Zwischen Himmel und Erde – Hawaii

11. August 2017, Mission/Kanada

Aloha, liebe Leserinnen und Leser, heute wollen wir euch von unserem zweiwöchigen Zwischenstopp im Inselparadies Hawaii berichten.

Der Flug dorthin führte uns nicht nur 8,5 Stunden über den Pazifik, sondern auch über die Datumsgrenze: Donnerstag abend losgeflogen, Donnerstag morgen gelandet – quasi ein Flug in die Vergangenheit. In Honolulu angekommen, wurden wir leider nicht mit Blumenkränzen begrüßt, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber zumindest war es endlich wieder einmal richtig schön warm. Wir nahmen einen Shuttlebus zu unserem Hostel in der Stadt und konnten schon vormittags einchecken. Eine Dusche und ein paar kurzhosige und -ärmelige Kleidungsstücke später machten wir uns auf, die Umgebung zu erkunden und etwas zu essen aufzutreiben.

Wir waren nicht im Zentrum von Honolulu untergekommen, aber dafür in der Tourismus-Hochburg schlechthin: Waikiki. Ein riesiges Hotel stand neben dem nächsten, die kleinen Gebäude zwischen den Hochhäusern quollen über vor Souvenirgeschäften und Restaurants, und auf den Gehwegen drängten sich die Touristen in blumigen Hawaii-Hemden oder auch einfach nur sehr knapper Badekleidung, teils mit Surfboard unterm Arm oder Kindern an der Hand. Man sah Menschen jeden Alters, jeder Hautfarbe, viele Familien, und vor allem viele Japaner, für die Hawaii eines der beliebtesten Reiseziele überhaupt ist, und viele leben auch hier. Während am Flughafen in Auckland alles in Englisch und Chinesisch ausgeschildert war, ist es hier Englisch und Japanisch. So verwundert es wahrscheinlich nicht, dass wir die meiste Zeit in Honolulu japanisch aßen; Sushi war tatsächlich auch eines der günstigsten Gerichte, wenn man es im japanischen Supermarkt kaufte.

Am Nachmittag setzten wir uns an den Strand, den legendären Waikiki Beach, quasi die Copa Cabana Hawaiis. Man muss sagen, dass er – vor allem für so einen überfüllten Strand mitten in der Stadt – sehr sauber war. Es lag kein Müll herum, das Wasser hatte eine tolle Farbe und irgendwie schafften es die vielen Touristen, sich trotzdem nicht gegenseitig auf die Pelle zu rücken, auch wenn es im Wasser ziemlich voll war.

Ala Moana Beach, im Hintergrund Waikiki und Diamond Head, ein erloschener Vulkan

Am nächsten Tag nahmen wir den öffentlichen Bus ins eigentliche Stadtzentrum und liefen dort bei kuscheligen 32 °C die Sehenswürdigkeiten ab, angefangen von Chinatown, das nicht besonders chinesisch wirkte, über das State Capitol bis hin zum Palast – Hawaii war eine Monarchie, bevor es von den USA annektiert wurde. Honolulu erweckte den Eindruck einer ziemlich entspannten Metropole mit seinen weniger als 400.000 Einwohnern (auch wenn im Großraum etwa eine Million leben), aber an einem Nachmittag hat man hier alles gesehen. In einem Park am Strand fand eine Art Nachtmarkt statt, zu 95% Fressbuden mit Leckereien aus aller Welt, wo wir unser Abendessen kauften, und anschließend liefen wir an der Küste entlang bis zu einem der Hilton Hotels, das jeden Freitag nach Sonnenuntergang ein Feuerwerk veranstaltete. Man konnte zwar vor Schaulustigen am Strand kaum noch treten, aber wir fanden noch ein Fleckchen zum Sitzen und genossen das Spektakel.

In unserem Hostel-Dorm hatten wir uns mit Charlotte aus Deutschland und Jennifer aus New Jersey angefreundet, und da Jennifer ein Mietauto hatte, bot sie uns an, uns zu ihren Ausflügen um die Insel mitzunehmen. Samstag fuhren wir in die nicht weit entfernte Hana’uma Bay, die für gutes Schnorcheln berühmt ist. So berühmt, dass der Parkplatz vormittags schon voll war, als wir ankamen; zum Glück gab uns ein anderer Tourist einen Tipp, dass wir unten im Ort an der Mall parken könnten, von wo es ein Shuttle gäbe. Als wir es dann eine gute halbe Stunde später endlich an den Eingang zur Bucht geschafft hatten, mussten wir dort erst einmal Eintritt zahlen und uns dann am „Kino“ anstellen, wo ein für alle Besucher obligatorischer Informationsfilm über die Bucht gezeigt werden sollte. Da der Projektor kaputt war, lauschten wir stattdessen einem Kurzvortrag einer der freiwilligen Umweltschützerinnen, die erklärte, was man beim Schnorcheln alles nicht machen soll – nichts anfassen, nirgends drauftreten, nichts mitnehmen usw. – und dann durften wir endlich hinunter an den Strand, wo wir einen halbwegs schattigen Platz unter einer Palme fanden, den wir aber noch mit zwei anderen Gruppen teilen mussten. Wir verbrachten ein paar Stunden in der Bucht (Schnorchelausrüstung hatten wir im Hostel ausgeliehen) und es war wirklich schön, trotz der vielen Menschen und auch wenn es nicht so viele Fische wie in Südostasien zu sehen gab.

Hana’uma Bay

Am Nachmittag fuhren wir noch zum nicht weit entfernten Koko Head, einem etwa 300 Meter hohen Berg nahe der Bucht, auf den in schnurgerader Linie ein altes Eisenbahngleis hoch führt, das heutzutage als eine Art Treppe dient. Wir starteten erst am späten Nachmittag, als die Sonne nicht mehr so brannte, aber es war immer noch heiß, sehr heiß. Definitiv zu heiß, um auf Berge zu steigen. Von weitem hatte es eigentlich nicht so schlimm ausgesehen, aber je steiler der Weg anstieg, desto anstrengender wurde es. Der Schweiß lief uns in Bächen aus allen Poren. Meine Finger wurden taub, weil mein Kreislauf nicht ganz mitmachte. Nach einem Drittel der Strecke konnte ich nicht mehr – Pause, hinsetzen. Vielleicht noch zehn Stufen weiter. Wieder hinsetzen. Noch ein paar Meter – aber jetzt konnte ich wirklich nicht mehr. Geht ohne mich weiter, wir treffen uns am Auto. Ein paar Minuten später wieder ein paar Stufen, vielleicht 10-20 Höhenmeter? Nur noch ein kleines Stückchen weiter? Aber nicht bis hoch, definitiv nicht. Erstmal Pause. Von hier ist die Aussicht doch eigentlich auch schon ganz schön. Die anderen drei sind schon weit voraus, von Jennifer ist bereits nichts mehr zu sehen. Na gut, noch ein ein Stück, muss ja nicht bis ganz hoch sein…

Schlimmer als er aussieht: der Koko Head Trail

So in der Art ging es fast eine Stunde lang, aber was soll ich sagen, am Ende haben wir es doch alle irgendwie nach oben geschafft, und man hatte einen tollen Rundumblick auf die Hana’uma Bay, Honolulu in der Ferne und die Berge in der Inselmitte. Insgesamt war die Natur aber viel trockener und weniger grün, als wir uns das in Hawaii vorgestellt hatten. Die einzigen waren wir natürlich auch hier nicht; auf der Treppe wimmelte es nur so von Wanderern und Fitnesswütigen; viele Leute trainieren hier auch einfach. Für den Hawaii Ironman oder so. Wir mussten jedenfalls wieder unten erst einmal am nächsten Supermarkt jeder eine große Flasche Gatorade kaufen, so eine Art Elektrolyt-Limonade, um unsere leeren Tanks aufzufüllen. Wir machten noch einen kurzen Stopp an einem Blowhole, das aber nicht sonderlich beeindruckend war, bevor wir nach Honolulu zurückfuhren.

Blick vom Koko Head auf die Hana’uma Bay…

…und in Richtung Honolulu

Der nächste Tagesausflug führte uns zum North Shore, der Strandregion im Norden der Insel. Am Turtle Beach sahen wir tatsächlich Meeresschildkröten – ein halbes Dutzend trieb im kristallklaren Wasser direkt vor dem Strand, und eine lag sogar im Sand und sonnte sich. Eine Freiwillige passte auf, dass niemand der Schildkröte zu nahe kam und erklärte uns, dass nur hawaiianische Schildkröten zum Sonnenbaden an Land kommen, und das auch erst mit zunehmendem Alter.

Wie viele Schildkröten haben sich in diesem Bild versteckt?

Meeresschildkröte sonnt sich

Im kleinen Ort Haleiwa aßen wir Mittag an einer Gruppe Fressbuden, von denen zumindest eine anscheinend in jedem Reiseführer stand, denn wir warteten dort locker eine halbe Stunde oder länger, weil Jennifer die Shrimps probieren wollte. K und B hielten sich lieber an eine andere hawaiianische Spezialität, die Acai-Bowl: Sorbet aus Acai-Beeren, darauf Obst (Bananen, Erdbeeren und Heidelbeeren), Müsli und Honig – sehr erfrischend und leicht, bei der Wärme genau das richtige.

Acai Bowl: gesund und lecker!

