hilo bei stickigen 33°C auf dem Balkon unseres Hostels gesessen und die Geckos auf dem Geländer beobachtet, befinden wir uns heute schon in der kanadischen Provinz British Columbia, an einem breiten Strom, umgeben von endlosen Nadelwäldern, während sich die Luft anfühlt wie Sommer im Gebirge. Von Hilo aus waren wir abends nach Honolulu zurück geflogen und hatten eine super Aussicht auf den Mauna Kea über den Wolken bei Sonnenuntergang. Nachts flogen wir dann die fünfeinhalb Stunden nach Vancouver, holten morgens direkt am Flughafen unseren Mietwagen ab und schafften es noch bis in ein Kaff namens Mission, wo wir zu müde waren um weiterzufahren und uns daher im erstbesten Motel einquartierten. Dieses hieß lustigerweise Diamond Head Motel (wie der Hausberg vom Waikiki Beach) und warb sogar mit einer Silhouette ebendieses Berges, aber warum es so hieß, konnte uns der Manager auch nicht sagen.

Am nächsten Morgen setzten wir unsere Fahrt in Richtung Rocky Mountains fort und mussten feststellen, dass Kanada wirklich sehr, sehr groß ist. Wir fuhren über 500 km bis nach Blue River und waren immer noch nicht am Ziel, aber die Landschaft sah schon so aus, wie wir uns Kanada vorgestellt hatten: riesige Berge, endlose Wälder, türkisblaue Flüsse; einmal sahen wir einen Fischadler über uns kreisen und ein Elch trank aus einem See. Am dritten Tag erreichten wir immerhin McBride an den Ausläufern der Rockies, wo wir zwei Nächte blieben und die Umgebung erkundeten. Auf dem Weg dorthin waren waren wir gut und gern 30 Kilometer durch dicken, blauen Dunst gefahren, da im Nachbartal ein großer Waldbrand wütete. Kanada hatte in den Wochen vor unserer Ankunft die schlimmste Hitzewelle seit 60 Jahren erlebt und allein in British Columbia, dem Bundesstaat, in dem wir uns befanden, gab es fast 150 Waldbrände. Unser Autothermometer zeigte einmal sogar 37°C – wärmer als auf Hawaii! Und dann zogen über Nacht dicke Wolken auf, die Temperatur fiel binnen 24 Stunden auf 13 Grad, doch anstatt die Luft zu verbessern, staute sich der Qualm unter der Wolkendecke und es wurde noch schlimmer. Erst am Nachmittag, nachdem es eine Weile wie von den Farmern sehnsüchtig erwartet geregnet hatte, legte sich der Gestank.

Wir machten einen Ausflug zu einem Fluss, wo man die Lachse stromaufwärts über einen kleinen Wasserfall springen sehen konnte – aber leider waren wir wohl zu früh, bzw. die Lachse dieses Jahr etwas spät dran, wie man uns danach sagte; wir sahen jedenfalls keinen einzigen. Bei wolkenverhangenem Himmel wanderten wir außerdem durch einen gemäßigten Regenwald mit über 1.000 Jahre alten Zedern, von deren Ästen die Flechte wie Bärte hingen. Auf dem Weg dorthin sahen wir sogar einen Schwarzbär über die Straße laufen – leider hatten wir die Kamera nicht schnell genug griffbereit, also müsst ihr uns das jetzt einfach so glauben.

The Ancient Forest

Am nächsten Tag passierten wir den Mt. Robson Provincial Park, ein Naturschutzgebiet zu Füßen des fast 4.000 Meter hohen Mt. Robson, welcher der höchste Gipfel der kanadischen Rocky Mountains ist. Dort unternahmen wir eine Wanderung zum Kinney Lake, einem türkisblauen See inmitten tiefer Nadelwälder. Kanadas Landschaft ist wirklich traumhaft schön.

Zufluss zum Kinney Lake, Mt. Robson

Abends erreichten wir Jasper, die einzige Ortschaft im Jasper Nationalpark, welcher der größte in den kanadischen Rockies ist. Hatten wir bisher in Motels übernachtet, war es hier eine Jugendherberge, in der wir zufälligerweise zwei Betten im 28er-Schlafsaal ergattert hatten und prompt noch jede eine Jugendherbergsmitgliedschaft erwarben. In Kanada ist nicht nur gerade Hauptreisezeit, sondern der kanadische Dollar steht aktuell auch eher schlecht zum US-Dollar, weshalb viele US-Amerikaner nach Kanada reisen und die Kanadier es sich nicht leisten können, in die USA zu fahren und deshalb zu Hause Urlaub machen. Noch dazu feiert das Land dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen, entsprechend wimmelt es nur so von Touristen – vor allem, da es anlässlich des Jubiläums kostenlosen Eintritt in die Nationalparks gibt. Für uns bedeutete das leider, dass wir unsere Zeit in Kanada von vornherein durchplanen und alle Quartiere schon im Voraus buchen mussten, wenn wir nicht überall das letzte, teuerste Zimmer abkriegen wollten.

So konnten wir leider auch nicht das schlechte Wetter abwarten, das für den nächsten Tag angesagt war und machten uns früh bei frischen 11°C und einer dicken Wolkendecke auf den Weg zu einem Wasserfall und einem ehemaligen Handelsposten am Fluss. An der Straße sahen wir ein Bighorn-Schaf, und einmal kreiste ein Fischadler über uns. Danach wollten wir im Maligne Canyon wandern, aber der Parkplatz sah schon sehr voll aus, also fuhren wir erst einmal weiter zu zwei Seen. Am Medicine Lake sahen wir eine Elchkuh mit Kalb auf einer Insel, die dann prompt ins Wasser wateten und durch den See ans andere Ufer schwammen. Mittlerweile haben wir gelernt, dass Elche gut schwimmen und auch mehrere Meter tief tauchen können, um Wasserpflanzen zu fressen. Der am Ende des Tals gelegene Maligne Lake sollte eigentlich einer der schönsten Kanadas sein, aber der Charme der dramatischen Umgebung blieb leider im Wolkendunst verborgen.

Bighorn-Schaf

Medicine Lake – wer entdeckt die schwimmenden Elche?

Kleiner Tipp: das sind sie.

Wir versuchten es noch mit einer anderen Wanderung am Old Fort, einem schönen Waldweg, der auf einen Berg mit spektakulärer Aussicht führte. Leider versagte auf halber Strecke mein Schuhwerk. Man muss dazu sagen, dass mein Fuß nach dem Splitter auf Hawaii eigentlich gut verheilt war, aber es drückte immer noch an einer stetig größer werdenden Blase und deshalb konnte ich weiterhin keine Sandalen oder Wanderschuhe anziehen, sondern absolvierte all unsere Ausflüge in Flipflops. Mal davon abgesehen, dass ich mich normalerweise immer über die „Halbschuhtouristen“ in bergigem Gelände lustig mache, war das auch einfach eine ziemlich kühle Angelegenheit, wo doch der kanadische Rekordsommer an unserem zweiten Tag ein jähes Ende gefunden hatte. Auf ebendiesem Wanderweg blieb ich nun an einer völlig unscheinbaren Wurzel hängen und der Flipflop ging kaputt. Natürlich auch noch der am invaliden Fuß. Diese Flipflops haben mich durch Prag getragen, über scharfkantige Klippen in Japan, erkaltete Lavafelder auf Hawaii und viele Sommertage lang zur Arbeit. Ihr werdet mir fehlen, treue Gefährten. So musste ich erst einmal barfuß zurück zum Auto – zum Glück war der Weg überwiegend weich, und die entgegen kommenden Wanderer grüßte ich mit einem Lächeln, als ob es ganz normal wäre, barfuß durch die kanadische Wildnis zu spazieren. Nun musste der Fuß doch irgendwie in die Trekkingsandale, aber Kathrin kam auf die geniale Idee, die sich formende Beule mit links und rechts mit Ohropax abzupolstern, die mit Hansaplast angeklebt wurden; so war ich zumindest erst einmal wieder mobil (und nicht mehr barfuß).

Immerhin war die Aussicht schön, wenn leider auch sehr grau im Dunst der Waldbrände.

Und das war auch gut so, denn wir hatten ganz spontan für diesen Abend Karten für ein kulturelles Event der Region besorgt. Als wir morgens aufgewacht waren, hatten wir noch keine Ahnung, dass wir abends zum Rodeo gehen würden, aber dann sahen wir das Plakat und wann bietet sich schon einmal so eine Gelegenheit? Von Jasper aus sollte es einen Shuttle zum Gelände geben, aber als wir dann vor der alten Feuerwehr mit all den anderen Leuten warteten und zwei Taxi-Vans angefahren kamen, wurde klar, dass die Veranstalter nicht mit so viel Andrang gerechnet hatten. Wir hatten Glück und kamen schon mit dem zweiten Taxi mit – Vorteil, wenn man klein ist und auf die enge Rückbank passt. Am Rodeogelände angekommen suchten wir uns Sitzplätze auf der offenen Tribüne; da wir eine Stunde eher da waren, gab es noch Auswahl. Außerdem besorgten wir uns zum Abendbrot ein kanadisches Nationalgericht an der Imbissbude: Poutine. Hinter diesem Haute Cuisine implizierenden weil französischen Namen verbergen sich Pommes mit einem mozzarella-ähnlichen, zerkrümelten Käse und Bratensauce, was tatsächlich wesentlich besser schmeckt als es klingt.

Die Reihen hatten sich inzwischen gut gefüllt und Punkt 18:00 begann das Rodeo. Alle Beteiligten waren stilecht gekleidet in Jeans und Lederstiefeln, karierten Hemden und den obligatorischen Hüten. Zur Einstimmung gab es eine Vorführung im Formationsreiten, an deren Ende die Reiterinnen noch die Flaggen der Sponsoren durch die Arena trugen. Danach ging es gleich richtig zur Sache mit dem, was wir in Deutschland unter Rodeo verstehen: Cowboys auf wild ausschlagenden Pferden, die sich nur mit einer Hand an einem Gurt um den Pferdebauch festhalten durften und eine bestimmte Zeit lang oben bleiben sollten. Abgeworfen wurde tatsächlich fast keiner; die gängige Methode zum Absteigen bestand darin, dass zwei Hilfsreiter nach erfolgreich absolvierter Zeit das buckelnde Pferd zwischen sich nahmen und der Cowboy auf eines der Nachbarpferde wechselte. Alle Rodeoreiter trugen zudem eine Art Kevlarweste, um ihre Wirbelsäule zu schonen, die bei jedem Satz mit dem Rücken des Pferdes kollidierte. Leider trugen die Pferde keinen Wirbelsäulenschutz.

(Zwei Anmerkungen zum Video: erstens wurde uns später von einer Pferdeliebhaberin versichert, dass die Rodeopferde keine Stacheln o.ä. unter den Gurt bekommen, sondern auf das Buckeln trainiert sind und sich nicht wehtun, sonst würde der Tierschutz eingreifen. Zweitens ist der Clown, der am Ende des Videos auf dem Zaun sitzt…nun ja, der Clown. Gehört anscheinend zu jedem Rodeo.)

Als nächstes sollten Kälber mit dem Lasso gefangen werden. Wenn ein Cowboy das Kalb erwischt hatte, sprang er sofort vom Pferd, griff das arme Kälbchen und warf es auf den Boden, wo er ihm dann in Windeseile drei Beine mit einem Seil zusammenband. Das Kalb musste dann mindestens sechs Sekunden liegen bleiben, sonst gab es Strafpunkte. Die Cowboypferde wussten auch genau, was sie zu tun hatten und hielten das Seil, das am Sattelknauf befestigt war, straff, während der Reiter arbeitete. Zum Schluss kamen immer zwei Helferinnen und befreiten das Kalb, bevor der nächste dran war.

Kälberfangen

In einer weiteren Disziplin arbeiteten zwei Reiter zusammen, um ein Kalb zu fangen: einer warf das Lasso um die Hörner des Kalbs und der andere sollte eigentlich dessen Hinterbeine mit einem weiteren Lasso erwischen, aber das gelang nur einem Paar. Zwischendurch gab es eine Vorführung im Kunstreiten, bei der drei Frauen auf galoppierenden Pferden akrobatische Figuren zeigten, die der Schwerkraft gänzlich zu trotzen schienen. Davon abgesehen war die einzige Damendisziplin das Barrel Race, bei dem drei Fässer mit dem Pferd möglichst schnell umrundet werden mussten, ohne diese umzustoßen.

Barrel Race

Zum Abschluss wurden noch mehr buckelnde Tiere geboten: erst Pferde, diesmal mit Sattel, und dann als krönenden Abschluss Stiere. Hatten die Cowboys auf den Pferden noch ihre Hüte auf, trugen sie hier einen Helm mit Gesichtsgitter ähnlich Eishockey-Spielern zusätzlich zu den Kevlarwesten. Diesmal gab es auch keine Hilfsreiter; absteigen oder herunterfallen musste jeder selbst und dann schleunigst das Weite suchen. Es war auf jeden Fall mal ein Erlebnis der anderen Art

So wie man sich Rodeo eben vorstellt…

Nebenbei wurden noch Lottotickets und Popcorn verkauft, und der Clown versuchte, die Zuschauer zum Tanzen zu animieren, wobei er mit dem größtenteils auswärtigen Publikum (so viele Deutsche…) seine liebe Mühe hatte. Das ganze Spektakel dauerte reichlich zwei Stunden, und danach wollten natürlich alle gleichzeitig mit dem Shuttle zurück in den Ort. Immerhin hatte man inzwischen gemerkt, dass es mit den Taxis allein nichts wird, bzw. gab es wahrscheinlich auch kaum noch Taxis, da viele Leute sich privat eins bestellt hatten, und so fuhr jetzt ein kleiner Bus, der aber trotzdem noch drei Runden brauchte, bis er alle aufgesammelt hatte.