Danach fuhren wir zum Baden an den Waimea Beach, der mit goldenem Sand und türkisblauem Wasser lockte, aber leider auch entsprechend gut besucht war. Wir fanden einen schattigen Platz unter ein paar dürren Palmen und wechselten uns mit dem Badengehen ab. Das Wasser war ideal zum Schwimmen, wenn auch etwas kälter als erwartet – vermutlich der Lage mitten im Pazifik geschuldet. Es war ein sehr schöner Nachmittag, bis auf den Teil wo mich wieder der Plankton am ganzen Körper biss, und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, trat ich mir zwischen all den dürren Ästen und vertrockneten Palmblättern neben unserer Sitzecke auch noch einen Schiefer ein. Nur dass es eher ein mehrere Millimeter dicker, spitzer Ast war, und dieser sich gefühlt mehrere Zentimeter tief in die Seite meines Fußballens am großen Zeh bohrte. Vor lauter Schreck zog ich ihn gegen etwas Widerstand wieder heraus und dann tat es sehr, sehr weh. Mit Kathrins Hilfe humpelte ich zum Rettungsschwimmer-Häuschen (die Lifeguards sind hier zugleich Ansprechpartner für Wehwehchen aller Art), wo man die Stelle desinfizierte und ein Pflaster draufklebte, und dann wurde ich sogar mit dem Quad zu unserem Auto gefahren, wo die anderen inzwischen warteten. Kathrin holte mir abends eine antibiotische Salbe, die der Rettungsschwimmer empfohlen hatte, und dann war Hawaii für mich erstmal gelaufen.

Die nächsten zwei Tage lag ich nur im Bett und hüpfte allenfalls auf einem Bein ins Bad, da ich beim besten Willen nicht auftreten konnte; der ganze Fuß war geschwollen. Kathrin brachte mir Essen und machte mit Jennifer noch einen Ausflug zum Diamond Head, sozusagen dem Hausberg von Waikiki, der ein erloschener Vulkan ist.

Blick auf Honolulu und den Diamond Head

Der innere Krater des Diamond Head

An unserem letzten Abend in Honolulu gingen wir zu einer Hula-Show am Strand, die nur ein paar hundert Meter von unserem Hostel entfernt war, soweit humpeln konnte ich bis dahin schon wieder. Verschiedene Gruppen traten dort auf, unter anderem mehrere Urlauber, die während ihrer Zeit in Hawaii Hula-Stunden genommen hatten, und vor allem zwei kleine Jungen aus Japan taten es uns und wahrscheinlich allen anderen Zuschauern an.

Zwei kleine Cowboys bei der Hula Show

Und damit endete unsere Zeit auf der Insel Oahu schon; am nächsten Morgen halb acht flogen wir auf die größte und südlichste der hawaiianischen Inseln: das eigentliche Hawaii, auch Big Island genannt. Der Flug dauerte nur eine knappe Stunde und kaum, dass wir den Flieger verließen, merkten wir, dass die Uhren hier ganz anders tickten. Der Flughafen von Hilo war winzig, die Gepäckbänder befanden sich quasi schon draußen in der offenen Lobby und wenn man den Blick schweifen ließ, sah man nur ein paar kleine Häuschen und weite, grüne Hänge in der Ferne. Die Umgebung war auffällig flach, dafür dass das doch hier die Insel der Vulkane sein sollte? Wir nahmen uns ein Taxi zu unserem Hostel, aber dort angekommen mussten wir feststellen, dass das kleine Holzhaus verschlossen war und weder eine Klingel noch eine Telefonnummer hatte. Wir lungerten gut und gern eine Viertelstunde ratlos draußen herum, bis zufällig doch einmal jemand herauskam – glücklicherweise ein Freiwilliger, der dort arbeitete und uns trotz der frühen Stunde schon einchecken ließ.

Hilo aus der Luft

Hilo war nach dem hektischen Waikiki ein wahrer Segen, so klein und verschlafen; fast alle Gebäude waren hübsche, bunte Holzhäuser (bei den zahlreichen Erdbeben stabiler als Stein) und kaum eines war höher als zwei Stockwerke. Unser Hostel war ein blaues Häuschen mit einer gemütlichen Veranda im ersten Stock, auf der wir viel Zeit verbrachten, da ich ja weiterhin kaum laufen konnte. Zum Glück hatten wir einen Mietwagen reserviert, den wir am nächsten Morgen abholen konnten. Hatte es auf Oahu noch ein sehr gutes Busnetz gegeben, fuhr der öffentliche Bus hier vielleicht fünfmal am Tag und sobald man zu den Vulkanen oder Wasserfällen wollte, war man auf das Auto angewiesen – die Insel heißt nicht umsonst Big Island. Und so chauffierte Kathrin mich fortan zu allen Sehenswürdigkeiten, wo ich dann nur die paar Schritte vom Parkplatz bis zum Aussichtspunkt humpeln musste.

Wir schauten uns ein paar schöne Wasserfälle an und fuhren zum Aussichtspunkt über das Waipio Valley, ein sattgrünes Tal zwischen senkrechten Wänden, an einer Seite offen zum Meer. Einen Tag fuhren wir einmal um die ganze Insel herum und stellen fest, dass das wirklich sehr weit war (über 360 km). Bei dieser Gelegenheit machten wir auch eine Mittagsrast in Kona, der anderen „Stadt“ auf Big Island, und waren froh, dass wir nicht dort wohnten. Wo Hilo grün und ruhig war, war Kona heiß, hektisch, und lag mitten in einer savannenähnlichen Einöde auf der Nordwestseite der Insel. An einem schwarzen Strand sahen wir Meeresschildkröten in der Brandung schwimmen.

Die Akaka Falls

Ausblick über das Waipio Valley

Black Sand Beach

Eines schönen Nachmittags machten wir uns auf zum Mauna Kea, dem höchsten Punkt von Big Island und – vom Meeresboden aus gemessen – höchsten Berg der Welt mit über 10.000 Metern. Wir hatten etwas Sorge, dass wir oben nichts sehen würden, da es eigentlich immer bewölkt war, aber nach einer Weile ließen wir die Wolken unter uns und schauten über sie hinweg. Das Kuriose an Big Island ist, dass es sich zwar im Prinzip um eine einzige, aus dem Meer aufragende Vulkanmasse handelt, man aber auf der Insel nicht wirklich Berge sieht. Obwohl man weite Strecken mit dem Auto zurücklegt, hat man das Gefühl, sich immer nur auf einer leicht geneigten Ebene zu befinden. Doch eh man es sich versieht, ist man auf 3000 Meter Höhe am Besucherzentrum des Mauna Kea angekommen. Der Gipfel liegt noch ein Stück höher (auf 4.207m), doch dorthin hätte nur eine Schotterpiste für Allradfahrzeuge geführt – leider in unserem Mietvertrag ausgeschlossen. Aber es gab trotzdem viel zu sehen.

Mauna Kea

Der Mauna Kea liegt in punkto Lichtverschmutzung in einer besonders dunklen Gegend, so mitten im Pazifik, das heißt, wenn es dunkel wird, sieht man besonders viele Sterne. Daher befindet sich auf dem Gipfel ein großes Observatorium, und unten im Besucherzentrum werden regelmäßig Informationsabende veranstaltet. Entsprechend waren wir nicht die einzigen Besucher und mussten schon froh sein, noch einen Parkplatz zu erwischen, aber in den Vortrag eines Observatoriumsmitarbeiters kamen wir leider nicht mehr hinein. Stattdessen stiegen wir auf einen Hügel und genossen von dort aus einen der schönsten Sonnenuntergänge unserer Reise. Wer sich noch an unseren Sonnenaufgang auf den Klippen in Nordthailand erinnert: dies war definitiv das abendliche Pendant dazu. Mit bestem Rundumblick beobachteten wir, wie die Sonne die kleinen Krater am Hang und das Wolkenmeer über Hilo in immer tieferes Rot tauchte, während im Osten der Mond am bereits dunklen Himmel aufging und sich über uns die ersten Sterne zeigten.

Das Wolkenmeer über Hilo

Einfach unbeschreiblich…

Der Mond war leider auch der Grund, dass wir nicht so viele Sterne sehen konnten wie sonst (etwa 400 im Vergleich zu 4.000 bei Neumond), aber es war trotzdem beeindruckend. Kein Kreuz des Südens mehr am Horizont, dafür war der Große Wagen wieder in unser Blickfeld gerückt. Am Besucherzentrum waren mehrere große Teleskope aufgebaut, durch die man verschiedene Himmelskörper sehen konnte. An jedem stand eine lange Schlange an und so schafften wir am Ende nur drei der fünf, aber es hat sich echt gelohnt. Wir sahen Jupiter, sogar mit seiner streifigen Oberfläche, umgeben von seinen vier Monden. Saturn mit seinen Ringen! Und die Mondkrater in einer Präzision, dass man sogar noch die Kraterränder und die Krater in den Kratern sah. Es war so beeindruckend.

Als es noch hell war, konnte man Sonnenflecken durch ein Teleskop beobachten.

Und als ob das noch nicht genug der Highlights gewesen wären, gab es natürlich noch den Vulkan-Nationalpark, dessen Eingang sich passenderweise gleich hinter dem Dorf Volcano befand, und wo wir mehrere Tage zubrachten. Kern des Parks ist Kilauea, der aktivste Vulkan der Erde – seine letzte Eruption begann im Januar 1983 und hält bis heute an. Fährt man entlang der 35km langen Chain of Craters Road vom Krater hinab zur Küste, sieht man buchstäblich schwarz: erkaltete Lavafelder, soweit das Auge reicht, markiert mit Schildern à la „Ausbruch 1974“, „Ausbruch 1983“ usw.; dazwischen zahlreiche nicht mehr aktive Nebenkrater, Schwefelfelder und Petroglyphen. Letztere sind in die Lava geritzte Symbole der hawaiianischen Ureinwohner, die dort die Nabelschnuren ihrer neugeborenen Kinder vergruben und beteten, dass diese so kräftig sein und ein so langes Leben führen mögen wie die Lava. Die Hawaiianer verehren den Vulkan als die Göttin Pele, die neues Land und damit neues Leben erschafft.

Lavafelder soweit das Auge reicht – dazwischen schlängelt sich die Chain of Craters Road

Der Hauptkrater des Kilauea besteht überwiegend aus erkalteter Lava, aber an vielen Stellen steigt Dampf aus dem Boden auf, wie auch aus dem Kraterrand, auf dem man steht und wo die Straße entlangführt. Im Krater befindet sich ein weiterer, kleinerer Krater mit dem Namen Halema’uma’u (gesprochen halle-ma-u-ma-u), Wohnsitz der Göttin Pele, und aus diesem steigt beständig eine dicke, bläuliche Dampfwolke auf, die langsam in Richtung Horizont treibt. Man kann den Krater aus sicherer Entfernung von einem Aussichtspunkt beobachten; hinunter darf man nicht. Bleibt man bis nach Sonnenuntergang, wird man mit dem einmaligen Anblick von Peles glühendem Atem belohnt: orange-rot leuchtet der Dampf aus dem Krater und wenn man ganz großes Glück hat, sieht man sogar ab und zu die Lava hochspritzen.

Regenbogen über dem Krater

Laufen konnte ich zwar nicht, aber fliegen ging und so konnte ich glücklicherweise einen weiteren, lang ersehnten Punkt auf meiner Bucket List angehen: einen Helikopterflug über den Vulkan. Kathrin brachte mich zum kleinen Flughafen von Hilo und winkte, während ein freundlicher Mitarbeiter mich im Golfcart über das Rollfeld fuhr und mich und die anderen drei Passagiere im Hubschrauber gut anschnallte. Gutes Anschnallen war hier oberstes Gebot, ebenso wie feste Schuhe und Handschlaufen für die Kamera. Der Helikopter hatte nämlich keine Türen, damit man die Hitze des Vulkans spüren konnte. Wenn schon, dann richtig.

Auf, auf und davon!

Der Rundflug dauerte ungefähr eine Dreiviertelstunde und war unglaublich stürmisch. An das gelegentliche Wackeln des Helikopters gewöhnte ich mich irgendwann, aber nicht an den Wind, der mir selbst mein Pony wie Peitschenhiebe ins Gesicht schlug. Aber das war es sowas von wert. Zuerst flogen wir über die endlosen erkalteten Lavafelder, die in allen Schwarz-, Grau- und Anthrazittönen unter uns lagen, bis zur Küste, wo ein beständiger Lavastrom ins Meer fließt und dabei nicht nur eine riesige Dampfwolke sondern auch immer mehr neues Land erzeugt. Dann ging es hinauf in Richtung Krater, wobei es nicht der Halema’uma’u-Krater war, aus dem wir es abends dampfen sehen hatten, sondern ein anderer, weiter hangabwärts, der den Namen Pu’u O’o trägt (einfach jeden Vokal zweimal sprechen). An der Seite des Hangs war ein silbrig-glänzender Lavafluss zu sehen, der stellenweise sogar orange glühte; der Pilot sagte, dieser wäre erst einige Stunden zuvor an die Oberfläche getreten. Im Krater selbst sah man ebenfalls die Lava glühen, und auch, wenn es nicht schweißtreibend heiß im Helikopter war, spürte man schon die Wärme in 150 Metern Höhe. Zurück ging es über Regenwald und Wasserfälle – was für ein tolles Erlebnis!

Flach und grün ist der Südosten von Big Island.

Lava und Regenwald.

Feuer trifft Wasser, wo der Lavastrom ins Meer fließt; rechts sieht man noch die abrupt endende Straße.

Je silbriger die Lava glänzt, desto frischer ist sie.

Der Pu’u O’o-Krater

Am letzten Abend, als ich schon wieder halbwegs auftreten konnte, fuhren wir nach Kalapana an der Küste unterhalb des Kilauea. Vom gut gefüllten Parkplatz führte eine 7km lange Piste zum Lavafluss, und da wir nicht so weit laufen wollten bzw. konnten, liehen wir uns Fahrräder, was die Wegezeit von zwei Stunden auf 30 Minuten verkürzte. Am Ziel angekommen ging es noch ein paar Schritte über erkaltete Lava und dann beobachteten wir fast aus nächster Nähe (man musste 300 Meter Sicherheitsabstand einhalten), wie das geschmolzene Gestein unter großen Dampfwolken zischend ins Meer floss. Als es dann allmählich dunkel wurde, sah man die Lava feurig glühen, und auf dem Rückweg sahen wir dann auch an vielen Stellen am Hang kleine Lavaflüsse wie Fackeln in der Dunkelheit leuchten – ein unvergesslicher Anblick. Auch wenn Hawaii von Deutschland sehr weit weg ist, würden wir beide den Weg wieder auf uns nehmen, um noch mehr von diesen traumhaften Inseln zu entdecken.

Lava fließt ins Meer; es entsteht neues Land (und viel Dampf).

Der Wärme entgegen – Coromandel und Northland

Und auch heute gibt es mal wieder zwei Berichte zum Preis von einem, liebe LeserInnen. Also scrollt gleich erst einmal nach unten, damit ihr nicht den zwei Meter großen Hobbit verpasst… 😉

01. August 2017, Honolulu

Eigentlich heißt es ja „der Sonne entgegen“ und ich hätte den Blogbeitrag auch lieber so genannt. Aber leider waren uns weiterhin nur ein paar Zufallssonnenstrahlen vergönnt und Regenschauer blieben unsere ständigen Begleiter. Zumindest wurde es aber deutlich wärmer, je weiter wir nach Norden fuhren; die frostigen Temperaturen, die wir noch in Rotorua hatten, gehörten nun endgültig der Vergangenheit an.

Von unserem Quartier am Stausee aus war es nur noch eine Vormittagsfahrt bis zum Fuße der Coromandel-Halbinsel, die besonders schön, aber durch ihre Nähe zu Auckland auch besonders touristisch sein sollte.

Auf der Coromandel-Halbinsel

Unseren ersten Stopp machten wir am Hot Water Beach, wo man bei Ebbe mit einer Schaufel ein Loch in den Sand buddeln kann, wo man dann auf heißes Wasser stößt und sich wie in der Badewanne hineinlegen kann. Es war eigentlich nahe an der Ebbe und es gab sogar einen Schaufelverleih, aber wir blieben nicht dort, denn erstens waren uns einfach viel zu viele Leute da (so viele, dass es die Gemeinde gerechtfertigt sah, eine Parkgebühr zu erheben, was es sonst nur in den Städten gibt) und zweitens buddelte niemand, also stand das Wasser wohl doch noch zu hoch. Egal, es gab ja noch mehr zu sehen. Nur ein kurzes Stück nördlich lag der ebenfalls volle Parkplatz der Cathedral Cove, wo wir Glück hatten, dass gerade jemand weg fuhr. Von dort führte ein Weg mit toller Aussicht auf die inselreiche Küstenregion durch einen Farnwald hinunter zu einem Strand, der von einem gewaltigen Felsentor, der Cathedral Cove, geteilt wird. Bei Ebbe, die ja jetzt gerade war, kann man durch das Tor hindurch gehen. Es war ein sehr schöner Ort trotz der vielen Leute. Wir trafen sogar eine Familie wieder, die am Vorabend mit uns auf der Hobbiton-Tour gewesen war. Sie lebten in der Gegend, gaben uns noch einige Ausflugstipps und erzählten, dass im Sommer die Pohutukawa-Bäume auf den Felsen hoch über dem Strand alle in voller, roter Blüte stehen – das muss wunderschön aussehen. Sie heißen auch neuseeländische Weihnachtsbäume.

Cathedral Cove

Wir folgten ihrer Empfehlung und besuchten abends noch den Aussichtspunkt auf dem Shakespeare Cliff bevor wir die Nacht auf einem sehr abgelegenen Campingplatz neben einem Tierpark im Mill Creek verbrachten, wo wir die einzigen Gäste waren und morgens von Alpakas und einem Pony auf der anderen Seite des Zaunes begrüßt wurden.

Am Vormittag wollten wir eigentlich Minigolf in Whitianga spielen, aber es war uns zu teuer. Stattdessen erledigten wir ein paar Einkäufe und stellten fest, dass Capella keinerlei Warnsignal gibt, wenn man mit offener Tür oder – in diesem Fall – geöffneter Kofferraumklappe losfährt. Wir wunderten uns nur über das Rauschen des Windes, wo doch alle Fenster geschlossen waren. Naja, wir haben es zum Glück schon nach ein paar hundert Metern gemerkt und rausgefallen ist auch nichts. Etwas Zeit verbrachten wir an der Spark Station (Internet-Telefonzelle) mit Recherchen für die USA und Kanada, welche nicht sehr ermutigend waren, da wir genau zur Hauptsaison dort sein werden und in Kanada in und um die Nationalparks alles bezahlbare schon so gut wie ausgebucht war, oder es einfach von vornherein nichts bezahlbares gab. Wir recherchierten Angebote für Campervans wie unseren Capella, die aber dürftig und teuer waren, versus Mietwagen+Hostel/Motel usw. Als uns die Köpfe schließlich zu sehr schwirrten, fuhren wir ins Dorf Whangapoua, von wo es einen Wanderweg zu einem wunderschönen Strand, dem New Chums Beach, geben sollte, was uns andere Reisende empfohlen hatten.

Auf dem Parkplatz waren wir erfrischenderweise die einzigen, aber was uns keiner gesagt hatte, war, dass der Wanderweg erst einmal durch einen Fluss führte, der dort ins Meer floss. Also Schuhe aus und rein in die kalte Brühe, die eigentlich gar nicht so kalt war. Auf der anderen Seite dann mit den nassen, sandigen Füßen (weil Handtücher was für Warmduscher sind) wieder in die Schuhe und eine halbe Stunde über Felsbrocken und einen unglaublich matschigen Waldweg. Die Belohnung am Ende war ein Strand wie aus dem Bilderbuch, weißer Sand, Palmen vor den Felsen, türkisblaues Wasser. Eine Einheimische, die dort ebenfalls spazieren ging, sagte, im Sommer würde man sich dort wie auf Fiji fühlen und selbst in der Hauptsaison wäre der Strand leer, da der Weg dorthin so mühsam ist. Investoren wollen dort Bauland urbar machen, aber eine starke örtliche Initiative wehrt sich bislang erfolgreich dagegen. Möge es noch lange so bleiben.

Am New Chums Beach gab es viele schöne Muscheln.