Am nächsten Morgen verließen wir Jasper und machten uns auf den Weg in den benachbarten Banff-Nationalpark. Der Highway dorthin wird Icefields Parkway genannt, da er an mehreren Gletschern vorbeiführt. Leider sahen wir von diesen gar nichts, da wieder Rauchschwaden von Waldbränden die Sicht behinderten. Zwei schöne Wasserfälle lagen an der Strecke, die Athabasca und die Sunwapta Falls, an denen wir jeweils kurz hielten; und einmal stand eine Gruppe Bergschafe (wobei wir uns bezüglich der Art nicht ganz sicher sind) am Straßenrand und verursachte erst einmal einen Stau durch die vielen Schaulustigen (uns eingeschlossen). Stau in Folge von interessanten Tieren am Straßerand wird hier bear jam, also Bärenstau genannt. Auch Gänse und einen Steinadler sahen wir, und mehrere Eichhörnchen und Streifenhörnchen. Zum Tiere beobachten ist Kanada echt toll. Als der Dunst gegen Nachmittag abzog, hielten wir noch am Peyto Lake und am Lake Louise, wo es kurze Spaziergänge zu Aussichtspunkten gab.

Athabasca Falls, direkt stimmungsvoll im Waldbrand-Smog

Huftiere am Straßenrand…

…sorgen fast immer für Stau durch Schaulustige.

Eichhörnchen

Bei schönstem Wetter erreichten wir am frühen Abend Banff, den einzigen Ort im gleichnamigen Nationalpark, wunderschön gelegen inmitten hoher Felswände, aber von Touristen hoffnungslos überlaufen. Die Jugendherberge kostete deutlich mehr als in Jasper, obwohl sie zur selben Kette gehörte, und auch alle anderen Aktivitäten waren teuer. Statt kostengünstig wandern zu gehen, machten wir aber am nächsten Morgen erst einmal einen Ausflug ins Medical Center, da die Beule an meinem Fuß jetzt auch warm wurde und alles auf eine Entzündung hindeutete. Und siehe da, eine Betäubungsspritze und etwas Sucherei mit der Pinzette später, fand sich ein über 1 cm langer Dorn, um den sich ein Abszess gebildet hatte. Da war sogar der Arzt überrascht. Hoffen wir mal, dass wir ab jetzt von weiteren Arztbesuchen verschont bleiben.

Danach versuchten wir unser Glück an zwei Wanderpunkten, wo ich im Auto auf Kathrin gewartet hätte, aber an dem einen war der Weg, den sie gehen wollte, für Wartungsarbeiten geschlossen, und an dem anderen fanden wir schlicht und ergreifend keinen Parkplatz mehr. Da die Betäubung in meinem Fuß dann auch nachließ, verbrachten wir den Nachmittag in der Jugendherberge mit notwendigen Dingen wie Wäsche waschen, Auslandskrankenversicherung verlängern, Blog schreiben und vor allem: Füße hochlegen.

Mit der Wanderung zum Johnston Canyon, wo wir am Vortag nicht parken konnten, wurde es am nächsten Tag doch noch etwas, da wir zeitig starteten. Kathrin machte sich allein auf den Weg zu den Wasserfällen im Canyon, während ich im Auto meinen Fuß schonte. Danach gönnten wir uns ein Ahorn-Walnuss-Eis und fuhren nachmittags nach Radium Hot Springs, wo wir eine Nacht in einem gemütlichen B&B verbrachten, von dessen Terrasse man einen wunderschönen Blick auf die Berge der Umgebung hatte. Unser Gastgeber reparierte sogar provisorisch meinen kaputten Flipflop, hurrah.

Die Umgebung von Banff

Wanderung im Johnston Canyon, sogar bei klarem Himmel!

Von Radium aus fuhren wir nach Golden, wo wir zwei Nächte in einem Hostel im Blockhüttenstil gebucht hatten. Golden war ein guter Ausgangspunkt, um noch einmal in den Banff-Nationalpark zu fahren und am Lake Louise wandern zu gehen. Der See mit seiner türkisblauen Farbe ist eine der größten Attraktionen im Nationalpark und entsprechend gut touristisch erschlossen. Trotz relativ früher Ankunft wurden wir unser Auto auf dem gigantischen Parkplatz nicht mehr los und mussten sieben Kilometer weiter auf den Ausweichplatz fahren, von wo ein Shuttleservice eingerichtet war. Das funktionierte ziemlich gut, und während wir warteten, konnten wir gleich noch die Sonnenfinsternis beobachten, die hier im Norden zwar nur partiell war, aber dafür dank einiger Wölkchen am Himmel auch ohne Spezialbrille gut zu sehen war.

Die Sonnenfinsternis

Am See angekommen mussten wir uns noch durch die Touristenmassen schieben, bis wir endlich auf den Weg zum Lake Agnes trafen. Alleine waren wir dort natürlich auch nicht, aber es war trotzdem eine schöne Wanderung mit herrlichen Ausblicken auf den See. Am Ziel gab es ein Teehaus, eine Art kleine Baude, wo wir Sandwiches und Suppe zum Mittag aßen und sehr nett mit einem Kanadier und seiner Tochter ins Gespräch kamen, die uns noch ein paar Tipps für die Weiterreise gaben. Sie waren erst diesen Sommer in Deutschland im Urlaub gewesen und waren ganz begeistert, wie wir umgekehrt auch von ihrem Land.

Lake Louise und…

…unser Ziel, Lake Agnes

Die Wanderung hatte noch einmal so richtig gut getan, bevor wir wieder über 700 Kilometer Auto fahren mussten, um nach Vancouver zurückzukehren. Die Fahrt führte wieder lange Zeit durch Rauch von Waldbränden, es stank und der Himmel war gelb und unheimlich. Nach anderthalb Tagen gaben wir unser Auto am Flughafen zurück und waren ab da wieder auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen, der in Vancouver zum Glück ziemlich gut ist.

Wir hatten uns wieder einmal ein Hostel im Zentrum gebucht, wo wir einen Zweier-Schlafsaal bekamen: ein Zimmer mit nur einem Doppelstockbett. Auch gut, mehr Ruhe für uns. Gleich am Nachmittag machten wir einen Bummel durchs Stadtzentrum und fuhren hinauf zum Vancouver Lookout, einer Aussichtsplattform im Harbour Center, das nur 200 Meter von unserem Quartier entfernt lag. Dank unserer kurz zuvor erworbenen Jugendherbergsmitgliedschaft kamen wir sogar zum halben Preis hinein, und das Ticket galt für beliebig viele Besuche innerhalb eines Tages, sodass wir abends noch einmal hingingen, um das Lichtermeer der Stadt zu bewundern.

Downtown Vancouver bei Tag…

…und Nacht.

Danach gingen wir erst einmal getrennte Wege. Kathrin hatte sich für den nächsten Tag zu einer Walbeobachtungstour angemeldet und brach gleich nach dem Mittagessen auf. Ich ruhte mich tagsüber aus und hatte dafür abends große Pläne – dazu muss ich aber etwas ausholen: Vancouver besitzt eines der größten Filmstudios in Nordamerika und trägt daher auch den Beinamen „Hollywood North“. Eine meiner Lieblingsserien geht in die dritte Staffel, und diese wird gerade dort gedreht. In die Studios kommt man natürlich nicht einfach hinein, aber wie es der Zufall wollte, gab es justament während unseres Aufenthaltes einen Außendreh. Das konnte ich mir natürlich für nichts in der Welt entgehen lassen. Es gab nur zwei winzig kleine Haken: erstens lag der Drehort circa vierzig Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Das an sich wäre noch nicht so schlimm gewesen, mit Bus und Bahn kam man gut dort hin. Doch zweitens waren die Dreharbeiten für 19 Uhr abends bis vier Uhr morgens angesetzt. Und der letzte Zug fährt in Vancouver kurz nach Mitternacht. Eine Taxifahrt auf dieser Strecke hätte gut und gern 90 Dollar gekostet. Die Alternative: die Nacht am Drehort verbringen bis zum ersten Bus früh um fünf… Ausgerüstet mit Kamera, Essen, Trinken, warmen Klamotten und der Adresse des nächstgelegenen 24 Stunden-McDonalds fuhr ich also abends zum Walnut Grove Community Center in Langley, das aus einem Schwimmbad, einer Bibliothek und einer Cafeteria bestand. Als ich ankam, waren schon Krans und LKWs mit jeder Menge Filmausrüstung rund um das Gebäude geparkt. Die Crew sagte mir, dass es erst 22:30 Uhr losgehen würde, also hing ich in der Bibliothek herum, bis diese schloss und verquatschte mich dann total nett mit der Rezeptionistin und dem Hausmeister, die mir beide zusagten, dass das Gebäude die ganze Nacht offen wäre und ich auf jeden Fall dort bleiben könnte. Irgendwie verging der Abend und als es Zeit für den Drehbeginn war, machte ich mich auf die Suche nach der Action, die natürlich nicht schwer zu finden war. Auf dem hinteren Teil des Parkplatzes war inzwischen das Filmteam versammelt, unzählige Menschen, die Gott weiß was zu tun hatten. Am Rand standen drei Fans, zu denen ich mich gesellte, und dann beobachteten wir das Treiben am Set. Bis dahin hatte ich nicht einmal gewusst, wer von den Schauspielern eigentlich anwesend wäre, aber es war die Protagonistin persönlich und dafür hatte sich das Kommen schon gelohnt. Draußen wurde leider nur eine einzige Szene gedreht und diese war schon beim ersten Versuch im Kasten. Danach wurden die Dreharbeiten nach drinnen ins Schwimmbad verlegt und man sah kaum noch etwas. Die kleine Gruppe Fans verabschiedete sich nach und nach, als abzusehen war, dass es keine Fotos oder Autogramme gäbe. Zurück blieben nur ein älterer Herr und ich; wir suchten uns einen neuen Aussichtspunkt im Gebäude und schauten noch eine Weile zu, bis auf einmal kurz vor eins ein Mitarbeiter der Crew zu uns kam und uns hinausjagte; nicht einmal auf dem Parkplatz durften wir bleiben. Wahrscheinlich wollten sie nicht, dass Fotos der Szenen, die sie danach drehten, veröffentlicht würden. Für mich bedeutete das leider, dass ich noch über vier Stunden totzuschlagen hatte. Ich lief zu dem nahe gelegenen McDonalds, das ich herausgesucht hatte, aber dort angekommen musste ich leider feststellen, nur der Drive Thru rund um die Uhr geöffnet hatte und ich nicht drin sitzen konnte. Zum Glück nannte mir der McMitarbeiter ein anderes Fast Food-Restaurant in der Nähe, wo ich dann bei einem Tee und einem Apple Crumble dreieinhalb Stunden hockte, gegen den Schlaf ankämpfte und die anderen Gäste beobachtete. Man staunt, was nachts um drei für Leute bei Denny’s essen gehen – von Musikern über Eltern mit Kind (!?) bis hin zu Müllmännern. Mit den ersten Berufsverkehrpendlern fuhr ich früh in die Stadt zurück und schlief im Hostel sofort ein, sogar während Kathrin mit ihrer Familie skypte.

Eine Runde sehr notwendigen Schönheitsschlaf später machten wir Chinatown unsicher, die zweitgrößte Chinatown Nordamerikas, die mit historischen Gebäuden und exotischen Geschäften und Restaurants aufwartete.

Chinatown

Wir hoben uns unseren Appetit aber auf für den Nachtmarkt, der jedes Wochenende inklusive freitags stattfindet und sehr populär sein sollte. Schon eine Stunde vor Öffnung kamen wir an und tatsächlich war die Warteschlange am Eingang bestimmt schon 100 Personen lang. Rein äußerlich erinnerte der Markt an das, was wir in Deutschland unter einem Rummel oder Jahrmarkt verstehen – bunte Buden und Zelte, allerdings weniger Fahrgeschäfte (wir sahen nur ein einziges Karussell) sondern fast ausschließlich Essen, Kleinkram und eine Bühne, auf der verschiedene Bands auftraten. Das Essensangebot war geprägt von der kulturellen Vielfalt der Bewohner Vancouvers; es gab Leckereien aus vielen, in erster Linie asiatischen Ländern und wir probierten eine Menge Dinge aus. Zu kaufen gab es alles von handgemachter Keramik über Handyhüllen bis hin zu sehr witzigen Socken made in Korea. Als wir gegen neun wieder gingen, war die Schlange vor dem Eingang noch viel länger geworden. Zeitiges Kommen, gute Plätze, man kennt es…

Am nächsten Tag musste Kathrin zeitig aufstehen, um einen zweiten Anlauf zur Walbeobachtung zu starten. Aus der Tour war nämlich zwei Tage zuvor nichts geworden, da das Boot einen Motorschaden gehabt hatte. Aber diesmal klappte es, und das soll sie euch am besten mal selbst berichten:

>> Da ich schon um 8:00 Uhr beim Bootsanleger sein musste, hieß es an diesem Tag wirklich sehr früh aufstehen. Den ganzen Weg zum Pier hoffte ich innerlich, dass die Tour diesmal auch wirklich stattfinden würde. Um mich einzustimmen, hatte ich noch am Vortag Free Willy angeschaut und freute mich jetzt um so mehr, selber Orcas in freier Wildbahn beobachten zu können. Die Tour startete pünktlich und wir machten uns auf den Weg zu den zahlreichen Inseln, die vor Vancouver im Pazifik liegen. Ich machte es mir mit ein paar anderen Gästen auf dem offenen Oberdeck bequem, wo es zwar während der Fahrt trotz Sonne sehr kalt und windig war, aber man dafür eine wunderbare Aussicht auf das Meer und die Inseln um einen herum hatte (und hoffentlich auch auf Wale). Während der Fahrt erklärte uns Wilma, eine Meeresbiologin, viele Dinge über Vancouver, seine Umgebung und natürlich Orcas.