Wir übernachteten nördlich des kleinen Ortes Coromandel am Shelly Beach, wo es wieder einmal einen Kamin im Aufenthaltsraum gab, doch dieser war eigentlich gar nicht nötig. Es war zwar nicht unbedingt warm, aber auch alles andere als kalt. Man konnte sogar ohne Mütze schlafen. Von dort wollten wir am nächsten Tag bis zur Nordspitze der Halbinsel fahren. Allerdings machte uns wieder einmal die Straßenqualität einen Strich durch die Rechnung. Ich fahre zwar gerne Schotterpiste, aber bei Tempo 30 wäre dieser Ausflug eine Tortur von mehreren Stunden geworden, also drehten wir auf halber Strecke um und fuhren zurück nach Coromandel. Dort spazierten wir durch den sehr niedlichen Ort, gönnten uns mal wieder Fish & Chips und genossen dann die sehr pittoreske Fahrt nach Süden an der Küste des Firth of Thames entlang.

Auf dem Campingplatz in Te Puru mussten wir leider feststellen, dass es zwar eine Küche gab, aber weder Tische noch Stühle. Wir gingen etwas am Strand spazieren, machten einen abendlichen Ausflug zur Spark Station im übernächsten Dorf für weitere Nordamerika-Recherchen und gingen zeitig schlafen, da wir ohnehin am nächsten Tag ein ganzes Stück zu fahren hatten.

Von Coromandel nach Te Puru

Der nächste interessante Ort auf unserer Strecke wäre Auckland gewesen, aber das wollten wir uns für den Schluss aufheben, nachdem wir das Auto abgegeben haben. Stadt mit Auto macht einfach keinen Spaß und so fuhren wir nur auf der Stadtautobahn durch ohne anzuhalten. Während wir noch voll Dankbarkeit darüber nachdachten, dass ja wenigstens die Sonne schien und die Fahrt im Autobahnchaos bei Regen noch viel unübersichtlicher gewesen wäre, verdunkelte sich wie auf Kommando der Himmel und es fing an zu schütten. Murphy’s Gesetz… Erst als wir die Millionen-Metropole hinter uns gelassen hatten, wurde das Wetter wieder schön. In Orewa, etwa 30 km nördlich von Auckland, machten wir Mittagsrast am Strand, wo ein sehr begeisterter Hund in der Gischt auf und ab rannte bis ihm die Puste ausging und ein paar Kinder im Meer angelten. Dann setzten wir unsere Fahrt noch fort bis nach Whangarei, die letzte größere Stadt im Norden, wo wir uns auf dem Campingplatz einquartierten und anschließend noch im Zentrum spazieren gingen.

Auf der Fahrt nach Whangarei

Der nächste Tag brachte wieder Regen. Viel Regen. Nichtsdestotrotz schauten wir uns auf der Fahrt einige Wasserfälle an, die zumindest bei diesem Wetter etwas mehr Wasser führten als normal, sodass es auch etwas gutes hatte. Direkt am nördlichen Rand von Whangarei lagen die Whangarei Falls und die Paranui Falls, und etwa eine Fahrstunde weiter die Haruru Falls. Bei den Rainbow Falls stiegen wir vor lauter Regen gar nicht erst aus dem Auto aus; buchten dafür aber in einem Anflug von Optimismus eine Tour zum Cape Reinga für den nächsten Tag und eine Reittour am Strand für den übernächsten. Da uns bis zur Abgabe des Autos nur noch wenige Tage blieben, konnten wir nicht mehr auf schönes Wetter warten.

Die Whangarei Falls

In Neuseeland gibt es aus irgendeinem Grund oft freilaufende Hühner auf Parkplätzen.

Die Nacht verbrachten wir auf einem sehr schönen und gepflegten Campingplatz am Hihi Beach, den wir in erster Linie wegen seiner guten Bewertungen und Nähe zum Cape Reinga, aber auch wegen seines lustigen Namens ausgewählt hatten. Den stürmisch-verregneten Abend verbrachten wir mit weiterer Nordamerika-Planung im ausnahmsweise einmal vorhandenen Campingplatz-Wifi und am nächsten Morgen fuhren noch eine Dreiviertelstunde bis nach Kaitaia, wo die Touren zum Kap starteten.

Der Name macht gleich gute Laune.

Zum Cape Reinga, dem nördlichsten Ende Neuseelands, hätten wir zwar auch mit unserem Auto fahren können, aber dann hätten wir eines der größten Highlights verpasst, die Fahrt auf dem Ninety Mile Beach. Dazu später mehr. Unser Tourbus war ein Metallkasten mit großen Fenstern und Allradantrieb, und mit uns waren noch neun andere Fahrgäste auf der Tour. Zunächst ging es die Straße entlang nach Norden; von Kaitaia, dem letzten Ort aus, sind es 111 km bis zum Nordkap. Unterwegs machten wir einige Fotostopps und es war erstaunlich trocken von oben. Gegen Mittag machten wir Rast in der Tapotuotu Bay, auf dessen steiler Zufahrtspiste der Bus samt Fahrer das erste Mal ihr Können unter Beweis stellen durften. Unten am Strand packte der Busfahrer belegte Brötchen, Snacks und Getränke unter den interessierten Blicken zahlreicher Möwen und Finken aus. Als wir aufgegessen hatten und sowieso gerade weiterfahren wollten, fing es plötzlich wieder einmal an zu regnen.

Der Parkplatz des Kaps war nicht weit entfernt, also trotteten wir bei Nieselregen und Sturm los zum Leuchtturm, aber das war auch eigentlich sehr angemessenes Wetter für diesen bedeutungsschweren Ort. Für die Maori ist Cape Reinga besonders heilig, da sie glauben, dass von hier die Toten ihre letzte Reise nach Hawaiki, dem mystischen Land ihrer Vorfahren, antreten. Außerdem treffen hier zwei Ozeane aufeinander, die Tasmansee und der Pazifik, und das ist kein abstraktes Phänomen, sondern man sieht tatsächlich, wie die zwei Meeresfronten weiß-schäumend ineinander fließen – ein erhabener Anblick.

Der Leuchtturm am Cape Reinga

Kollision der Ozeane: von links kommt die Tasmansee, rechts ist der Pazifik.

Vom Kap ging es ein Stück die Straße zurück, aber schon nach kurzer Zeit bog der Bus ab zum Te Paki Stream, einem Flusslauf, der die Zufahrt zum nördlichen Ende des Ninety Mile Beaches bildet. Eine Straße gibt es hier nicht mehr, stattdessen fuhr der Bus direkt durch das breite, sandige Bett des flachen Gewässers, was eine sehr holprige Angelegenheit war, und einer der Gründe, weshalb der Strand für Mietwagen gesperrt ist.

Te Paki Dunes

Aber bevor es tatsächlich an den Strand ging, hielten wir noch an den Te Paki Dunes, bis zu 130 Meter hohen Sanddünen. Als erstes zogen wir alle unsere Schuhe aus. Dann drückte der Busfahrer jedem ein Body Board in die Hand, ein kurzes Schaumstoffbrett, gab uns eine kurze Einweisung und dann kletterten wir ihm alle hinterher eine der Dünen hinauf um zu rodeln. Sanddünenrodeln macht unglaublich viel Spaß. Man legt sich bäuchlings auf das Brett, hält sich vorne am Rand fest, und ab geht’s. Wichtig ist, die Füße nicht zu heben und stattdessen die Zehen hinten im Sand zu lassen, um lenken und bremsen zu können. Wenn der Aufstieg nicht so anstrengend gewesen wäre, hätten wir das den ganzen Nachmittag machen können, aber nach dreimal waren wir alle ziemlich fertig und nicht böse, dass es weiter ging.

Mit zwei kurzen Fotostopps fuhren wir den gesamten Strand entlang. Der Name Ninety Mile Beach ist zwar nicht ganz korrekt, da der Strand in Wirklichkeit „nur“ 55 Meilen lang ist, reichlich 80 km, aber stellt euch mal 80 km Strand vor. 80 Kilometer nichts als Kiefernwald und Dünen auf der einen und Meeresbrandung auf der anderen Seite. Keine Straßen, keine Zäune, keine Häuser, nichts was auf Menschen hindeutet. Für mich war es definitiv einer der schönsten Orte Neuseelands. Und noch dazu schien sogar die Sonne, obwohl die Vorhersage schrecklich gewesen war – so ein Glück muss man erstmal haben. Die Fahrt auf dem Strand dauerte etwa eine Stunde und wir sahen kaum andere Fahrzeuge. Unser Busfahrer zeigte uns Fotos eines Busses, der eines Tages mitten auf dem Strand wegen eines Motorschadens liegen geblieben war. Binnen Stunden hatte ihn die Flut auf die Seite gelegt und mit Salzwasser gefüllt, aber die Firma hatte ihn tatsächlich bergen und wieder flottmachen können.

Unendliche Weite am Ninety Mile Beach

So fühlt sich die große Freiheit an.

Am Ende der Tour hielten wir noch in einem Laden, wo Möbel und Souvenirs aus Kauri-Holz verkauft wurden. Es war weniger Touristennepp als viel mehr Buswaschplatz, wo der Fahrer den Bus an einer Waschstation von Sand und Salzwasser befreite während wir uns die beeindruckenden fossilen Kauristämme anschauen konnten, die in dieser Gegend in den Sümpfen geborgen worden waren. Kauribäume erreichen einen gewaltigen Stammumfang; in dem Laden gab es sogar eine Wendeltreppe *in* einem der Baumstämme.

Nach dieser tollen Tour übernachteten wir in Ahipara, wo wir für den nächsten Tag die Reittour gebucht hatten. Der Campinplatz war gleichzeitig eine Jugendherberge, in der es aus unerfindlichen Gründen unglaublich turbulent zuging. Es wohnten sehr viele Work&Traveller dort und wir fanden kaum einen Fleck in der Küche, um unser Abendessen zu kochen. So eine Hektik sind wir nicht mehr gewöhnt. Noch dazu war unser Stellplatz eine halbe Wanderung von allen Gebäuden entfernt und der Weg durch den Wald (!) war überhaupt nicht beleuchtet – es war der dunkelste Campingplatz, den wir je gesehen hatten. Als es am nächsten Morgen schon wieder goss, fuhren wir einfach mit dem Auto bis vor die Küche.

Das Wetter bedeutete leider auch, dass unsere Reittour am Ninety Mile Beach ins Wasser fiel. Stattdessen verbrachten wir einen verregneten Vormittag an einer Spark Station in Kaitaia und buchten mehrere Flüge für unseren Nordamerika-Aufenthalt, bevor wir unsere Fahrt nach Süden fortsetzten.

Wir verbrachten eine verregnete Nacht als einzige Gäste auf dem kleinen Campingplatz in Rawene, wo uns ein sehr anschmiegsamer, schwarzer Kater namens Max den ganzen Abend Gesellschaft leistete. Der Ort liegt am Hokianga Harbour, einem Meeresarm, der rund 30 km weit in die Westküste hineinreicht. Als am nächsten Morgen die Sonne schien, hatten wir einen tollen Blick auf das Wasser und die umgebenden Berge.

Wir nutzten das Wetter auch gleich, um die Koutu Boulders zu besichtigen, kugelrunde Felsbrocken an der Küste, aber statt Wasser von oben gab es Wasser von unten – der Weg zu den Boulders war aufgrund des vielen Regens eine einzige Teichlandschaft und an den Felsen angekommen, gab es wegen der Flut, die gerade herrschte, nicht viel zu sehen. Dafür ließen am Parkplatz Leute ihre Hunde samt drei süßen, kleinen Welpen herumlaufen, sodass sich der Ausflug trotzdem gelohnt hat.

Wasserwanderung in der Nähe der Koutu Boulders

Wir fuhren weiter zum South Head, einem Aussichtspunkt an der Mündung des Hokianga Harbour, der für die Maori ein heiliger Ort ist, da in ihrer Mythologie Kupe, der polynesische Entddeccker Neuseelands, von dort in seine Heimat Hawaiki zurückgekehrt sein soll. Die Aussicht auf die felsige Küste zur einen und hohe Sanddünen zur anderen Seite war sehr erhaben und friedlich, und eine zufällig anwesende Maori-Frau, die mit zwei Touristen unterwegs war, sang für sie ein Gebet in ihrer Sprache.

Vor uns lag ein letztes Highlight, die Kauri Coast – eine Region, in deren Regenwälder die berühmten Kauribäume wachsen. Kauris sind zwar nicht die höchsten Bäume Neuseelands, wohl aber die mit dem mächtigsten Stammumfang. Noch dazu gehören sie zu den ältesten Baumarten der Welt. Als erstes statteten wir dem größten aller Kauris, der den Namen Tane Mahuta trägt, einen Besuch ab. Er ist reichlich 50 Meter hoch und hat einen Stammumfang von fast 14 Metern. Sein Alter wird auf etwa 1.500 Jahre geschätzt. Mächtig erhob er sich im Wald aus dem Dickicht, kein anderer Baum war auch nur ansatzweise so stattlich wie er. Man kann sich gut vorstellen, warum Tane in der Maori-Mythologie Himmel und Erde trennt.

Tane Mahuta – wie klein sind wir neben einem so Ehrfurcht gebietenden Kauri.

Doch trotz seiner mythischen Kräfte ist er auf der Erde ziemlich schutzbedürftig. Nicht nur sind seine Wurzeln so empfindlich, dass ihm Menschen schon mit ihren Fußabdrücken schweren Schaden zufügen können, sondern er ist auch sehr anfällig für eine Krankheit namens „kauri dieback disease“, die aus anderen Wäldern eingeschleppt werden kann – wiederum über den Menschen, an dessen Schuhen Erde aus anderen Regionen haften bleibt und so verschleppt wird. Daher muss jeder, der den Kauri-Wald betreten möchte, durch eine Schuhputzanlage gehen. Bürsten, einweichen, desinfizieren – und zwar sowohl beim Betreten als auch beim Verlassen des Waldes.

Schuhe putzen ist Pflicht an der Schuhputzstation!

Wir wanderten noch zu einigen anderen Kauris aber der wieder einsetzende Regen nahm immer weiter zu bis wir am Ende ziemlich durchgeweicht waren und Zuflucht auf dem nächstgelegenen Campingplatz suchten.

Te Matua Ngahere, auch „Vater des Waldes“ genannt

Während die Kauris nicht zu übersehen sind, gibt es in ihren Wäldern noch andere Bewohner, die man nur mit sehr viel Glück zu sehen bekommt: Kiwis. Vom Campingplatz aus sollte es Nachtwanderungen geben, um die seltenen Vögel zu beobachten, aber da sich außer uns niemand angemeldet hatte (bei dem Wetter wahrscheinlich nicht verwunderlich), fand die Tour nicht statt. Die Managerin gab uns rotes Zellophan, das wir über unsere Stirnlampen spannen konnten, um allein auf Kiwi-Safari zu gehen. Das weiße Lampenlicht würde sonst die empfindlichen Augen der nachtaktiven Tiere verletzen. Wir fuhren nach Einbruch der Dunkelheit zum verlassenen Besucherzentrum des Trounson Kauri Parks und machten uns mit Regenjacken und präparierten Stirnlampen auf den Weg. Im Wald war es zappenduster. Wirklich verlaufen konnte man sich glücklicherweise nicht, da die Vegetation so dicht war, dass es unmöglich gewesen wäre, aus Versehen vom Weg abzukommen; zudem handelte es sich die meiste Zeit um einen erhöhten Bretterweg, den man selbst im schwachen Rotlicht der Lampen noch ausmachen konnte. Wenn wir das Licht löschten, war es so finster, dass wir buchstäblich die Hand vor Augen nicht sahen. Wie nun einen Kiwi erspähen? Die Managerin hatte uns erklärt, dass wir auf das Rascheln hören sollten, wenn die Vögel mit ihren langen Schnäbeln im Laub nach Insekten und Würmern suchen, und dann leise warten, ob ein Kiwi in Sicht kommt. Da es aber beständig regnete und Wasser von Millionen Blättern tropfte, hörten wir nichts, aber auch gar nichts rascheln. Ein paar Mal konnten wir die lauten, pfauenähnlichen Kiwi-Rufe in der Entfernung ausmachen, aber vor die Linse kam uns keiner. Einzig hier und da ein paar Glühwürmchen gab es zu sehen. Gegen Ende des Rundwegs verliefen wir uns doch noch kurz vor dem Parkplatz, da die Beschilderung sehr dürftig war. Also wieder keine Kiwis – sie sind doch schwerer zu finden als gedacht, obwohl im Gästebuch des Besucherzentrums viele Wanderer von erfolgreichen Sichtungen berichtet hatten.

Am nächsten Morgen schliefen wir aus und fuhren gemächlich weiter in Richtung Auckland. Wir hatten noch einen Tag, bevor wir Capella abgeben mussten und wollten es ruhig angehen lassen. Natürlich war das Wetter ausgerechnet heute schön, aber das ist ja auch zum Fahren angenehm. Schon am frühen Nachmittag erreichten wir die Waitakere Ranges, eine Hügelkette an der Westküste nicht weit von Auckland entfernt. Von all den teuren und schlecht bewerteten Campingplätzen im Umkreis von 100km klang der in Muriwai noch am besten, und wir hatten wirklich Glück. Die Anlagen waren niegelnagelneu, erst vor ein paar Monaten eröffnet, alles war so schick und sauber, und die beiden freundlichen Managerinnen gaben uns spontan 10$ Rabatt. Wir konnten endlich mal wieder Wäsche waschen, unsere Sachen packen und den letzten Abend vor der Rückkehr in die Zivilisation noch einmal an einem traumhaft schönen Strand verbringen.

Sonnenuntergang am Muriwai Beach

Und dann war es auch schon Zeit, Abschied von Capella zu nehmen. In den zwei Monaten ist unser Campervan uns wirklich ans Herz gewachsen, trotz all der kleinen Wehwehchen, trotz Automatikschaltung, die ich manchmal verflucht habe, trotz der sehr beengten Schlafverhältnisse. Wir statteten der Autowäsche einen Besuch ab, saugten sämtlichen Sand aus allen Ritzen, räumten unsere letzten Sachen zusammen und gaben Capella in der Auckland-Filiale von Spaceships ab. Ende einer Ära.

Von dort aus machten wir uns mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf ins Stadtzentrum. Auf einmal seit Monaten wieder die Kraxen schleppen! *ächz stöhn* Ganz schön verwöhnte Backpacker waren wir geworden… Wir fuhren mit dem Zug ins Zentrum und von dort mit dem Bus in die Nähe unseres Quartiers, das wir schon vor Wochen gebucht hatten, da es echt günstig war. Wie sich herausstellte, waren wir in einer Art Studentenwohnheim untergekommen, das von Chinesen betrieben wurde. Wir hatten ein Doppelzimmer in einer Zweizimmerwohnung, mit geteilter Küche und Bad. Es war recht klein, aber sauber und warm und wir waren so glücklich über ein richtiges Bett und die Tatsache, dass das Bad nur drei Meter entfernt war. So ein Luxus!

An dem Nachmittag liefen wir noch etwas durchs Zentrum von Auckland, das sehr hügelig ist. Auckland ist die größte Stadt Neuseelands, gebaut auf 50 Vulkanen, und eine geschäftige Mischung aus modernen Wolkenkratzern und historischen Villen. Da wir quasi auf dem Campus wohnten, wimmelte es nur so von Studenten aus aller Welt. An einer Kreuzung, als ich gerade meine Kamera zücken wollte, sprach uns ein älterer Herr an, der wie ein Banker oder Politiker aussah, ob wir Touristen seien (wir sahen so offensichtlich touristisch aus, dass die Frage eigentlich redundant war). Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er mal fünf Jahre in Frankfurt/Main gewohnt hatte und sogar etwas Deutsch sprach. Er begleitete uns über die Straße und meinte, wir müssten uns unbedingt mal das „Civic“ anschauen, ein historisches Kino, das direkt vor uns lag. Bei mir läuteten zunächst alle Alarmglocken, bis mir einfiel, dass wir ja nicht mehr in Südostasien waren, und dieser Herr wahrscheinlich nicht versuchte, uns Reiseleiterdienste im Gegenzug für Trinkgeld aufzudrängen. In das Kino wären wir von uns aus nie hinein gegangen und hätten wirklich etwas verpasst. Erbaut in den 1920er Jahren erinnerte es an die Art Déco-Gebäude, die wir in Napier gesehen hatten, war aber sehr viel üppiger gestaltet. Das übergreifende Motiv war Indien, und so waren die Wände innen dekoriert mit Reliefs und farbenprächtigen Gemälden von Elefanten und Blumengärten. Wir durften sogar kurz einen Blick in den Kinosaal werfen, wo gerade ein Film zu Ende war. Die Leinwand war durch einen riesigen Vorhang mit Pfauenmotiv verhüllt und die Decke des Saales war wie der Nachthimmel dunkelblau mit Sternen bemalt.