Die Orcas in den Gewässern vor Vancouver sind nicht zahm und immer in Bewegung, daher weiß die Crew nie, wo genau sie sich aufhalten und beginnt somit jeden Morgen neu mit der Suche. Dabei ist der Kapitän mit einigen anderen Booten in Kontakt und so werden Orcasichtungen an alle weitergegeben. Sonst würde man in dem Labyrinth von Inseln wahrscheinlich ewig suchen, und auch so kann der Touranbierter keine Orcasichtung garantieren. Wir hatten aber Glück und waren an diesem Morgen die ersten, die eine Gruppe aus fünf Walen – vier Weibchen und ein Kalb – an einer kleinen Felsgruppe vor Mayne Island sichtete. Wilma erklärte uns, dass Orcas in matriarchalischen Familiengruppen leben und man zwischen resident Orcas, welche sich von Fisch ernähren, und transient Orcas, welche sich auf die Jagd von Robben spezialisiert haben, unterscheidet. Unsere Gruppe war transient und kreiste um die Felsen vor Mayne Island, auf denen sich unzählige Robben mit ihren Jungen tummelten. Orcas sind geschickte und intelligente Jäger und wenn sich die Robben nicht im Wasser blicken lassen, dann helfen die Wale schon mal mit der Schwanzflosse und einem Schwall Wasser nach, um ihre Beute ins Wasser zu treiben.

Wir folgten unserer Orcagruppe für eine ganze Stunde und jedesmal, wenn sie anmutig durch die Wasseroberfläche brachen, um zu atmen, hörte man auf unserem Boot Seufzer und Ausrufe der Bewunderung. Es war für mich unglaublich, diese wunderschönen Tiere in natura zu sehen und ich bin überglücklich, dass ich mir diesen Traum erfüllen konnte.

Danach ging es zurück Richtung Vancouver, vorbei an unzähligen Inseln, manche bewohnt manche nicht, und wir sahen noch viele Meeresvögel – sogar einen Seeadler – und auch eine Rettungsboje, welche von Seelöwen in Beschlag genommen war. Diese Bojen sind eigentlich für Personen in Seenot gedacht, die ins Innere der Boje klettern können, um sich so vor dem Ertrinken und Unterkühlung zu retten, aber hier wäre man auf die Großzügigkeit der Seelöwen angewiesen, dass sie die Boje mit einem teilen. <<

Seelöwen haben es sich auf dieser Rettungsboje gemütlich gemacht.

An unserem letzten Abend in der Stadt spazierten wir durch den Stadtteil West End, vorbei an Apartment Blocks, in denen vermutlich niemand unter 40 wohnt und vorbei an Restaurants, in denen eine Mahlzeit wahrscheinlich mehr gekostet hätte als unser wöchentliches Essensbudget. Wir folgten der Water Front bis zum Stanley Park, einem der größten innerstädtischen Parks Nordamerikas, wo wir Totempfähle der Ureinwohner bestaunten und den Blick auf North Shore, den nördlichen Teil der Stadt jenseits des Wassers des Burrard Inlets genossen. Der Park liegt am Ende der Halbinsel, die das Zentrum Vancouvers bildet, und direkt an der Spitze steht schon seit dem 19. Jahrhundert eine Kanone, die jeden Abend punkt neun Uhr abgefeuert wird. Wir saßen auf einer Bank nicht weit entfernt und mussten uns tatsächlich die Ohren zuhalten, so laut war der Knall. Angeblich ist er, wenn der Wind richtig steht, drei Minuten später noch im 70 Kilometer entfernten Mission zu hören, wo wir unsere erste Nacht verbracht hatten.

Der „Pixel-Orca“ ist eine Statue der etwas anderen Art an der Water Front

Die Water Front im Stadtteil West End

Vancouver bei Nacht, links im Bild das Kongresszentrum, und noch weiter links die Neun-Uhr-Kanone im Stanley Park

Am nächsten Tag verließen wir Kanada leider schon wieder und fuhren mit dem Greyhound-Bus nach Seattle im US-Bundesstaat Washington. Wir wären gern länger geblieben, aber wir waren ja zuvor schon in Hawaii gewesen und dürfen pro Aufenthalt nur drei Monate in den USA bleiben. Ein Visa-Run nach Kanada ist dabei leider nicht gestattet, das heißt, auch wenn wir in Kanada waren, galt das nicht als Ausreise aus den USA, und somit haben wir nur drei Monate für Kanada und die USA zusammen. Und ja, das bedeutet leider, leider auch, dass wir jetzt ein Rückreiseticket haben und das Ende unserer Weltreise damit feststeht: Am 22. Oktober fliegen wir von New York zurück nach Deutschland, wo wir am 23. ankommen. Dann werden wir dreizehneinhalb Monate unterwegs gewesen sein – ein großartiges Gefühl. Jetzt genießen wir aber erst einmal noch den Rest unserer Zeit in den USA; vor uns liegen Yellowstone und der Grand Canyon und wer weiß was noch für Abenteuer…

Zwischen Himmel und Erde – Hawaii

11. August 2017, Mission/Kanada

Aloha, liebe Leserinnen und Leser, heute wollen wir euch von unserem zweiwöchigen Zwischenstopp im Inselparadies Hawaii berichten.

Der Flug dorthin führte uns nicht nur 8,5 Stunden über den Pazifik, sondern auch über die Datumsgrenze: Donnerstag abend losgeflogen, Donnerstag morgen gelandet – quasi ein Flug in die Vergangenheit. In Honolulu angekommen, wurden wir leider nicht mit Blumenkränzen begrüßt, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber zumindest war es endlich wieder einmal richtig schön warm. Wir nahmen einen Shuttlebus zu unserem Hostel in der Stadt und konnten schon vormittags einchecken. Eine Dusche und ein paar kurzhosige und -ärmelige Kleidungsstücke später machten wir uns auf, die Umgebung zu erkunden und etwas zu essen aufzutreiben.

Wir waren nicht im Zentrum von Honolulu untergekommen, aber dafür in der Tourismus-Hochburg schlechthin: Waikiki. Ein riesiges Hotel stand neben dem nächsten, die kleinen Gebäude zwischen den Hochhäusern quollen über vor Souvenirgeschäften und Restaurants, und auf den Gehwegen drängten sich die Touristen in blumigen Hawaii-Hemden oder auch einfach nur sehr knapper Badekleidung, teils mit Surfboard unterm Arm oder Kindern an der Hand. Man sah Menschen jeden Alters, jeder Hautfarbe, viele Familien, und vor allem viele Japaner, für die Hawaii eines der beliebtesten Reiseziele überhaupt ist, und viele leben auch hier. Während am Flughafen in Auckland alles in Englisch und Chinesisch ausgeschildert war, ist es hier Englisch und Japanisch. So verwundert es wahrscheinlich nicht, dass wir die meiste Zeit in Honolulu japanisch aßen; Sushi war tatsächlich auch eines der günstigsten Gerichte, wenn man es im japanischen Supermarkt kaufte.

Am Nachmittag setzten wir uns an den Strand, den legendären Waikiki Beach, quasi die Copa Cabana Hawaiis. Man muss sagen, dass er – vor allem für so einen überfüllten Strand mitten in der Stadt – sehr sauber war. Es lag kein Müll herum, das Wasser hatte eine tolle Farbe und irgendwie schafften es die vielen Touristen, sich trotzdem nicht gegenseitig auf die Pelle zu rücken, auch wenn es im Wasser ziemlich voll war.

Ala Moana Beach, im Hintergrund Waikiki und Diamond Head, ein erloschener Vulkan

Am nächsten Tag nahmen wir den öffentlichen Bus ins eigentliche Stadtzentrum und liefen dort bei kuscheligen 32 °C die Sehenswürdigkeiten ab, angefangen von Chinatown, das nicht besonders chinesisch wirkte, über das State Capitol bis hin zum Palast – Hawaii war eine Monarchie, bevor es von den USA annektiert wurde. Honolulu erweckte den Eindruck einer ziemlich entspannten Metropole mit seinen weniger als 400.000 Einwohnern (auch wenn im Großraum etwa eine Million leben), aber an einem Nachmittag hat man hier alles gesehen. In einem Park am Strand fand eine Art Nachtmarkt statt, zu 95% Fressbuden mit Leckereien aus aller Welt, wo wir unser Abendessen kauften, und anschließend liefen wir an der Küste entlang bis zu einem der Hilton Hotels, das jeden Freitag nach Sonnenuntergang ein Feuerwerk veranstaltete. Man konnte zwar vor Schaulustigen am Strand kaum noch treten, aber wir fanden noch ein Fleckchen zum Sitzen und genossen das Spektakel.

In unserem Hostel-Dorm hatten wir uns mit Charlotte aus Deutschland und Jennifer aus New Jersey angefreundet, und da Jennifer ein Mietauto hatte, bot sie uns an, uns zu ihren Ausflügen um die Insel mitzunehmen. Samstag fuhren wir in die nicht weit entfernte Hana’uma Bay, die für gutes Schnorcheln berühmt ist. So berühmt, dass der Parkplatz vormittags schon voll war, als wir ankamen; zum Glück gab uns ein anderer Tourist einen Tipp, dass wir unten im Ort an der Mall parken könnten, von wo es ein Shuttle gäbe. Als wir es dann eine gute halbe Stunde später endlich an den Eingang zur Bucht geschafft hatten, mussten wir dort erst einmal Eintritt zahlen und uns dann am „Kino“ anstellen, wo ein für alle Besucher obligatorischer Informationsfilm über die Bucht gezeigt werden sollte. Da der Projektor kaputt war, lauschten wir stattdessen einem Kurzvortrag einer der freiwilligen Umweltschützerinnen, die erklärte, was man beim Schnorcheln alles nicht machen soll – nichts anfassen, nirgends drauftreten, nichts mitnehmen usw. – und dann durften wir endlich hinunter an den Strand, wo wir einen halbwegs schattigen Platz unter einer Palme fanden, den wir aber noch mit zwei anderen Gruppen teilen mussten. Wir verbrachten ein paar Stunden in der Bucht (Schnorchelausrüstung hatten wir im Hostel ausgeliehen) und es war wirklich schön, trotz der vielen Menschen und auch wenn es nicht so viele Fische wie in Südostasien zu sehen gab.

Hana’uma Bay

Am Nachmittag fuhren wir noch zum nicht weit entfernten Koko Head, einem etwa 300 Meter hohen Berg nahe der Bucht, auf den in schnurgerader Linie ein altes Eisenbahngleis hoch führt, das heutzutage als eine Art Treppe dient. Wir starteten erst am späten Nachmittag, als die Sonne nicht mehr so brannte, aber es war immer noch heiß, sehr heiß. Definitiv zu heiß, um auf Berge zu steigen. Von weitem hatte es eigentlich nicht so schlimm ausgesehen, aber je steiler der Weg anstieg, desto anstrengender wurde es. Der Schweiß lief uns in Bächen aus allen Poren. Meine Finger wurden taub, weil mein Kreislauf nicht ganz mitmachte. Nach einem Drittel der Strecke konnte ich nicht mehr – Pause, hinsetzen. Vielleicht noch zehn Stufen weiter. Wieder hinsetzen. Noch ein paar Meter – aber jetzt konnte ich wirklich nicht mehr. Geht ohne mich weiter, wir treffen uns am Auto. Ein paar Minuten später wieder ein paar Stufen, vielleicht 10-20 Höhenmeter? Nur noch ein kleines Stückchen weiter? Aber nicht bis hoch, definitiv nicht. Erstmal Pause. Von hier ist die Aussicht doch eigentlich auch schon ganz schön. Die anderen drei sind schon weit voraus, von Jennifer ist bereits nichts mehr zu sehen. Na gut, noch ein ein Stück, muss ja nicht bis ganz hoch sein…

Schlimmer als er aussieht: der Koko Head Trail

So in der Art ging es fast eine Stunde lang, aber was soll ich sagen, am Ende haben wir es doch alle irgendwie nach oben geschafft, und man hatte einen tollen Rundumblick auf die Hana’uma Bay, Honolulu in der Ferne und die Berge in der Inselmitte. Insgesamt war die Natur aber viel trockener und weniger grün, als wir uns das in Hawaii vorgestellt hatten. Die einzigen waren wir natürlich auch hier nicht; auf der Treppe wimmelte es nur so von Wanderern und Fitnesswütigen; viele Leute trainieren hier auch einfach. Für den Hawaii Ironman oder so. Wir mussten jedenfalls wieder unten erst einmal am nächsten Supermarkt jeder eine große Flasche Gatorade kaufen, so eine Art Elektrolyt-Limonade, um unsere leeren Tanks aufzufüllen. Wir machten noch einen kurzen Stopp an einem Blowhole, das aber nicht sonderlich beeindruckend war, bevor wir nach Honolulu zurückfuhren.

Blick vom Koko Head auf die Hana’uma Bay…

…und in Richtung Honolulu

Der nächste Tagesausflug führte uns zum North Shore, der Strandregion im Norden der Insel. Am Turtle Beach sahen wir tatsächlich Meeresschildkröten – ein halbes Dutzend trieb im kristallklaren Wasser direkt vor dem Strand, und eine lag sogar im Sand und sonnte sich. Eine Freiwillige passte auf, dass niemand der Schildkröte zu nahe kam und erklärte uns, dass nur hawaiianische Schildkröten zum Sonnenbaden an Land kommen, und das auch erst mit zunehmendem Alter.

Wie viele Schildkröten haben sich in diesem Bild versteckt?

Meeresschildkröte sonnt sich

Im kleinen Ort Haleiwa aßen wir Mittag an einer Gruppe Fressbuden, von denen zumindest eine anscheinend in jedem Reiseführer stand, denn wir warteten dort locker eine halbe Stunde oder länger, weil Jennifer die Shrimps probieren wollte. K und B hielten sich lieber an eine andere hawaiianische Spezialität, die Acai-Bowl: Sorbet aus Acai-Beeren, darauf Obst (Bananen, Erdbeeren und Heidelbeeren), Müsli und Honig – sehr erfrischend und leicht, bei der Wärme genau das richtige.

Acai Bowl: gesund und lecker!