Unser Impromptu-Reiseleiter gab uns noch einige Tipps, was wir uns in Auckland anschauen könnten und verabschiedete sich dann. Wir spazierten danach zum Sky Tower, dem Wahrzeichen der Stadt und dann noch weiter durch die umliegenden Straßen, während es immer wieder regnete.

Impressionen aus Auckland

Als am nächsten Tag das Wetter schöner war, setzten wir eine der Touren um, die uns der Mann empfohlen hatte und fuhren mit der Fähre nach Devonport, einem Stadtteil auf der gegenüberliegenden Seite des Waitemata Harbour. Von dort stiegen wir hinauf zum Mt. Victoria, einem der vielen Vulkangipfel der Stadt und hatten einen tollen 360°-Blick über Auckland, den Hafen und die umgebenden Inseln.

Der Hafen von Auckland

Auckland von Devonport aus gesehen

In der Ferne liegt Rangitoto Island, einer der 50 Vulkane (und wir standen auf einem weiteren).

Und das war auch schon unser letzter Tag in Neuseeland, nach insgesamt neun Wochen. Wir verbrachten die letzten Stunden nach dem Check-Out in der öffentlichen Bibliothek, wo wir einige Quartiere im schon sehr ausgebuchten Kanada reservierten, was uns zwar leider in unserer Flexibilität einschränken, aber dafür unser Budget schonen würde. In Nordamerika ist jetzt Hauptreisezeit und wir wollten nicht vor Ort feststellen, dass alle Hostels voll sind. Immerhin hatten wir damit eine Sorge weniger und es hatte ohnehin wieder den ganzen Tag geregnet. Abends fuhren wir mit dem Stadtbus zum Flughafen und warteten auf unseren Air New Zealand-Flug zu unserem nächsten Traumziel: Hawaii…

Von zwei Meter großen Hobbits und anderen Kuriositäten

01. August 2017, Honolulu

Nun sind wir schon in Hawaii angekommen und haben noch nicht einmal von Neuseeland fertig erzählt. Jetzt wird’s aber Zeit. Wir haben doch noch so viel erlebt…

Nach unserem spannenden Ausflug zum Mittelpunkt der Erde (nur weil der offizielle Eingang in Island liegt, muss das ja nicht heißen, dass es hier nicht noch einen Hintereingang gibt), fuhren wir zurück in die Mitte der Nordinsel nach Rotorua am gleichnamigen See, der ein erloschener Vulkankrater ist. Es war schon wieder nieselig und kalt, so kalt. Und auf dem Campingplatz hatten doch tatsächlich ein paar Verrückte ein Zelt neben einem Auto aufgebaut! Als wir abends in der Campingplatzküche saßen, lernten wir die Zeltschläfer kennen: ein Paar aus Südkorea, die gerade ein Jahr Work & Travel in Australien absolviert und dasselbe jetzt in Neuseeland geplant hatten. Nach ein paar Nächten in einem Hostel in Auckland war dies ihre erste Campingnacht in Neuseeland und sie hatten sich das anscheinend eher so wie in Australien vorgestellt. Sie erzählten uns, dass sie weder Schlafsäcke noch Isomatten hatten, nur ein paar Decken, und am nächsten Tag alles im Warehouse kaufen wollten. Es war offensichtlich, dass sie das Schlafen hinaus zögerten; sie tranken Instantkaffee und bibberten in der unbeheizten Küche vor sich hin. Als wir uns schließlich für die Nacht verabschiedeten, gaben wir ihnen noch eine von unseren Wärmflaschen. Zumindest waren die Küche mit dem Heißwasserspender und das Bad mit den kostenlosen, heißen Duschen die ganze Nacht geöffnet, aber Sorgen machten wir uns schon. Am nächsten Morgen erzählten sie uns, dass sie fast die ganze Nacht in der Küche verbracht und gar nicht geschlafen hätten. Sie überlegten, in ein Hostel umzuziehen, wozu wir ihnen nur raten konnten. In sechs Wochen Neuseeland hatten wir nicht einmal irgendwo ein Zelt gesehen.

Wir für unseren Teil statteten als erstes dem Redwood Forest einen Besuch ab. Redwoods wurden in Neuseeland als Holzquelle eingeführt, da sie schnell wachsen und im hiesigen Klima gut gedeihen. Im Wald gab es viele Spazierwege und aufgrund der Schulferien waren echt viele Leute unterwegs. Wir liefen eine Runde durch den Wald und fuhren dann zu einem Aussichtspunkt über den Blue Lake und Green Lake. Auf den Fotos im Internet sah man die Farben der beiden Seen richtig gut, aber vor Ort sah das Wasser nicht besonders grün oder blau aus. Vielleicht hatte es einfach zu viel geregnet. Wir schauten uns auch noch den Lake Tarawera an, dessen Ufer ein Vulkan mit gleichem Namen beherrscht, der bei seiner letzten Explosion im 19. Jahrhundert einen ganzen Maori-Stamm fast auslöschte und die Landschaft am Ufer des Sees drastisch veränderte, woran einige Gedenktafeln erinnerten.

Lake Tarawera

Danach fuhren wir zum Kerosene Creek, einem heißen Bach, in dem man baden kann. Der Bach und der Wald, durch welchen er floss, waren ein hübsches Stück Natur, das aber leider durch die Massen von badenden Touristen ziemlich verdorben wurde. Es war so voll, dass uns gleich vollständig die Lust aufs Baden verging und wir lieber weiter fuhren zum Rainbow Mountain, einem Berg, dessen Flanken in Rot- und Gelbtönen leuchteten. An seinem Fuß lagen mehrere dampfende Tümpel und Seen, über denen hunderte Fächerschwänzchen kreisten, zierliche kleine Vögel, die in chaotischen Flugmanövern Insekten in der Luft fangen.

Kerosene Creek

Rainbow Mountain

Als wir zum Auto zurückkehrten, fing es schon wieder an zu regnen, also ließen wir es für den Tag gut sein und kehrten zurück auf den Campingplatz, wo es einen kostenlosen Hotpool gab, der auch wirklich richtig schön heiß war, ideal zum Aufwärmen. Die Koreaner, denen wir tagsüber noch einmal über den Weg gelaufen waren, trafen wir nicht wieder; deswegen hoffen wir, dass sie sich doch ein richtiges Bett gesucht haben.

Am nächsten Tag war das Wetter schon vormittags schlecht; es fielen zwischen all dem Regen sogar ein paar Schneeflocken, was in dieser Gegend so gut wie nie vorkommt, wie uns der Campingplatzmanager erstaunt mitteilte. Wir nutzen die Tatsache, dass wir den Campingplatz noch für zwei weitere Nächte gebucht hatten, und schliefen endlich einmal aus. Nach einem üppigen Frühstück ging es dann direkt wieder in den Hotpool. Gegen Nachmittag nieselte es nur noch, also machten wir einen Ausflug zu den Hamurana Springs, einer saphirblauen Quelle in einem erhabenen Redwood-Wald, deren Wasser einen erfrischend klaren Bach speiste, auf welchem sich zahlreiche Wasservögel an den Pflanzen im Wasser gütlich taten – ein sehr friedlicher Ort, an welchem wir fast die einzigen Besucher waren.

Hamurana Springs – so klares Wasser sieht man selten.

Danach suchten wir uns einen Parkplatz im Stadtzentrum von Rotorua und schauten uns die wenigen Sehenswürdigkeiten an – das einstige Badehaus, heute ein Museum, das allerdings geschlossen war, die Schwefelterassen am Ufer des Sees und den kleinen Nachtmarkt, auf dem es im Wesentlichen Fressbuden gab. Wir aßen dort zu abend und verkrümelten uns dann wieder in den Hotpool auf den Campingplatz. Dort bekamen wir Gesellschaft von einer Familie aus Auckland mit drei Kindern, die uns prompt in ihr „Containerschiff“-Spiel mit einbezog: „Ein Containerschiff läuft in den Hafen ein und geladen hat es…“ Dann nennt man eine beliebige Kategorie, zum Beispiel Tiere, Autos, Fußballmannschaften, und jeder muss der Reihe nach ein Ding aus dieser Kategorie nennen ohne dass man etwas schon genanntes wiederholen darf. Wem nichts mehr einfällt, der scheidet aus, und gewonnen hat logischerweise, wer als letztes übrigbleibt. Es hat jedenfalls sehr viel Spaß gemacht, uns und den Kindern.

Das alte Badehaus in Rotorua

Die Schwefelterassen am Ufer des Sees

Am darauffolgenden Morgen regnete es sich, während wir beim Frühstück in der Küche saßen, dermaßen ein, dass wir nur zum Auto sprinten, unseren Krempel hineinwerfen und die Tür hinter uns zuschlagen konnten. Die ganze Packerei mussten wir dann drinnen irgendwie erledigen, denn draußen wären wir binnen Minuten komplett durchgeweicht. Schade schade, wir wollten doch im 70km entfernten Tauranga auf den Mt. Maunganui steigen, den uns unter anderem die Koreaner wegen der schönen Aussicht empfohlen hatten. Wir fuhren dem Regen zum Trotz hin, aber die Scheibenwischer liefen auf Hochtouren und im Auto bekamen wir trotz Heizung und Lüftung kaum die Scheiben frei vom Kondenswasser. Am Mt. Maunganui angekommen, war es zwar schon etwas lichter geworden, aber es regnete immer noch und ein eisiger Wind pfiff – das hatte keinen Zweck. Also drehten wir um und erledigten unseren Supermarkteinkauf, der sowieso wieder einmal nötig war.