Danach fuhren wir zum Baden an den Waimea Beach, der mit goldenem Sand und türkisblauem Wasser lockte, aber leider auch entsprechend gut besucht war. Wir fanden einen schattigen Platz unter ein paar dürren Palmen und wechselten uns mit dem Badengehen ab. Das Wasser war ideal zum Schwimmen, wenn auch etwas kälter als erwartet – vermutlich der Lage mitten im Pazifik geschuldet. Es war ein sehr schöner Nachmittag, bis auf den Teil wo mich wieder der Plankton am ganzen Körper biss, und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, trat ich mir zwischen all den dürren Ästen und vertrockneten Palmblättern neben unserer Sitzecke auch noch einen Schiefer ein. Nur dass es eher ein mehrere Millimeter dicker, spitzer Ast war, und dieser sich gefühlt mehrere Zentimeter tief in die Seite meines Fußballens am großen Zeh bohrte. Vor lauter Schreck zog ich ihn gegen etwas Widerstand wieder heraus und dann tat es sehr, sehr weh. Mit Kathrins Hilfe humpelte ich zum Rettungsschwimmer-Häuschen (die Lifeguards sind hier zugleich Ansprechpartner für Wehwehchen aller Art), wo man die Stelle desinfizierte und ein Pflaster draufklebte, und dann wurde ich sogar mit dem Quad zu unserem Auto gefahren, wo die anderen inzwischen warteten. Kathrin holte mir abends eine antibiotische Salbe, die der Rettungsschwimmer empfohlen hatte, und dann war Hawaii für mich erstmal gelaufen.

Die nächsten zwei Tage lag ich nur im Bett und hüpfte allenfalls auf einem Bein ins Bad, da ich beim besten Willen nicht auftreten konnte; der ganze Fuß war geschwollen. Kathrin brachte mir Essen und machte mit Jennifer noch einen Ausflug zum Diamond Head, sozusagen dem Hausberg von Waikiki, der ein erloschener Vulkan ist.

Blick auf Honolulu und den Diamond Head

Der innere Krater des Diamond Head

An unserem letzten Abend in Honolulu gingen wir zu einer Hula-Show am Strand, die nur ein paar hundert Meter von unserem Hostel entfernt war, soweit humpeln konnte ich bis dahin schon wieder. Verschiedene Gruppen traten dort auf, unter anderem mehrere Urlauber, die während ihrer Zeit in Hawaii Hula-Stunden genommen hatten, und vor allem zwei kleine Jungen aus Japan taten es uns und wahrscheinlich allen anderen Zuschauern an.

Zwei kleine Cowboys bei der Hula Show

Und damit endete unsere Zeit auf der Insel Oahu schon; am nächsten Morgen halb acht flogen wir auf die größte und südlichste der hawaiianischen Inseln: das eigentliche Hawaii, auch Big Island genannt. Der Flug dauerte nur eine knappe Stunde und kaum, dass wir den Flieger verließen, merkten wir, dass die Uhren hier ganz anders tickten. Der Flughafen von Hilo war winzig, die Gepäckbänder befanden sich quasi schon draußen in der offenen Lobby und wenn man den Blick schweifen ließ, sah man nur ein paar kleine Häuschen und weite, grüne Hänge in der Ferne. Die Umgebung war auffällig flach, dafür dass das doch hier die Insel der Vulkane sein sollte? Wir nahmen uns ein Taxi zu unserem Hostel, aber dort angekommen mussten wir feststellen, dass das kleine Holzhaus verschlossen war und weder eine Klingel noch eine Telefonnummer hatte. Wir lungerten gut und gern eine Viertelstunde ratlos draußen herum, bis zufällig doch einmal jemand herauskam – glücklicherweise ein Freiwilliger, der dort arbeitete und uns trotz der frühen Stunde schon einchecken ließ.

Hilo aus der Luft

Hilo war nach dem hektischen Waikiki ein wahrer Segen, so klein und verschlafen; fast alle Gebäude waren hübsche, bunte Holzhäuser (bei den zahlreichen Erdbeben stabiler als Stein) und kaum eines war höher als zwei Stockwerke. Unser Hostel war ein blaues Häuschen mit einer gemütlichen Veranda im ersten Stock, auf der wir viel Zeit verbrachten, da ich ja weiterhin kaum laufen konnte. Zum Glück hatten wir einen Mietwagen reserviert, den wir am nächsten Morgen abholen konnten. Hatte es auf Oahu noch ein sehr gutes Busnetz gegeben, fuhr der öffentliche Bus hier vielleicht fünfmal am Tag und sobald man zu den Vulkanen oder Wasserfällen wollte, war man auf das Auto angewiesen – die Insel heißt nicht umsonst Big Island. Und so chauffierte Kathrin mich fortan zu allen Sehenswürdigkeiten, wo ich dann nur die paar Schritte vom Parkplatz bis zum Aussichtspunkt humpeln musste.

Wir schauten uns ein paar schöne Wasserfälle an und fuhren zum Aussichtspunkt über das Waipio Valley, ein sattgrünes Tal zwischen senkrechten Wänden, an einer Seite offen zum Meer. Einen Tag fuhren wir einmal um die ganze Insel herum und stellen fest, dass das wirklich sehr weit war (über 360 km). Bei dieser Gelegenheit machten wir auch eine Mittagsrast in Kona, der anderen „Stadt“ auf Big Island, und waren froh, dass wir nicht dort wohnten. Wo Hilo grün und ruhig war, war Kona heiß, hektisch, und lag mitten in einer savannenähnlichen Einöde auf der Nordwestseite der Insel. An einem schwarzen Strand sahen wir Meeresschildkröten in der Brandung schwimmen.

Die Akaka Falls

Ausblick über das Waipio Valley

Black Sand Beach

Eines schönen Nachmittags machten wir uns auf zum Mauna Kea, dem höchsten Punkt von Big Island und – vom Meeresboden aus gemessen – höchsten Berg der Welt mit über 10.000 Metern. Wir hatten etwas Sorge, dass wir oben nichts sehen würden, da es eigentlich immer bewölkt war, aber nach einer Weile ließen wir die Wolken unter uns und schauten über sie hinweg. Das Kuriose an Big Island ist, dass es sich zwar im Prinzip um eine einzige, aus dem Meer aufragende Vulkanmasse handelt, man aber auf der Insel nicht wirklich Berge sieht. Obwohl man weite Strecken mit dem Auto zurücklegt, hat man das Gefühl, sich immer nur auf einer leicht geneigten Ebene zu befinden. Doch eh man es sich versieht, ist man auf 3000 Meter Höhe am Besucherzentrum des Mauna Kea angekommen. Der Gipfel liegt noch ein Stück höher (auf 4.207m), doch dorthin hätte nur eine Schotterpiste für Allradfahrzeuge geführt – leider in unserem Mietvertrag ausgeschlossen. Aber es gab trotzdem viel zu sehen.

Mauna Kea

Der Mauna Kea liegt in punkto Lichtverschmutzung in einer besonders dunklen Gegend, so mitten im Pazifik, das heißt, wenn es dunkel wird, sieht man besonders viele Sterne. Daher befindet sich auf dem Gipfel ein großes Observatorium, und unten im Besucherzentrum werden regelmäßig Informationsabende veranstaltet. Entsprechend waren wir nicht die einzigen Besucher und mussten schon froh sein, noch einen Parkplatz zu erwischen, aber in den Vortrag eines Observatoriumsmitarbeiters kamen wir leider nicht mehr hinein. Stattdessen stiegen wir auf einen Hügel und genossen von dort aus einen der schönsten Sonnenuntergänge unserer Reise. Wer sich noch an unseren Sonnenaufgang auf den Klippen in Nordthailand erinnert: dies war definitiv das abendliche Pendant dazu. Mit bestem Rundumblick beobachteten wir, wie die Sonne die kleinen Krater am Hang und das Wolkenmeer über Hilo in immer tieferes Rot tauchte, während im Osten der Mond am bereits dunklen Himmel aufging und sich über uns die ersten Sterne zeigten.

Das Wolkenmeer über Hilo

Einfach unbeschreiblich…

Der Mond war leider auch der Grund, dass wir nicht so viele Sterne sehen konnten wie sonst (etwa 400 im Vergleich zu 4.000 bei Neumond), aber es war trotzdem beeindruckend. Kein Kreuz des Südens mehr am Horizont, dafür war der Große Wagen wieder in unser Blickfeld gerückt. Am Besucherzentrum waren mehrere große Teleskope aufgebaut, durch die man verschiedene Himmelskörper sehen konnte. An jedem stand eine lange Schlange an und so schafften wir am Ende nur drei der fünf, aber es hat sich echt gelohnt. Wir sahen Jupiter, sogar mit seiner streifigen Oberfläche, umgeben von seinen vier Monden. Saturn mit seinen Ringen! Und die Mondkrater in einer Präzision, dass man sogar noch die Kraterränder und die Krater in den Kratern sah. Es war so beeindruckend.

Als es noch hell war, konnte man Sonnenflecken durch ein Teleskop beobachten.

Und als ob das noch nicht genug der Highlights gewesen wären, gab es natürlich noch den Vulkan-Nationalpark, dessen Eingang sich passenderweise gleich hinter dem Dorf Volcano befand, und wo wir mehrere Tage zubrachten. Kern des Parks ist Kilauea, der aktivste Vulkan der Erde – seine letzte Eruption begann im Januar 1983 und hält bis heute an. Fährt man entlang der 35km langen Chain of Craters Road vom Krater hinab zur Küste, sieht man buchstäblich schwarz: erkaltete Lavafelder, soweit das Auge reicht, markiert mit Schildern à la „Ausbruch 1974“, „Ausbruch 1983“ usw.; dazwischen zahlreiche nicht mehr aktive Nebenkrater, Schwefelfelder und Petroglyphen. Letztere sind in die Lava geritzte Symbole der hawaiianischen Ureinwohner, die dort die Nabelschnuren ihrer neugeborenen Kinder vergruben und beteten, dass diese so kräftig sein und ein so langes Leben führen mögen wie die Lava. Die Hawaiianer verehren den Vulkan als die Göttin Pele, die neues Land und damit neues Leben erschafft.

Lavafelder soweit das Auge reicht – dazwischen schlängelt sich die Chain of Craters Road

Der Hauptkrater des Kilauea besteht überwiegend aus erkalteter Lava, aber an vielen Stellen steigt Dampf aus dem Boden auf, wie auch aus dem Kraterrand, auf dem man steht und wo die Straße entlangführt. Im Krater befindet sich ein weiterer, kleinerer Krater mit dem Namen Halema’uma’u (gesprochen halle-ma-u-ma-u), Wohnsitz der Göttin Pele, und aus diesem steigt beständig eine dicke, bläuliche Dampfwolke auf, die langsam in Richtung Horizont treibt. Man kann den Krater aus sicherer Entfernung von einem Aussichtspunkt beobachten; hinunter darf man nicht. Bleibt man bis nach Sonnenuntergang, wird man mit dem einmaligen Anblick von Peles glühendem Atem belohnt: orange-rot leuchtet der Dampf aus dem Krater und wenn man ganz großes Glück hat, sieht man sogar ab und zu die Lava hochspritzen.

Regenbogen über dem Krater

Laufen konnte ich zwar nicht, aber fliegen ging und so konnte ich glücklicherweise einen weiteren, lang ersehnten Punkt auf meiner Bucket List angehen: einen Helikopterflug über den Vulkan. Kathrin brachte mich zum kleinen Flughafen von Hilo und winkte, während ein freundlicher Mitarbeiter mich im Golfcart über das Rollfeld fuhr und mich und die anderen drei Passagiere im Hubschrauber gut anschnallte. Gutes Anschnallen war hier oberstes Gebot, ebenso wie feste Schuhe und Handschlaufen für die Kamera. Der Helikopter hatte nämlich keine Türen, damit man die Hitze des Vulkans spüren konnte. Wenn schon, dann richtig.

Auf, auf und davon!

Der Rundflug dauerte ungefähr eine Dreiviertelstunde und war unglaublich stürmisch. An das gelegentliche Wackeln des Helikopters gewöhnte ich mich irgendwann, aber nicht an den Wind, der mir selbst mein Pony wie Peitschenhiebe ins Gesicht schlug. Aber das war es sowas von wert. Zuerst flogen wir über die endlosen erkalteten Lavafelder, die in allen Schwarz-, Grau- und Anthrazittönen unter uns lagen, bis zur Küste, wo ein beständiger Lavastrom ins Meer fließt und dabei nicht nur eine riesige Dampfwolke sondern auch immer mehr neues Land erzeugt. Dann ging es hinauf in Richtung Krater, wobei es nicht der Halema’uma’u-Krater war, aus dem wir es abends dampfen sehen hatten, sondern ein anderer, weiter hangabwärts, der den Namen Pu’u O’o trägt (einfach jeden Vokal zweimal sprechen). An der Seite des Hangs war ein silbrig-glänzender Lavafluss zu sehen, der stellenweise sogar orange glühte; der Pilot sagte, dieser wäre erst einige Stunden zuvor an die Oberfläche getreten. Im Krater selbst sah man ebenfalls die Lava glühen, und auch, wenn es nicht schweißtreibend heiß im Helikopter war, spürte man schon die Wärme in 150 Metern Höhe. Zurück ging es über Regenwald und Wasserfälle – was für ein tolles Erlebnis!

Flach und grün ist der Südosten von Big Island.

Lava und Regenwald.

Feuer trifft Wasser, wo der Lavastrom ins Meer fließt; rechts sieht man noch die abrupt endende Straße.

Je silbriger die Lava glänzt, desto frischer ist sie.

Der Pu’u O’o-Krater

Am letzten Abend, als ich schon wieder halbwegs auftreten konnte, fuhren wir nach Kalapana an der Küste unterhalb des Kilauea. Vom gut gefüllten Parkplatz führte eine 7km lange Piste zum Lavafluss, und da wir nicht so weit laufen wollten bzw. konnten, liehen wir uns Fahrräder, was die Wegezeit von zwei Stunden auf 30 Minuten verkürzte. Am Ziel angekommen ging es noch ein paar Schritte über erkaltete Lava und dann beobachteten wir fast aus nächster Nähe (man musste 300 Meter Sicherheitsabstand einhalten), wie das geschmolzene Gestein unter großen Dampfwolken zischend ins Meer floss. Als es dann allmählich dunkel wurde, sah man die Lava feurig glühen, und auf dem Rückweg sahen wir dann auch an vielen Stellen am Hang kleine Lavaflüsse wie Fackeln in der Dunkelheit leuchten – ein unvergesslicher Anblick. Auch wenn Hawaii von Deutschland sehr weit weg ist, würden wir beide den Weg wieder auf uns nehmen, um noch mehr von diesen traumhaften Inseln zu entdecken.