Als wir den Supermarkt wieder verließen, hatte sich das Wetter überraschenderweise deutlich gebessert – am Himmel hatten sich große blaue Fetzen aufgetan und der Regen war komplett abgezogen. So fuhren wir doch noch einmal zurück zum Berg und ich stieg allein hinauf, da es Kathrin zu matschig war. Der Aufstieg dauerte gar nicht so lange, vielleicht 25 Minuten, und die Aussicht von oben war wirklich traumhaft. Man hatte einen 360°-Blick auf die Stadt Tauranga und den endlosen Strand im Süden/Südosten sowie die Bucht mit ihren Wäldern und Stränden im Nordwesten.

Aussicht vom Mt. Maunganui in die eine…

…und die andere Richtung.

Vom Mt. Maunganui aus fuhren wir wieder zurück nach Westen in die Inselmitte und machten unterwegs einen Bummel durch das kleine Tirau, dessen einzigartige Architektur ihm zu ein bisschen Berühmtheit verholfen hat – nein, keine Wild West-Holzhäuschen und auch kein Art Déco, sondern Wellblech, wohin man schaut. Allerdings sind die Fassaden wirklich sehr kreativ gestaltet, sodass das ganze schon wieder Charme hat und auch eine Busgruppe von Touristen begeisterte, als wir da waren. Anschließend übernachteten wir am Karapiro-Stausee, dessen Campingplatz in zwei Ebenen am Seeufer lag und unten, wo wir standen, waren wir die einzigen Gäste. Auch in der Küche ließ sich niemand von den anderen Campern blicken, sodass wir die Anlage im Prinzip für uns allein hatten und früh zu Vogelgezwitscher am See aufwachten (und zum Geschrei einer Gruppe Halbstarker, die der Meinung waren, frühmorgens eine Runde im eiskalten See schwimmen zu müssen).

Wellblechkunst in Tirau

Der See war allerdings nicht der Grund unserer Übernachtung. Es war nur zufälligerweise so ziemlich der einzige Campingplatz in der Umgebung für unseren Ausflug zu *der* Sehenswürdigkeit schlechthin: Hobbiton, dem einzig erhaltenen Filmset aus den Herr-der-Ringe- und Hobbit-Filmen.

Das Dorf, in dem die berühmten Hobbits leben, wurde zuerst 1998 für die Herr-der-Ringe-Dreharbeiten gebaut, mitten in die grünen Hügel einer Schaffarm. Das neuseeländische Militär baute eigens eine Straße hinab ins Tal, um die Logistik zu erleichtern. Nach dem Ende der Dreharbeiten wurde das Set komplett wieder abgebaut; zurück blieben nur die nackten Spanplatten mit den kreisrunden Löchern, in denen die Türen der Hobbitbaue gehangen hatten. Nichtsdestotrotz entwickelte sich der Ort zur Pilgerstätte für Fans und das Interesse war auch zehn Jahre später ungebrochen.

Als ich 2011 das erste Mal in Neuseeland war, wäre ich sogar bereit gewesen, die damals 60 Dollar für eine Tour nur zu den Spanplattenlöchern zu bezahlen, doch es war ja so viel besser. Wie es der Zufall damals wollte, standen die Dreharbeiten für den „Hobbit“ unmittelbar bevor, und das Set war komplett und in all seiner Schönheit wieder aufgebaut worden. Unsere Tourgruppe von insgesamt fünf Teilnehmern musste eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben, dass wir unsere Fotos nicht veröffentlichen dürften, bevor die Filme ins Kino kamen. Ich erinnere mich noch gut an den Ort: das Café am Straßenrand, wo die Touren mit dem Minibus starteten, dahinter ein kleiner Parkplatz für vielleicht zehn Fahrzeuge und eine Picknickbank. Es ging beschaulich zu.

Man hätte sich natürlich denken können, dass sich das nach dem Riesenerfolg der Filme geändert hat, aber als wir nun eines schönen Winternachmittags im Jahr 2017 dort ankamen, verschlug es mir buchstäblich die Sprache. Ich bremste erst einmal den Verkehr hinter uns aus, weil ich einfach nur mit offenem Mund starren konnte, was aus dem beschaulichen kleinen Ort geworden war: Auf einem ersten Parkplatz standen über ein Dutzend Busse. Ein zweiter war in sechs Reihen mit Autos gefüllt und da dort nichts mehr frei waren, fuhren wir weiter zu einem dritten Parkplatz, der ebenfalls schon voll war – es müssen hunderte Fahrzeuge gewesen sein. Wir fanden doch noch einen Platz und gingen hinein, um unsere Tickets abzuholen. Massen von Touristen überall. Wir hatten uns einige Tage zuvor schon für die Abendtour angemeldet, die mit 48 Leuten nun ausgebucht war. Nach einigem Stöbern im umfangreichen Souvenirladen wurden wir mit einem Reisebus hinab zum Filmset gefahren.

Das Auenland – Hobbiton ist von der Straße aus nicht zu sehen.

Als das Hobbitdorf 2011 wieder aufgebaut worden war, hatte man diesmal haltbare Materialien verwendet, damit die Kulisse als Sehenswürdigkeit erhalten bleiben würde. Daher sieht man nun nicht nur Spanplatten mit Löchern, sondern den Originaldrehort. Und was sollen wir sagen: Es war so schön. Soooooooooo schööööööööööön!!!! Es gibt weit über 30 Hobbithöhlen, und jede sieht anders aus. Verschiedenfarbige Türen, bleiverglaste Fensterchen, Vorgärten mit moosbewachsenen Zäunen, Wäsche auf kleinen Wäscheleinen, Blumen, Obst, rauchende Schornsteine, alles bis ins kleinste Detail mit so viel Liebe gestaltet. Hinter den Türen verbirgt sich allerdings nichts, sie sind nur Kulisse.  Die einzige Tür, hinter der es ein kleines bisschen Einrichtung zu sehen gibt, ist die von Beutelsend, wo mit Bilbo und Frodo die berühmtesten aller Hobbits leben. Dort hat man ein Stück Wanddekoration gebaut, damit es auch bei geöffneter Tür so aussieht, als ob es dahinter noch weiter geht. Überdies sind die Türen der verschiedenen Höhlen unterschiedlich groß. Dies hängt mit dem Größenunterschied der verschiedenen Bewohner Mittelerdes zusammen. Da Hobbits ja kleiner sind als Zauberer oder Zwerge, mussten die Filmemacher tricksen, um dies im Film darzustellen. So wurden die Hobbitschauspieler vor den großen Türen gefilmt, wo sie ganz natürlich wirkten, während zum Beispiel Gandalf der Zauberer vor einer viel kleineren Tür gefilmt wurde. Daher erscheint er im Film groß, obwohl in Wirklichkeit nur die Tür hinter ihm viel kleiner ist.

Beutelsend

Jede Höhle ist sehr detailliert und mit viel Liebe gestaltet – wer würde nicht hier wohnen wollen?

Hobbiton und das Gasthaus zum Grünen Drachen

Wir wurden für die Führung in zwei Gruppen aufgeteilt, damit wir uns nicht alle ständig gegenseitig im Bild standen. Die Guides erklärten uns nicht nur die Tricks der Filmemacher, sondern erzählten auch andere Anekdoten rund um das Filmset. Zum Beispiel, dass all die Schafe auf der Farm insgeheim sehr verbittert sind, dass sie in den Filmen nicht vorkommen. Der Regisseur wollte keine weißen Schafe, sondern ließ schwarze einfliegen. Oder von dem einen Fan, zufälligerweise aus Deutschland, der als Hobbit verkleidet kam, was an sich hier nicht ungewöhnlich ist, aber er war fast 2m groß. Am Ende seiner Tour weigerte er sich zudem, das Set zu verlassen und musste schließlich am Abend von der Polizei hinaus eskortiert werden.

Die Führung dauerte etwa eine Stunde, aber wenn wir schonmal da waren, wollten wir es auch richtig machen, also hatten wir die Bankett-Tour gebucht, die zum Hobbit-Gasthaus, dem Grünen Drachen, führte. Dort erhielten wir alle ein Getränk nach Wahl (wir entschieden uns für ein sehr leckeres, alkoholfreies Ingwerbier, eine Art Limonade) bevor wir dann in die rustikale Banketthalle gelassen wurden. Dort erwarteten uns ein flackerndes Feuer im Kamin und davor vier Tafeln, wo sich jeder einen Platz suchen konnte. Die Tische bogen sich fast unter all den Gerichten. Hobbits sind ja für ihren Appetit bekannt und das Festmahl war wirklich hobbitwürdig. Es gab alle möglichen Braten, Fisch und Würste, verschieden zubereitetes Gemüse, neuseeländische Spezialitäten wie Süßkartoffelbrei, Pilzragout, Brötchen, Salat und und und. Nachdem wir alle gegessen hatten, bis nichts mehr reinging, wurde abgeräumt und der Nachtisch serviert – zum Glück gibt es dafür ja den zweiten Magen – und wir taten uns noch gütlich an Bratäpfeln, Käsekuchen, Pavlova (eine Art Baisertorte), Muffins, hausgemachtem Joghurt und Käseplatte…

Festmahl nach Hobbit-Art

Im Grünen Drachen

Als wir schließlich kurz vorm Platzen waren, bekamen wir Laternen, immer zu zweit eine, und spazierten im Licht der Sterne zurück durch Hobbiton. Auf der Partywiese animierten die beiden Guides uns alle noch zu einer kleinen Tanzrunde – unter viel Gestöhne und Gejammer seitens der sehr, sehr voll gefutterten Gäste – und dann konnten wir noch ein paar Fotos der erleuchteten Hobbithöhlen machen. In der Dunkelheit mit all den Lichtern konnte man sich wirklich vorstellen, dass dort überall kleine Hobbits wohnen. Und mit dem Wetter hatten wir auch Glück, es war den ganzen Tag schön gewesen und abends sahen wir sogar die Milchstraße über dem Auenland. Es war wirklich ein richtig tolles Erlebnis und wir kehrten sehr glücklich und zufrieden auf unseren Campingplatz am See zurück.