Lava fließt ins Meer; es entsteht neues Land (und viel Dampf).

Der Wärme entgegen – Coromandel und Northland

Und auch heute gibt es mal wieder zwei Berichte zum Preis von einem, liebe LeserInnen. Also scrollt gleich erst einmal nach unten, damit ihr nicht den zwei Meter großen Hobbit verpasst… 😉

01. August 2017, Honolulu

Eigentlich heißt es ja „der Sonne entgegen“ und ich hätte den Blogbeitrag auch lieber so genannt. Aber leider waren uns weiterhin nur ein paar Zufallssonnenstrahlen vergönnt und Regenschauer blieben unsere ständigen Begleiter. Zumindest wurde es aber deutlich wärmer, je weiter wir nach Norden fuhren; die frostigen Temperaturen, die wir noch in Rotorua hatten, gehörten nun endgültig der Vergangenheit an.

Von unserem Quartier am Stausee aus war es nur noch eine Vormittagsfahrt bis zum Fuße der Coromandel-Halbinsel, die besonders schön, aber durch ihre Nähe zu Auckland auch besonders touristisch sein sollte.

Auf der Coromandel-Halbinsel

Unseren ersten Stopp machten wir am Hot Water Beach, wo man bei Ebbe mit einer Schaufel ein Loch in den Sand buddeln kann, wo man dann auf heißes Wasser stößt und sich wie in der Badewanne hineinlegen kann. Es war eigentlich nahe an der Ebbe und es gab sogar einen Schaufelverleih, aber wir blieben nicht dort, denn erstens waren uns einfach viel zu viele Leute da (so viele, dass es die Gemeinde gerechtfertigt sah, eine Parkgebühr zu erheben, was es sonst nur in den Städten gibt) und zweitens buddelte niemand, also stand das Wasser wohl doch noch zu hoch. Egal, es gab ja noch mehr zu sehen. Nur ein kurzes Stück nördlich lag der ebenfalls volle Parkplatz der Cathedral Cove, wo wir Glück hatten, dass gerade jemand weg fuhr. Von dort führte ein Weg mit toller Aussicht auf die inselreiche Küstenregion durch einen Farnwald hinunter zu einem Strand, der von einem gewaltigen Felsentor, der Cathedral Cove, geteilt wird. Bei Ebbe, die ja jetzt gerade war, kann man durch das Tor hindurch gehen. Es war ein sehr schöner Ort trotz der vielen Leute. Wir trafen sogar eine Familie wieder, die am Vorabend mit uns auf der Hobbiton-Tour gewesen war. Sie lebten in der Gegend, gaben uns noch einige Ausflugstipps und erzählten, dass im Sommer die Pohutukawa-Bäume auf den Felsen hoch über dem Strand alle in voller, roter Blüte stehen – das muss wunderschön aussehen. Sie heißen auch neuseeländische Weihnachtsbäume.

Cathedral Cove

Wir folgten ihrer Empfehlung und besuchten abends noch den Aussichtspunkt auf dem Shakespeare Cliff bevor wir die Nacht auf einem sehr abgelegenen Campingplatz neben einem Tierpark im Mill Creek verbrachten, wo wir die einzigen Gäste waren und morgens von Alpakas und einem Pony auf der anderen Seite des Zaunes begrüßt wurden.

Am Vormittag wollten wir eigentlich Minigolf in Whitianga spielen, aber es war uns zu teuer. Stattdessen erledigten wir ein paar Einkäufe und stellten fest, dass Capella keinerlei Warnsignal gibt, wenn man mit offener Tür oder – in diesem Fall – geöffneter Kofferraumklappe losfährt. Wir wunderten uns nur über das Rauschen des Windes, wo doch alle Fenster geschlossen waren. Naja, wir haben es zum Glück schon nach ein paar hundert Metern gemerkt und rausgefallen ist auch nichts. Etwas Zeit verbrachten wir an der Spark Station (Internet-Telefonzelle) mit Recherchen für die USA und Kanada, welche nicht sehr ermutigend waren, da wir genau zur Hauptsaison dort sein werden und in Kanada in und um die Nationalparks alles bezahlbare schon so gut wie ausgebucht war, oder es einfach von vornherein nichts bezahlbares gab. Wir recherchierten Angebote für Campervans wie unseren Capella, die aber dürftig und teuer waren, versus Mietwagen+Hostel/Motel usw. Als uns die Köpfe schließlich zu sehr schwirrten, fuhren wir ins Dorf Whangapoua, von wo es einen Wanderweg zu einem wunderschönen Strand, dem New Chums Beach, geben sollte, was uns andere Reisende empfohlen hatten.

Auf dem Parkplatz waren wir erfrischenderweise die einzigen, aber was uns keiner gesagt hatte, war, dass der Wanderweg erst einmal durch einen Fluss führte, der dort ins Meer floss. Also Schuhe aus und rein in die kalte Brühe, die eigentlich gar nicht so kalt war. Auf der anderen Seite dann mit den nassen, sandigen Füßen (weil Handtücher was für Warmduscher sind) wieder in die Schuhe und eine halbe Stunde über Felsbrocken und einen unglaublich matschigen Waldweg. Die Belohnung am Ende war ein Strand wie aus dem Bilderbuch, weißer Sand, Palmen vor den Felsen, türkisblaues Wasser. Eine Einheimische, die dort ebenfalls spazieren ging, sagte, im Sommer würde man sich dort wie auf Fiji fühlen und selbst in der Hauptsaison wäre der Strand leer, da der Weg dorthin so mühsam ist. Investoren wollen dort Bauland urbar machen, aber eine starke örtliche Initiative wehrt sich bislang erfolgreich dagegen. Möge es noch lange so bleiben.

Am New Chums Beach gab es viele schöne Muscheln.

Wir übernachteten nördlich des kleinen Ortes Coromandel am Shelly Beach, wo es wieder einmal einen Kamin im Aufenthaltsraum gab, doch dieser war eigentlich gar nicht nötig. Es war zwar nicht unbedingt warm, aber auch alles andere als kalt. Man konnte sogar ohne Mütze schlafen. Von dort wollten wir am nächsten Tag bis zur Nordspitze der Halbinsel fahren. Allerdings machte uns wieder einmal die Straßenqualität einen Strich durch die Rechnung. Ich fahre zwar gerne Schotterpiste, aber bei Tempo 30 wäre dieser Ausflug eine Tortur von mehreren Stunden geworden, also drehten wir auf halber Strecke um und fuhren zurück nach Coromandel. Dort spazierten wir durch den sehr niedlichen Ort, gönnten uns mal wieder Fish & Chips und genossen dann die sehr pittoreske Fahrt nach Süden an der Küste des Firth of Thames entlang.

Auf dem Campingplatz in Te Puru mussten wir leider feststellen, dass es zwar eine Küche gab, aber weder Tische noch Stühle. Wir gingen etwas am Strand spazieren, machten einen abendlichen Ausflug zur Spark Station im übernächsten Dorf für weitere Nordamerika-Recherchen und gingen zeitig schlafen, da wir ohnehin am nächsten Tag ein ganzes Stück zu fahren hatten.

Von Coromandel nach Te Puru

Der nächste interessante Ort auf unserer Strecke wäre Auckland gewesen, aber das wollten wir uns für den Schluss aufheben, nachdem wir das Auto abgegeben haben. Stadt mit Auto macht einfach keinen Spaß und so fuhren wir nur auf der Stadtautobahn durch ohne anzuhalten. Während wir noch voll Dankbarkeit darüber nachdachten, dass ja wenigstens die Sonne schien und die Fahrt im Autobahnchaos bei Regen noch viel unübersichtlicher gewesen wäre, verdunkelte sich wie auf Kommando der Himmel und es fing an zu schütten. Murphy’s Gesetz… Erst als wir die Millionen-Metropole hinter uns gelassen hatten, wurde das Wetter wieder schön. In Orewa, etwa 30 km nördlich von Auckland, machten wir Mittagsrast am Strand, wo ein sehr begeisterter Hund in der Gischt auf und ab rannte bis ihm die Puste ausging und ein paar Kinder im Meer angelten. Dann setzten wir unsere Fahrt noch fort bis nach Whangarei, die letzte größere Stadt im Norden, wo wir uns auf dem Campingplatz einquartierten und anschließend noch im Zentrum spazieren gingen.

Auf der Fahrt nach Whangarei

Der nächste Tag brachte wieder Regen. Viel Regen. Nichtsdestotrotz schauten wir uns auf der Fahrt einige Wasserfälle an, die zumindest bei diesem Wetter etwas mehr Wasser führten als normal, sodass es auch etwas gutes hatte. Direkt am nördlichen Rand von Whangarei lagen die Whangarei Falls und die Paranui Falls, und etwa eine Fahrstunde weiter die Haruru Falls. Bei den Rainbow Falls stiegen wir vor lauter Regen gar nicht erst aus dem Auto aus; buchten dafür aber in einem Anflug von Optimismus eine Tour zum Cape Reinga für den nächsten Tag und eine Reittour am Strand für den übernächsten. Da uns bis zur Abgabe des Autos nur noch wenige Tage blieben, konnten wir nicht mehr auf schönes Wetter warten.

Die Whangarei Falls

In Neuseeland gibt es aus irgendeinem Grund oft freilaufende Hühner auf Parkplätzen.

Die Nacht verbrachten wir auf einem sehr schönen und gepflegten Campingplatz am Hihi Beach, den wir in erster Linie wegen seiner guten Bewertungen und Nähe zum Cape Reinga, aber auch wegen seines lustigen Namens ausgewählt hatten. Den stürmisch-verregneten Abend verbrachten wir mit weiterer Nordamerika-Planung im ausnahmsweise einmal vorhandenen Campingplatz-Wifi und am nächsten Morgen fuhren noch eine Dreiviertelstunde bis nach Kaitaia, wo die Touren zum Kap starteten.

Der Name macht gleich gute Laune.

Zum Cape Reinga, dem nördlichsten Ende Neuseelands, hätten wir zwar auch mit unserem Auto fahren können, aber dann hätten wir eines der größten Highlights verpasst, die Fahrt auf dem Ninety Mile Beach. Dazu später mehr. Unser Tourbus war ein Metallkasten mit großen Fenstern und Allradantrieb, und mit uns waren noch neun andere Fahrgäste auf der Tour. Zunächst ging es die Straße entlang nach Norden; von Kaitaia, dem letzten Ort aus, sind es 111 km bis zum Nordkap. Unterwegs machten wir einige Fotostopps und es war erstaunlich trocken von oben. Gegen Mittag machten wir Rast in der Tapotuotu Bay, auf dessen steiler Zufahrtspiste der Bus samt Fahrer das erste Mal ihr Können unter Beweis stellen durften. Unten am Strand packte der Busfahrer belegte Brötchen, Snacks und Getränke unter den interessierten Blicken zahlreicher Möwen und Finken aus. Als wir aufgegessen hatten und sowieso gerade weiterfahren wollten, fing es plötzlich wieder einmal an zu regnen.

Der Parkplatz des Kaps war nicht weit entfernt, also trotteten wir bei Nieselregen und Sturm los zum Leuchtturm, aber das war auch eigentlich sehr angemessenes Wetter für diesen bedeutungsschweren Ort. Für die Maori ist Cape Reinga besonders heilig, da sie glauben, dass von hier die Toten ihre letzte Reise nach Hawaiki, dem mystischen Land ihrer Vorfahren, antreten. Außerdem treffen hier zwei Ozeane aufeinander, die Tasmansee und der Pazifik, und das ist kein abstraktes Phänomen, sondern man sieht tatsächlich, wie die zwei Meeresfronten weiß-schäumend ineinander fließen – ein erhabener Anblick.

Der Leuchtturm am Cape Reinga

Kollision der Ozeane: von links kommt die Tasmansee, rechts ist der Pazifik.

Vom Kap ging es ein Stück die Straße zurück, aber schon nach kurzer Zeit bog der Bus ab zum Te Paki Stream, einem Flusslauf, der die Zufahrt zum nördlichen Ende des Ninety Mile Beaches bildet. Eine Straße gibt es hier nicht mehr, stattdessen fuhr der Bus direkt durch das breite, sandige Bett des flachen Gewässers, was eine sehr holprige Angelegenheit war, und einer der Gründe, weshalb der Strand für Mietwagen gesperrt ist.

Te Paki Dunes

Aber bevor es tatsächlich an den Strand ging, hielten wir noch an den Te Paki Dunes, bis zu 130 Meter hohen Sanddünen. Als erstes zogen wir alle unsere Schuhe aus. Dann drückte der Busfahrer jedem ein Body Board in die Hand, ein kurzes Schaumstoffbrett, gab uns eine kurze Einweisung und dann kletterten wir ihm alle hinterher eine der Dünen hinauf um zu rodeln. Sanddünenrodeln macht unglaublich viel Spaß. Man legt sich bäuchlings auf das Brett, hält sich vorne am Rand fest, und ab geht’s. Wichtig ist, die Füße nicht zu heben und stattdessen die Zehen hinten im Sand zu lassen, um lenken und bremsen zu können. Wenn der Aufstieg nicht so anstrengend gewesen wäre, hätten wir das den ganzen Nachmittag machen können, aber nach dreimal waren wir alle ziemlich fertig und nicht böse, dass es weiter ging.

Mit zwei kurzen Fotostopps fuhren wir den gesamten Strand entlang. Der Name Ninety Mile Beach ist zwar nicht ganz korrekt, da der Strand in Wirklichkeit „nur“ 55 Meilen lang ist, reichlich 80 km, aber stellt euch mal 80 km Strand vor. 80 Kilometer nichts als Kiefernwald und Dünen auf der einen und Meeresbrandung auf der anderen Seite. Keine Straßen, keine Zäune, keine Häuser, nichts was auf Menschen hindeutet. Für mich war es definitiv einer der schönsten Orte Neuseelands. Und noch dazu schien sogar die Sonne, obwohl die Vorhersage schrecklich gewesen war – so ein Glück muss man erstmal haben. Die Fahrt auf dem Strand dauerte etwa eine Stunde und wir sahen kaum andere Fahrzeuge. Unser Busfahrer zeigte uns Fotos eines Busses, der eines Tages mitten auf dem Strand wegen eines Motorschadens liegen geblieben war. Binnen Stunden hatte ihn die Flut auf die Seite gelegt und mit Salzwasser gefüllt, aber die Firma hatte ihn tatsächlich bergen und wieder flottmachen können.

Unendliche Weite am Ninety Mile Beach

So fühlt sich die große Freiheit an.

Am Ende der Tour hielten wir noch in einem Laden, wo Möbel und Souvenirs aus Kauri-Holz verkauft wurden. Es war weniger Touristennepp als viel mehr Buswaschplatz, wo der Fahrer den Bus an einer Waschstation von Sand und Salzwasser befreite während wir uns die beeindruckenden fossilen Kauristämme anschauen konnten, die in dieser Gegend in den Sümpfen geborgen worden waren. Kauribäume erreichen einen gewaltigen Stammumfang; in dem Laden gab es sogar eine Wendeltreppe *in* einem der Baumstämme.

Nach dieser tollen Tour übernachteten wir in Ahipara, wo wir für den nächsten Tag die Reittour gebucht hatten. Der Campinplatz war gleichzeitig eine Jugendherberge, in der es aus unerfindlichen Gründen unglaublich turbulent zuging. Es wohnten sehr viele Work&Traveller dort und wir fanden kaum einen Fleck in der Küche, um unser Abendessen zu kochen. So eine Hektik sind wir nicht mehr gewöhnt. Noch dazu war unser Stellplatz eine halbe Wanderung von allen Gebäuden entfernt und der Weg durch den Wald (!) war überhaupt nicht beleuchtet – es war der dunkelste Campingplatz, den wir je gesehen hatten. Als es am nächsten Morgen schon wieder goss, fuhren wir einfach mit dem Auto bis vor die Küche.

Das Wetter bedeutete leider auch, dass unsere Reittour am Ninety Mile Beach ins Wasser fiel. Stattdessen verbrachten wir einen verregneten Vormittag an einer Spark Station in Kaitaia und buchten mehrere Flüge für unseren Nordamerika-Aufenthalt, bevor wir unsere Fahrt nach Süden fortsetzten.

Wir verbrachten eine verregnete Nacht als einzige Gäste auf dem kleinen Campingplatz in Rawene, wo uns ein sehr anschmiegsamer, schwarzer Kater namens Max den ganzen Abend Gesellschaft leistete. Der Ort liegt am Hokianga Harbour, einem Meeresarm, der rund 30 km weit in die Westküste hineinreicht. Als am nächsten Morgen die Sonne schien, hatten wir einen tollen Blick auf das Wasser und die umgebenden Berge.

Wir nutzten das Wetter auch gleich, um die Koutu Boulders zu besichtigen, kugelrunde Felsbrocken an der Küste, aber statt Wasser von oben gab es Wasser von unten – der Weg zu den Boulders war aufgrund des vielen Regens eine einzige Teichlandschaft und an den Felsen angekommen, gab es wegen der Flut, die gerade herrschte, nicht viel zu sehen. Dafür ließen am Parkplatz Leute ihre Hunde samt drei süßen, kleinen Welpen herumlaufen, sodass sich der Ausflug trotzdem gelohnt hat.

Wasserwanderung in der Nähe der Koutu Boulders

Wir fuhren weiter zum South Head, einem Aussichtspunkt an der Mündung des Hokianga Harbour, der für die Maori ein heiliger Ort ist, da in ihrer Mythologie Kupe, der polynesische Entddeccker Neuseelands, von dort in seine Heimat Hawaiki zurückgekehrt sein soll. Die Aussicht auf die felsige Küste zur einen und hohe Sanddünen zur anderen Seite war sehr erhaben und friedlich, und eine zufällig anwesende Maori-Frau, die mit zwei Touristen unterwegs war, sang für sie ein Gebet in ihrer Sprache.

Vor uns lag ein letztes Highlight, die Kauri Coast – eine Region, in deren Regenwälder die berühmten Kauribäume wachsen. Kauris sind zwar nicht die höchsten Bäume Neuseelands, wohl aber die mit dem mächtigsten Stammumfang. Noch dazu gehören sie zu den ältesten Baumarten der Welt. Als erstes statteten wir dem größten aller Kauris, der den Namen Tane Mahuta trägt, einen Besuch ab. Er ist reichlich 50 Meter hoch und hat einen Stammumfang von fast 14 Metern. Sein Alter wird auf etwa 1.500 Jahre geschätzt. Mächtig erhob er sich im Wald aus dem Dickicht, kein anderer Baum war auch nur ansatzweise so stattlich wie er. Man kann sich gut vorstellen, warum Tane in der Maori-Mythologie Himmel und Erde trennt.

Tane Mahuta – wie klein sind wir neben einem so Ehrfurcht gebietenden Kauri.

Doch trotz seiner mythischen Kräfte ist er auf der Erde ziemlich schutzbedürftig. Nicht nur sind seine Wurzeln so empfindlich, dass ihm Menschen schon mit ihren Fußabdrücken schweren Schaden zufügen können, sondern er ist auch sehr anfällig für eine Krankheit namens „kauri dieback disease“, die aus anderen Wäldern eingeschleppt werden kann – wiederum über den Menschen, an dessen Schuhen Erde aus anderen Regionen haften bleibt und so verschleppt wird. Daher muss jeder, der den Kauri-Wald betreten möchte, durch eine Schuhputzanlage gehen. Bürsten, einweichen, desinfizieren – und zwar sowohl beim Betreten als auch beim Verlassen des Waldes.

Schuhe putzen ist Pflicht an der Schuhputzstation!

Wir wanderten noch zu einigen anderen Kauris aber der wieder einsetzende Regen nahm immer weiter zu bis wir am Ende ziemlich durchgeweicht waren und Zuflucht auf dem nächstgelegenen Campingplatz suchten.

Te Matua Ngahere, auch „Vater des Waldes“ genannt

Während die Kauris nicht zu übersehen sind, gibt es in ihren Wäldern noch andere Bewohner, die man nur mit sehr viel Glück zu sehen bekommt: Kiwis. Vom Campingplatz aus sollte es Nachtwanderungen geben, um die seltenen Vögel zu beobachten, aber da sich außer uns niemand angemeldet hatte (bei dem Wetter wahrscheinlich nicht verwunderlich), fand die Tour nicht statt. Die Managerin gab uns rotes Zellophan, das wir über unsere Stirnlampen spannen konnten, um allein auf Kiwi-Safari zu gehen. Das weiße Lampenlicht würde sonst die empfindlichen Augen der nachtaktiven Tiere verletzen. Wir fuhren nach Einbruch der Dunkelheit zum verlassenen Besucherzentrum des Trounson Kauri Parks und machten uns mit Regenjacken und präparierten Stirnlampen auf den Weg. Im Wald war es zappenduster. Wirklich verlaufen konnte man sich glücklicherweise nicht, da die Vegetation so dicht war, dass es unmöglich gewesen wäre, aus Versehen vom Weg abzukommen; zudem handelte es sich die meiste Zeit um einen erhöhten Bretterweg, den man selbst im schwachen Rotlicht der Lampen noch ausmachen konnte. Wenn wir das Licht löschten, war es so finster, dass wir buchstäblich die Hand vor Augen nicht sahen. Wie nun einen Kiwi erspähen? Die Managerin hatte uns erklärt, dass wir auf das Rascheln hören sollten, wenn die Vögel mit ihren langen Schnäbeln im Laub nach Insekten und Würmern suchen, und dann leise warten, ob ein Kiwi in Sicht kommt. Da es aber beständig regnete und Wasser von Millionen Blättern tropfte, hörten wir nichts, aber auch gar nichts rascheln. Ein paar Mal konnten wir die lauten, pfauenähnlichen Kiwi-Rufe in der Entfernung ausmachen, aber vor die Linse kam uns keiner. Einzig hier und da ein paar Glühwürmchen gab es zu sehen. Gegen Ende des Rundwegs verliefen wir uns doch noch kurz vor dem Parkplatz, da die Beschilderung sehr dürftig war. Also wieder keine Kiwis – sie sind doch schwerer zu finden als gedacht, obwohl im Gästebuch des Besucherzentrums viele Wanderer von erfolgreichen Sichtungen berichtet hatten.

Am nächsten Morgen schliefen wir aus und fuhren gemächlich weiter in Richtung Auckland. Wir hatten noch einen Tag, bevor wir Capella abgeben mussten und wollten es ruhig angehen lassen. Natürlich war das Wetter ausgerechnet heute schön, aber das ist ja auch zum Fahren angenehm. Schon am frühen Nachmittag erreichten wir die Waitakere Ranges, eine Hügelkette an der Westküste nicht weit von Auckland entfernt. Von all den teuren und schlecht bewerteten Campingplätzen im Umkreis von 100km klang der in Muriwai noch am besten, und wir hatten wirklich Glück. Die Anlagen waren niegelnagelneu, erst vor ein paar Monaten eröffnet, alles war so schick und sauber, und die beiden freundlichen Managerinnen gaben uns spontan 10$ Rabatt. Wir konnten endlich mal wieder Wäsche waschen, unsere Sachen packen und den letzten Abend vor der Rückkehr in die Zivilisation noch einmal an einem traumhaft schönen Strand verbringen.

Sonnenuntergang am Muriwai Beach

Und dann war es auch schon Zeit, Abschied von Capella zu nehmen. In den zwei Monaten ist unser Campervan uns wirklich ans Herz gewachsen, trotz all der kleinen Wehwehchen, trotz Automatikschaltung, die ich manchmal verflucht habe, trotz der sehr beengten Schlafverhältnisse. Wir statteten der Autowäsche einen Besuch ab, saugten sämtlichen Sand aus allen Ritzen, räumten unsere letzten Sachen zusammen und gaben Capella in der Auckland-Filiale von Spaceships ab. Ende einer Ära.

Von dort aus machten wir uns mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf ins Stadtzentrum. Auf einmal seit Monaten wieder die Kraxen schleppen! *ächz stöhn* Ganz schön verwöhnte Backpacker waren wir geworden… Wir fuhren mit dem Zug ins Zentrum und von dort mit dem Bus in die Nähe unseres Quartiers, das wir schon vor Wochen gebucht hatten, da es echt günstig war. Wie sich herausstellte, waren wir in einer Art Studentenwohnheim untergekommen, das von Chinesen betrieben wurde. Wir hatten ein Doppelzimmer in einer Zweizimmerwohnung, mit geteilter Küche und Bad. Es war recht klein, aber sauber und warm und wir waren so glücklich über ein richtiges Bett und die Tatsache, dass das Bad nur drei Meter entfernt war. So ein Luxus!

An dem Nachmittag liefen wir noch etwas durchs Zentrum von Auckland, das sehr hügelig ist. Auckland ist die größte Stadt Neuseelands, gebaut auf 50 Vulkanen, und eine geschäftige Mischung aus modernen Wolkenkratzern und historischen Villen. Da wir quasi auf dem Campus wohnten, wimmelte es nur so von Studenten aus aller Welt. An einer Kreuzung, als ich gerade meine Kamera zücken wollte, sprach uns ein älterer Herr an, der wie ein Banker oder Politiker aussah, ob wir Touristen seien (wir sahen so offensichtlich touristisch aus, dass die Frage eigentlich redundant war). Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er mal fünf Jahre in Frankfurt/Main gewohnt hatte und sogar etwas Deutsch sprach. Er begleitete uns über die Straße und meinte, wir müssten uns unbedingt mal das „Civic“ anschauen, ein historisches Kino, das direkt vor uns lag. Bei mir läuteten zunächst alle Alarmglocken, bis mir einfiel, dass wir ja nicht mehr in Südostasien waren, und dieser Herr wahrscheinlich nicht versuchte, uns Reiseleiterdienste im Gegenzug für Trinkgeld aufzudrängen. In das Kino wären wir von uns aus nie hinein gegangen und hätten wirklich etwas verpasst. Erbaut in den 1920er Jahren erinnerte es an die Art Déco-Gebäude, die wir in Napier gesehen hatten, war aber sehr viel üppiger gestaltet. Das übergreifende Motiv war Indien, und so waren die Wände innen dekoriert mit Reliefs und farbenprächtigen Gemälden von Elefanten und Blumengärten. Wir durften sogar kurz einen Blick in den Kinosaal werfen, wo gerade ein Film zu Ende war. Die Leinwand war durch einen riesigen Vorhang mit Pfauenmotiv verhüllt und die Decke des Saales war wie der Nachthimmel dunkelblau mit Sternen bemalt.

Unser Impromptu-Reiseleiter gab uns noch einige Tipps, was wir uns in Auckland anschauen könnten und verabschiedete sich dann. Wir spazierten danach zum Sky Tower, dem Wahrzeichen der Stadt und dann noch weiter durch die umliegenden Straßen, während es immer wieder regnete.

Impressionen aus Auckland

Als am nächsten Tag das Wetter schöner war, setzten wir eine der Touren um, die uns der Mann empfohlen hatte und fuhren mit der Fähre nach Devonport, einem Stadtteil auf der gegenüberliegenden Seite des Waitemata Harbour. Von dort stiegen wir hinauf zum Mt. Victoria, einem der vielen Vulkangipfel der Stadt und hatten einen tollen 360°-Blick über Auckland, den Hafen und die umgebenden Inseln.

Der Hafen von Auckland

Auckland von Devonport aus gesehen

In der Ferne liegt Rangitoto Island, einer der 50 Vulkane (und wir standen auf einem weiteren).

Und das war auch schon unser letzter Tag in Neuseeland, nach insgesamt neun Wochen. Wir verbrachten die letzten Stunden nach dem Check-Out in der öffentlichen Bibliothek, wo wir einige Quartiere im schon sehr ausgebuchten Kanada reservierten, was uns zwar leider in unserer Flexibilität einschränken, aber dafür unser Budget schonen würde. In Nordamerika ist jetzt Hauptreisezeit und wir wollten nicht vor Ort feststellen, dass alle Hostels voll sind. Immerhin hatten wir damit eine Sorge weniger und es hatte ohnehin wieder den ganzen Tag geregnet. Abends fuhren wir mit dem Stadtbus zum Flughafen und warteten auf unseren Air New Zealand-Flug zu unserem nächsten Traumziel: Hawaii…

Von zwei Meter großen Hobbits und anderen Kuriositäten

01. August 2017, Honolulu

Nun sind wir schon in Hawaii angekommen und haben noch nicht einmal von Neuseeland fertig erzählt. Jetzt wird’s aber Zeit. Wir haben doch noch so viel erlebt…

Nach unserem spannenden Ausflug zum Mittelpunkt der Erde (nur weil der offizielle Eingang in Island liegt, muss das ja nicht heißen, dass es hier nicht noch einen Hintereingang gibt), fuhren wir zurück in die Mitte der Nordinsel nach Rotorua am gleichnamigen See, der ein erloschener Vulkankrater ist. Es war schon wieder nieselig und kalt, so kalt. Und auf dem Campingplatz hatten doch tatsächlich ein paar Verrückte ein Zelt neben einem Auto aufgebaut! Als wir abends in der Campingplatzküche saßen, lernten wir die Zeltschläfer kennen: ein Paar aus Südkorea, die gerade ein Jahr Work & Travel in Australien absolviert und dasselbe jetzt in Neuseeland geplant hatten. Nach ein paar Nächten in einem Hostel in Auckland war dies ihre erste Campingnacht in Neuseeland und sie hatten sich das anscheinend eher so wie in Australien vorgestellt. Sie erzählten uns, dass sie weder Schlafsäcke noch Isomatten hatten, nur ein paar Decken, und am nächsten Tag alles im Warehouse kaufen wollten. Es war offensichtlich, dass sie das Schlafen hinaus zögerten; sie tranken Instantkaffee und bibberten in der unbeheizten Küche vor sich hin. Als wir uns schließlich für die Nacht verabschiedeten, gaben wir ihnen noch eine von unseren Wärmflaschen. Zumindest waren die Küche mit dem Heißwasserspender und das Bad mit den kostenlosen, heißen Duschen die ganze Nacht geöffnet, aber Sorgen machten wir uns schon. Am nächsten Morgen erzählten sie uns, dass sie fast die ganze Nacht in der Küche verbracht und gar nicht geschlafen hätten. Sie überlegten, in ein Hostel umzuziehen, wozu wir ihnen nur raten konnten. In sechs Wochen Neuseeland hatten wir nicht einmal irgendwo ein Zelt gesehen.

Wir für unseren Teil statteten als erstes dem Redwood Forest einen Besuch ab. Redwoods wurden in Neuseeland als Holzquelle eingeführt, da sie schnell wachsen und im hiesigen Klima gut gedeihen. Im Wald gab es viele Spazierwege und aufgrund der Schulferien waren echt viele Leute unterwegs. Wir liefen eine Runde durch den Wald und fuhren dann zu einem Aussichtspunkt über den Blue Lake und Green Lake. Auf den Fotos im Internet sah man die Farben der beiden Seen richtig gut, aber vor Ort sah das Wasser nicht besonders grün oder blau aus. Vielleicht hatte es einfach zu viel geregnet. Wir schauten uns auch noch den Lake Tarawera an, dessen Ufer ein Vulkan mit gleichem Namen beherrscht, der bei seiner letzten Explosion im 19. Jahrhundert einen ganzen Maori-Stamm fast auslöschte und die Landschaft am Ufer des Sees drastisch veränderte, woran einige Gedenktafeln erinnerten.

Lake Tarawera

Danach fuhren wir zum Kerosene Creek, einem heißen Bach, in dem man baden kann. Der Bach und der Wald, durch welchen er floss, waren ein hübsches Stück Natur, das aber leider durch die Massen von badenden Touristen ziemlich verdorben wurde. Es war so voll, dass uns gleich vollständig die Lust aufs Baden verging und wir lieber weiter fuhren zum Rainbow Mountain, einem Berg, dessen Flanken in Rot- und Gelbtönen leuchteten. An seinem Fuß lagen mehrere dampfende Tümpel und Seen, über denen hunderte Fächerschwänzchen kreisten, zierliche kleine Vögel, die in chaotischen Flugmanövern Insekten in der Luft fangen.

Kerosene Creek

Rainbow Mountain

Als wir zum Auto zurückkehrten, fing es schon wieder an zu regnen, also ließen wir es für den Tag gut sein und kehrten zurück auf den Campingplatz, wo es einen kostenlosen Hotpool gab, der auch wirklich richtig schön heiß war, ideal zum Aufwärmen. Die Koreaner, denen wir tagsüber noch einmal über den Weg gelaufen waren, trafen wir nicht wieder; deswegen hoffen wir, dass sie sich doch ein richtiges Bett gesucht haben.

Am nächsten Tag war das Wetter schon vormittags schlecht; es fielen zwischen all dem Regen sogar ein paar Schneeflocken, was in dieser Gegend so gut wie nie vorkommt, wie uns der Campingplatzmanager erstaunt mitteilte. Wir nutzen die Tatsache, dass wir den Campingplatz noch für zwei weitere Nächte gebucht hatten, und schliefen endlich einmal aus. Nach einem üppigen Frühstück ging es dann direkt wieder in den Hotpool. Gegen Nachmittag nieselte es nur noch, also machten wir einen Ausflug zu den Hamurana Springs, einer saphirblauen Quelle in einem erhabenen Redwood-Wald, deren Wasser einen erfrischend klaren Bach speiste, auf welchem sich zahlreiche Wasservögel an den Pflanzen im Wasser gütlich taten – ein sehr friedlicher Ort, an welchem wir fast die einzigen Besucher waren.

Hamurana Springs – so klares Wasser sieht man selten.

Danach suchten wir uns einen Parkplatz im Stadtzentrum von Rotorua und schauten uns die wenigen Sehenswürdigkeiten an – das einstige Badehaus, heute ein Museum, das allerdings geschlossen war, die Schwefelterassen am Ufer des Sees und den kleinen Nachtmarkt, auf dem es im Wesentlichen Fressbuden gab. Wir aßen dort zu abend und verkrümelten uns dann wieder in den Hotpool auf den Campingplatz. Dort bekamen wir Gesellschaft von einer Familie aus Auckland mit drei Kindern, die uns prompt in ihr „Containerschiff“-Spiel mit einbezog: „Ein Containerschiff läuft in den Hafen ein und geladen hat es…“ Dann nennt man eine beliebige Kategorie, zum Beispiel Tiere, Autos, Fußballmannschaften, und jeder muss der Reihe nach ein Ding aus dieser Kategorie nennen ohne dass man etwas schon genanntes wiederholen darf. Wem nichts mehr einfällt, der scheidet aus, und gewonnen hat logischerweise, wer als letztes übrigbleibt. Es hat jedenfalls sehr viel Spaß gemacht, uns und den Kindern.

Das alte Badehaus in Rotorua

Die Schwefelterassen am Ufer des Sees

Am darauffolgenden Morgen regnete es sich, während wir beim Frühstück in der Küche saßen, dermaßen ein, dass wir nur zum Auto sprinten, unseren Krempel hineinwerfen und die Tür hinter uns zuschlagen konnten. Die ganze Packerei mussten wir dann drinnen irgendwie erledigen, denn draußen wären wir binnen Minuten komplett durchgeweicht. Schade schade, wir wollten doch im 70km entfernten Tauranga auf den Mt. Maunganui steigen, den uns unter anderem die Koreaner wegen der schönen Aussicht empfohlen hatten. Wir fuhren dem Regen zum Trotz hin, aber die Scheibenwischer liefen auf Hochtouren und im Auto bekamen wir trotz Heizung und Lüftung kaum die Scheiben frei vom Kondenswasser. Am Mt. Maunganui angekommen, war es zwar schon etwas lichter geworden, aber es regnete immer noch und ein eisiger Wind pfiff – das hatte keinen Zweck. Also drehten wir um und erledigten unseren Supermarkteinkauf, der sowieso wieder einmal nötig war.

Als wir den Supermarkt wieder verließen, hatte sich das Wetter überraschenderweise deutlich gebessert – am Himmel hatten sich große blaue Fetzen aufgetan und der Regen war komplett abgezogen. So fuhren wir doch noch einmal zurück zum Berg und ich stieg allein hinauf, da es Kathrin zu matschig war. Der Aufstieg dauerte gar nicht so lange, vielleicht 25 Minuten, und die Aussicht von oben war wirklich traumhaft. Man hatte einen 360°-Blick auf die Stadt Tauranga und den endlosen Strand im Süden/Südosten sowie die Bucht mit ihren Wäldern und Stränden im Nordwesten.

Aussicht vom Mt. Maunganui in die eine…

…und die andere Richtung.

Vom Mt. Maunganui aus fuhren wir wieder zurück nach Westen in die Inselmitte und machten unterwegs einen Bummel durch das kleine Tirau, dessen einzigartige Architektur ihm zu ein bisschen Berühmtheit verholfen hat – nein, keine Wild West-Holzhäuschen und auch kein Art Déco, sondern Wellblech, wohin man schaut. Allerdings sind die Fassaden wirklich sehr kreativ gestaltet, sodass das ganze schon wieder Charme hat und auch eine Busgruppe von Touristen begeisterte, als wir da waren. Anschließend übernachteten wir am Karapiro-Stausee, dessen Campingplatz in zwei Ebenen am Seeufer lag und unten, wo wir standen, waren wir die einzigen Gäste. Auch in der Küche ließ sich niemand von den anderen Campern blicken, sodass wir die Anlage im Prinzip für uns allein hatten und früh zu Vogelgezwitscher am See aufwachten (und zum Geschrei einer Gruppe Halbstarker, die der Meinung waren, frühmorgens eine Runde im eiskalten See schwimmen zu müssen).

Wellblechkunst in Tirau

Der See war allerdings nicht der Grund unserer Übernachtung. Es war nur zufälligerweise so ziemlich der einzige Campingplatz in der Umgebung für unseren Ausflug zu *der* Sehenswürdigkeit schlechthin: Hobbiton, dem einzig erhaltenen Filmset aus den Herr-der-Ringe- und Hobbit-Filmen.

Das Dorf, in dem die berühmten Hobbits leben, wurde zuerst 1998 für die Herr-der-Ringe-Dreharbeiten gebaut, mitten in die grünen Hügel einer Schaffarm. Das neuseeländische Militär baute eigens eine Straße hinab ins Tal, um die Logistik zu erleichtern. Nach dem Ende der Dreharbeiten wurde das Set komplett wieder abgebaut; zurück blieben nur die nackten Spanplatten mit den kreisrunden Löchern, in denen die Türen der Hobbitbaue gehangen hatten. Nichtsdestotrotz entwickelte sich der Ort zur Pilgerstätte für Fans und das Interesse war auch zehn Jahre später ungebrochen.

Als ich 2011 das erste Mal in Neuseeland war, wäre ich sogar bereit gewesen, die damals 60 Dollar für eine Tour nur zu den Spanplattenlöchern zu bezahlen, doch es war ja so viel besser. Wie es der Zufall damals wollte, standen die Dreharbeiten für den „Hobbit“ unmittelbar bevor, und das Set war komplett und in all seiner Schönheit wieder aufgebaut worden. Unsere Tourgruppe von insgesamt fünf Teilnehmern musste eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben, dass wir unsere Fotos nicht veröffentlichen dürften, bevor die Filme ins Kino kamen. Ich erinnere mich noch gut an den Ort: das Café am Straßenrand, wo die Touren mit dem Minibus starteten, dahinter ein kleiner Parkplatz für vielleicht zehn Fahrzeuge und eine Picknickbank. Es ging beschaulich zu.

Man hätte sich natürlich denken können, dass sich das nach dem Riesenerfolg der Filme geändert hat, aber als wir nun eines schönen Winternachmittags im Jahr 2017 dort ankamen, verschlug es mir buchstäblich die Sprache. Ich bremste erst einmal den Verkehr hinter uns aus, weil ich einfach nur mit offenem Mund starren konnte, was aus dem beschaulichen kleinen Ort geworden war: Auf einem ersten Parkplatz standen über ein Dutzend Busse. Ein zweiter war in sechs Reihen mit Autos gefüllt und da dort nichts mehr frei waren, fuhren wir weiter zu einem dritten Parkplatz, der ebenfalls schon voll war – es müssen hunderte Fahrzeuge gewesen sein. Wir fanden doch noch einen Platz und gingen hinein, um unsere Tickets abzuholen. Massen von Touristen überall. Wir hatten uns einige Tage zuvor schon für die Abendtour angemeldet, die mit 48 Leuten nun ausgebucht war. Nach einigem Stöbern im umfangreichen Souvenirladen wurden wir mit einem Reisebus hinab zum Filmset gefahren.

Das Auenland – Hobbiton ist von der Straße aus nicht zu sehen.

Als das Hobbitdorf 2011 wieder aufgebaut worden war, hatte man diesmal haltbare Materialien verwendet, damit die Kulisse als Sehenswürdigkeit erhalten bleiben würde. Daher sieht man nun nicht nur Spanplatten mit Löchern, sondern den Originaldrehort. Und was sollen wir sagen: Es war so schön. Soooooooooo schööööööööööön!!!! Es gibt weit über 30 Hobbithöhlen, und jede sieht anders aus. Verschiedenfarbige Türen, bleiverglaste Fensterchen, Vorgärten mit moosbewachsenen Zäunen, Wäsche auf kleinen Wäscheleinen, Blumen, Obst, rauchende Schornsteine, alles bis ins kleinste Detail mit so viel Liebe gestaltet. Hinter den Türen verbirgt sich allerdings nichts, sie sind nur Kulisse.  Die einzige Tür, hinter der es ein kleines bisschen Einrichtung zu sehen gibt, ist die von Beutelsend, wo mit Bilbo und Frodo die berühmtesten aller Hobbits leben. Dort hat man ein Stück Wanddekoration gebaut, damit es auch bei geöffneter Tür so aussieht, als ob es dahinter noch weiter geht. Überdies sind die Türen der verschiedenen Höhlen unterschiedlich groß. Dies hängt mit dem Größenunterschied der verschiedenen Bewohner Mittelerdes zusammen. Da Hobbits ja kleiner sind als Zauberer oder Zwerge, mussten die Filmemacher tricksen, um dies im Film darzustellen. So wurden die Hobbitschauspieler vor den großen Türen gefilmt, wo sie ganz natürlich wirkten, während zum Beispiel Gandalf der Zauberer vor einer viel kleineren Tür gefilmt wurde. Daher erscheint er im Film groß, obwohl in Wirklichkeit nur die Tür hinter ihm viel kleiner ist.

Beutelsend

Jede Höhle ist sehr detailliert und mit viel Liebe gestaltet – wer würde nicht hier wohnen wollen?

Hobbiton und das Gasthaus zum Grünen Drachen

Wir wurden für die Führung in zwei Gruppen aufgeteilt, damit wir uns nicht alle ständig gegenseitig im Bild standen. Die Guides erklärten uns nicht nur die Tricks der Filmemacher, sondern erzählten auch andere Anekdoten rund um das Filmset. Zum Beispiel, dass all die Schafe auf der Farm insgeheim sehr verbittert sind, dass sie in den Filmen nicht vorkommen. Der Regisseur wollte keine weißen Schafe, sondern ließ schwarze einfliegen. Oder von dem einen Fan, zufälligerweise aus Deutschland, der als Hobbit verkleidet kam, was an sich hier nicht ungewöhnlich ist, aber er war fast 2m groß. Am Ende seiner Tour weigerte er sich zudem, das Set zu verlassen und musste schließlich am Abend von der Polizei hinaus eskortiert werden.

Die Führung dauerte etwa eine Stunde, aber wenn wir schonmal da waren, wollten wir es auch richtig machen, also hatten wir die Bankett-Tour gebucht, die zum Hobbit-Gasthaus, dem Grünen Drachen, führte. Dort erhielten wir alle ein Getränk nach Wahl (wir entschieden uns für ein sehr leckeres, alkoholfreies Ingwerbier, eine Art Limonade) bevor wir dann in die rustikale Banketthalle gelassen wurden. Dort erwarteten uns ein flackerndes Feuer im Kamin und davor vier Tafeln, wo sich jeder einen Platz suchen konnte. Die Tische bogen sich fast unter all den Gerichten. Hobbits sind ja für ihren Appetit bekannt und das Festmahl war wirklich hobbitwürdig. Es gab alle möglichen Braten, Fisch und Würste, verschieden zubereitetes Gemüse, neuseeländische Spezialitäten wie Süßkartoffelbrei, Pilzragout, Brötchen, Salat und und und. Nachdem wir alle gegessen hatten, bis nichts mehr reinging, wurde abgeräumt und der Nachtisch serviert – zum Glück gibt es dafür ja den zweiten Magen – und wir taten uns noch gütlich an Bratäpfeln, Käsekuchen, Pavlova (eine Art Baisertorte), Muffins, hausgemachtem Joghurt und Käseplatte…

Festmahl nach Hobbit-Art

Im Grünen Drachen

Als wir schließlich kurz vorm Platzen waren, bekamen wir Laternen, immer zu zweit eine, und spazierten im Licht der Sterne zurück durch Hobbiton. Auf der Partywiese animierten die beiden Guides uns alle noch zu einer kleinen Tanzrunde – unter viel Gestöhne und Gejammer seitens der sehr, sehr voll gefutterten Gäste – und dann konnten wir noch ein paar Fotos der erleuchteten Hobbithöhlen machen. In der Dunkelheit mit all den Lichtern konnte man sich wirklich vorstellen, dass dort überall kleine Hobbits wohnen. Und mit dem Wetter hatten wir auch Glück, es war den ganzen Tag schön gewesen und abends sahen wir sogar die Milchstraße über dem Auenland. Es war wirklich ein richtig tolles Erlebnis und wir kehrten sehr glücklich und zufrieden auf unseren Campingplatz am See zurück.

Der Erde so nah – Ausflug nach White Island

Kleiner Hinweis vorab: wir waren heute ganz besonders fleißig und haben ganze drei (in Worten: drei) Beiträge hochgeladen. Dies hier ist Nummer drei, das heißt, darunter finden sich noch zwei weitere neue („Versteckte Wahrzeichen…“ und „Vom Schicksalsberg…“). Viel Spaß beim Lesen!

26. Juli 2017, Auckland

Bei Sonne (!) fuhren wir am nächsten Tag weiter die Küste entlang. Vor uns lag die riesige Bay of Plenty, die mit wunderschönen Stränden und Vistas bestach wie eigentlich jede Küstenregion Neuseelands. Wir gönnten uns sehr leckeren Fish & Chips (K) bzw. nur sehr leckere Chips (B) im kleinen Ort Opotiki, und nutzten endlich wieder einmal die modernen Segnungen des Internets für ein paar Reiserecherchen an einer der umfunktionierten Telefonzellen, die jetzt als Wlan-Hotspots dienen. Danach machten wir uns noch auf den Weg in die nächstgrößere Stadt Whakatane, überlegten es uns aber nach ein paar Kilometern anders, als wir die traumhaften Strände sahen. Stattdessen verbrachten wir dann lieber den Rest des Tages am Strand und telefonierten ein bisschen herum wegen einer Tour nach White Island, die wir für den nächsten Tag buchen wollten. Leider war sie schon ausgebucht und so mussten wir uns mit dem übernächsten Tag zufrieden geben, für den die Wettervorhersage schon wieder eher entmutigend war. Wir überlegten, stattdessen eine Reittour am Strand zu machen, aber aufgrund des vielen Regens der letzten Tage fanden keine statt, wie man uns auf dem Campingplatz sagte. Völlig unverhofft erhielten wir am Abend aber einen Anruf vom Veranstalter der White Island Tour, dass wir nun doch schon am nächsten Tag mitfahren könnten, umso besser, auch wenn das zeitiges Aufstehen bedeutete, da wir ja noch eine Stunde Fahrt nach Whakatane vor uns hatten.

White Island ist eine Insel etwa 50 km vor der Küste in der Bay of Plenty und gleichzeitig der östlichste Gipfel auf der Vulkanlinie, die unter der Nordinsel verläuft. Das Besondere an diesem etwa 700 Meter hohen Vulkan ist, dass der größte Teil unter dem Meeresspiegel liegt und nur der Krater mit seinem bis zu 300 Meter hohen Rand aus dem Wasser schaut. Das Boot legt also direkt auf Höhe des Kraters an – bequemer kann man kaum auf einen Berg steigen. 😉

White Island ahoi!

Die Überfahrt von Whakatane dauert etwa anderthalb Stunden bei halbwegs ruhiger See, die wir glücklicherweise hatten. Die Sonne wärmte uns trotz der steifen Brise und die einzigen Wölkchen am Himmel waren die, die aus dem Vulkan aufstiegen. Da die Tour extrem wetterabhängig ist und die Vorhersage für den nächsten Tag schon wieder schlechter war, hatte sich der Veranstalter entschieden, mit zwei Booten zu fahren und die Leute, die wie wir eigentlich keine Plätze mehr bekommen hatten, umzubuchen, wenn sie damit einverstanden waren. Wir waren nicht die einzigen, die auf diese Weise einen Tag vorgerutscht waren. Glück gehabt.

Zu Beginn der Bootsfahrt verteilte die freundliche Crew kleine braune Tüten an einige seekranke Passagiere, gegen Ende gab es Helme und Gasmasken für alle – White Island ist ein aktiver Vulkan, durch dessen Krater wir in ein paar Minuten laufen würden…

Ankunft am ‚einladenden‘ Strand von White Island

Die beiden Boote ankerten ein Stück vor dem alten Pier, einst für die Schwefelmine auf der Insel errichtet, und von dort wurden wir in mehreren Gruppen mit einem Gummiboot an Land gefahren. Jede Gruppe war mit einem eigenen Guide unterwegs und wir erhielten, kaum dass wir an Land waren, erst einmal eine gründliche Einweisung. Die oberste Regel lautete, immer genau hinter dem Guide herzulaufen und nicht vom Weg abzukommen, da der Boden im Krater an vielen Stellen nur wenige Zentimeter dick ist – zu erkennen an so genannten heat bumps, von einer dünnen Kruste überzogenen Wölbungen im Boden, wo man sehr leicht einbrechen würde. Jeden Tag werden drei bis vier Erdbeben auf der Insel verzeichnet, meist für Menschen nicht spürbar. Da der Vulkan aber auch jederzeit ohne Vorwarnung ausbrechen kann, wobei er meist nur Asche und etwas Geröll spuckt, erklärte unser Guide uns auch, wo wir im Falle eines Ascheregens oder Erdrutsches am Kraterrand Schutz suchen bzw. wie wir die Insel im Ernstfall schnellstmöglich wieder verlassen würden. Sonderlich gefährlich scheint es aber trotzdem nicht zu sein; nach dem letzten größeren Ausbruch vor 17 Jahren wurden die Touren schon zwei Tage später wieder aufgenommen, wobei die Teilnehmer damals durch die knietiefe Asche wie durch Schnee stapften mussten, und auch unser Guide erzählte, wie sie erst kürzlich eine Gruppe vor einem Hangrutsch in Sicherheit bringen musste – kein Grund, die Tour vorzeitig abzubrechen. Am Ende dieser motivierenden Einstimmung ließ sie noch eine große Box mit Bonbons herumgehen, aus der wir uns kräftig bedienen sollten – die beim Lutschen entstehende Flüssigkeit bildet im Rachen einen Film, der gegen die Reizung durch das Schwefelgas hilft. Ansonsten konnten wir auch jederzeit ein paar Züge durch die Gasmaske nehmen, wenn es mit der Luft mal knapp werden sollte.

Und dann liefen wir los, vorbei an roten und gelben Felswänden, kochenden Fumarolen (Spalten, aus denen Wasserdampf mit einer Temperatur von 180 bis 600°C aufsteigt), trügerisch solide wirkenden heat bumps und über ominös dampfende Bäche, immer mit leicht erhöhtem Puls, ob es denn plötzlich eine Eruption geben könnte. Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem man sich dem Mittelpunkt der Erde näher fühlt als hier – die Magmakammer liegt an manchen Stellen nur 500 Meter unter der Krateroberfläche.

Nach ein paar hundert Metern erreichten wir einen Absatz oberhalb des Kratersees, den am weitesten vom Hafen entfernten Ort unserer Tour. Der See war sehr flach und lag ein ganzes Stück unterhalb unseres Standortes, aber laut unserem Guide war das nicht immer so gewesen. Nur wenige Jahre zuvor hatte der Pegel so hoch gestanden, dass der See fast über den Rand schwappte und den Boden dort mit so saurem Wasser tränkte, dass es den Guides die Sohlen von den Schuhen löste. Manche Bäche im Krater haben einen PH-Wert unter Null (-0.4 oder sogar -0.6, wenn wir das richtig verstanden haben), ein Vielfaches von Batteriesäure. Die Guides, die jeden Tag dort herumlaufen, brauchen etwa alle drei Monate neue Schuhe, und für die Touristen gibt es am Hafen ein Schuhwaschbecken. Nichtsdestotrotz konnten wir aus einem weniger sauren Bach sogar einmal das Wasser kosten, es schmeckte sehr metallisch, und eine chinesische Familie und ich gönnten uns gleich noch eine kostenlose Schlammpackung für samtweiche Hände. Selbst der Niederschlag auf der Insel ist sauer, da er durch den vulkanischen Dampf fällt, vor allem wenn es nieselt und die Tröpfchen entsprechend langsam unterwegs sind. Den Guides bleicht es dadurch mit der Zeit sogar die Kleidung.

Eine andere Gruppe steht am Rand des Kratersees.

Dampfende Bäche…

…dampfende Spalten…

…und überall stinkt es nach Schwefel…

…aus den zahlreichen Fumarolen.

Am Ende der Tour besichtigen wir noch die Überreste der alten Schwefelfabrik, die hier samt ihren Arbeitern einige Jahrzehnte den extrem widrigen Bedingungen getrotzt hatte. Die Arbeitsplätze waren gut bezahlt aber sehr gefährlich. Von der ersten Zwölfergruppe Männer, die auf die Insel kamen um Schwefel abzubauen, starb einer bei der Explosion eines Schwefeltanks, einer begang Selbstmord indem er sich in den Kratersee stürzte, und die restlichen zehn wurden im Schlaf von einem Erdrutsch verschüttet. Am längsten hielt ein Mann durch, der acht Jahre lang seinen Vertrag immer wieder verlängerte und der wohl trotzdem danach noch ein langes Leben bei bester Gesundheit genoss. Am kürzesten hingegen war ein anderer Arbeiter dort, der sich beim Anblick der Insel an den Schiffsmast kettete und sich weigerte, von Bord zu gehen – selbst wir waren länger dagewesen. Man muss aber auch fairerweise sagen, dass in der Stellenbeschreibung von Arbeit auf einer pazifischen Insel die Rede gewesen war, was im Grunde genommen zwar stimmte, aber vielleicht doch falsche Vorstellungen geweckt hatte. Man sollte also immer das Kleingedruckte lesen.

Verrosteter Schwefeltank

Wir wuschen unsere Schuhe in den bereitgestellten Becken am Pier und wurden mit dem Gummiboot wieder zurück an Bord gebracht, begeistert und überwältigt, und vielleicht auch ein kleines bisschen erleichtert (oder in einigen Fällen enttäuscht), dass der Vulkan nicht ausgebrochen war, während wir durch seinen Krater stapften. Auf der Rückfahrt gab es eine Lunchbox für jeden und der Skipper machte noch ein paar Stopps entlang einiger Felsen vor der Insel, auf denen sich Robben sonnten.

Der Ausflug nach White Island war definitiv ein Highlight, das wir so schnell nicht vergessen werden. Und als es am nächsten Tag schon wieder grau und regnerisch wurde, waren wir umso glücklicher, dass uns dieser eine Sonnentag vergönnt gewesen war.