Der Erde so nah – Ausflug nach White Island

Kleiner Hinweis vorab: wir waren heute ganz besonders fleißig und haben ganze drei (in Worten: drei) Beiträge hochgeladen. Dies hier ist Nummer drei, das heißt, darunter finden sich noch zwei weitere neue („Versteckte Wahrzeichen…“ und „Vom Schicksalsberg…“). Viel Spaß beim Lesen!

26. Juli 2017, Auckland

Bei Sonne (!) fuhren wir am nächsten Tag weiter die Küste entlang. Vor uns lag die riesige Bay of Plenty, die mit wunderschönen Stränden und Vistas bestach wie eigentlich jede Küstenregion Neuseelands. Wir gönnten uns sehr leckeren Fish & Chips (K) bzw. nur sehr leckere Chips (B) im kleinen Ort Opotiki, und nutzten endlich wieder einmal die modernen Segnungen des Internets für ein paar Reiserecherchen an einer der umfunktionierten Telefonzellen, die jetzt als Wlan-Hotspots dienen. Danach machten wir uns noch auf den Weg in die nächstgrößere Stadt Whakatane, überlegten es uns aber nach ein paar Kilometern anders, als wir die traumhaften Strände sahen. Stattdessen verbrachten wir dann lieber den Rest des Tages am Strand und telefonierten ein bisschen herum wegen einer Tour nach White Island, die wir für den nächsten Tag buchen wollten. Leider war sie schon ausgebucht und so mussten wir uns mit dem übernächsten Tag zufrieden geben, für den die Wettervorhersage schon wieder eher entmutigend war. Wir überlegten, stattdessen eine Reittour am Strand zu machen, aber aufgrund des vielen Regens der letzten Tage fanden keine statt, wie man uns auf dem Campingplatz sagte. Völlig unverhofft erhielten wir am Abend aber einen Anruf vom Veranstalter der White Island Tour, dass wir nun doch schon am nächsten Tag mitfahren könnten, umso besser, auch wenn das zeitiges Aufstehen bedeutete, da wir ja noch eine Stunde Fahrt nach Whakatane vor uns hatten.

White Island ist eine Insel etwa 50 km vor der Küste in der Bay of Plenty und gleichzeitig der östlichste Gipfel auf der Vulkanlinie, die unter der Nordinsel verläuft. Das Besondere an diesem etwa 700 Meter hohen Vulkan ist, dass der größte Teil unter dem Meeresspiegel liegt und nur der Krater mit seinem bis zu 300 Meter hohen Rand aus dem Wasser schaut. Das Boot legt also direkt auf Höhe des Kraters an – bequemer kann man kaum auf einen Berg steigen. 😉

White Island ahoi!

Die Überfahrt von Whakatane dauert etwa anderthalb Stunden bei halbwegs ruhiger See, die wir glücklicherweise hatten. Die Sonne wärmte uns trotz der steifen Brise und die einzigen Wölkchen am Himmel waren die, die aus dem Vulkan aufstiegen. Da die Tour extrem wetterabhängig ist und die Vorhersage für den nächsten Tag schon wieder schlechter war, hatte sich der Veranstalter entschieden, mit zwei Booten zu fahren und die Leute, die wie wir eigentlich keine Plätze mehr bekommen hatten, umzubuchen, wenn sie damit einverstanden waren. Wir waren nicht die einzigen, die auf diese Weise einen Tag vorgerutscht waren. Glück gehabt.

Zu Beginn der Bootsfahrt verteilte die freundliche Crew kleine braune Tüten an einige seekranke Passagiere, gegen Ende gab es Helme und Gasmasken für alle – White Island ist ein aktiver Vulkan, durch dessen Krater wir in ein paar Minuten laufen würden…

Ankunft am ‚einladenden‘ Strand von White Island

Die beiden Boote ankerten ein Stück vor dem alten Pier, einst für die Schwefelmine auf der Insel errichtet, und von dort wurden wir in mehreren Gruppen mit einem Gummiboot an Land gefahren. Jede Gruppe war mit einem eigenen Guide unterwegs und wir erhielten, kaum dass wir an Land waren, erst einmal eine gründliche Einweisung. Die oberste Regel lautete, immer genau hinter dem Guide herzulaufen und nicht vom Weg abzukommen, da der Boden im Krater an vielen Stellen nur wenige Zentimeter dick ist – zu erkennen an so genannten heat bumps, von einer dünnen Kruste überzogenen Wölbungen im Boden, wo man sehr leicht einbrechen würde. Jeden Tag werden drei bis vier Erdbeben auf der Insel verzeichnet, meist für Menschen nicht spürbar. Da der Vulkan aber auch jederzeit ohne Vorwarnung ausbrechen kann, wobei er meist nur Asche und etwas Geröll spuckt, erklärte unser Guide uns auch, wo wir im Falle eines Ascheregens oder Erdrutsches am Kraterrand Schutz suchen bzw. wie wir die Insel im Ernstfall schnellstmöglich wieder verlassen würden. Sonderlich gefährlich scheint es aber trotzdem nicht zu sein; nach dem letzten größeren Ausbruch vor 17 Jahren wurden die Touren schon zwei Tage später wieder aufgenommen, wobei die Teilnehmer damals durch die knietiefe Asche wie durch Schnee stapften mussten, und auch unser Guide erzählte, wie sie erst kürzlich eine Gruppe vor einem Hangrutsch in Sicherheit bringen musste – kein Grund, die Tour vorzeitig abzubrechen. Am Ende dieser motivierenden Einstimmung ließ sie noch eine große Box mit Bonbons herumgehen, aus der wir uns kräftig bedienen sollten – die beim Lutschen entstehende Flüssigkeit bildet im Rachen einen Film, der gegen die Reizung durch das Schwefelgas hilft. Ansonsten konnten wir auch jederzeit ein paar Züge durch die Gasmaske nehmen, wenn es mit der Luft mal knapp werden sollte.

Und dann liefen wir los, vorbei an roten und gelben Felswänden, kochenden Fumarolen (Spalten, aus denen Wasserdampf mit einer Temperatur von 180 bis 600°C aufsteigt), trügerisch solide wirkenden heat bumps und über ominös dampfende Bäche, immer mit leicht erhöhtem Puls, ob es denn plötzlich eine Eruption geben könnte. Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem man sich dem Mittelpunkt der Erde näher fühlt als hier – die Magmakammer liegt an manchen Stellen nur 500 Meter unter der Krateroberfläche.

Nach ein paar hundert Metern erreichten wir einen Absatz oberhalb des Kratersees, den am weitesten vom Hafen entfernten Ort unserer Tour. Der See war sehr flach und lag ein ganzes Stück unterhalb unseres Standortes, aber laut unserem Guide war das nicht immer so gewesen. Nur wenige Jahre zuvor hatte der Pegel so hoch gestanden, dass der See fast über den Rand schwappte und den Boden dort mit so saurem Wasser tränkte, dass es den Guides die Sohlen von den Schuhen löste. Manche Bäche im Krater haben einen PH-Wert unter Null (-0.4 oder sogar -0.6, wenn wir das richtig verstanden haben), ein Vielfaches von Batteriesäure. Die Guides, die jeden Tag dort herumlaufen, brauchen etwa alle drei Monate neue Schuhe, und für die Touristen gibt es am Hafen ein Schuhwaschbecken. Nichtsdestotrotz konnten wir aus einem weniger sauren Bach sogar einmal das Wasser kosten, es schmeckte sehr metallisch, und eine chinesische Familie und ich gönnten uns gleich noch eine kostenlose Schlammpackung für samtweiche Hände. Selbst der Niederschlag auf der Insel ist sauer, da er durch den vulkanischen Dampf fällt, vor allem wenn es nieselt und die Tröpfchen entsprechend langsam unterwegs sind. Den Guides bleicht es dadurch mit der Zeit sogar die Kleidung.

Eine andere Gruppe steht am Rand des Kratersees.

Dampfende Bäche…

…dampfende Spalten…

…und überall stinkt es nach Schwefel…

…aus den zahlreichen Fumarolen.

Am Ende der Tour besichtigen wir noch die Überreste der alten Schwefelfabrik, die hier samt ihren Arbeitern einige Jahrzehnte den extrem widrigen Bedingungen getrotzt hatte. Die Arbeitsplätze waren gut bezahlt aber sehr gefährlich. Von der ersten Zwölfergruppe Männer, die auf die Insel kamen um Schwefel abzubauen, starb einer bei der Explosion eines Schwefeltanks, einer begang Selbstmord indem er sich in den Kratersee stürzte, und die restlichen zehn wurden im Schlaf von einem Erdrutsch verschüttet. Am längsten hielt ein Mann durch, der acht Jahre lang seinen Vertrag immer wieder verlängerte und der wohl trotzdem danach noch ein langes Leben bei bester Gesundheit genoss. Am kürzesten hingegen war ein anderer Arbeiter dort, der sich beim Anblick der Insel an den Schiffsmast kettete und sich weigerte, von Bord zu gehen – selbst wir waren länger dagewesen. Man muss aber auch fairerweise sagen, dass in der Stellenbeschreibung von Arbeit auf einer pazifischen Insel die Rede gewesen war, was im Grunde genommen zwar stimmte, aber vielleicht doch falsche Vorstellungen geweckt hatte. Man sollte also immer das Kleingedruckte lesen.

Verrosteter Schwefeltank

Wir wuschen unsere Schuhe in den bereitgestellten Becken am Pier und wurden mit dem Gummiboot wieder zurück an Bord gebracht, begeistert und überwältigt, und vielleicht auch ein kleines bisschen erleichtert (oder in einigen Fällen enttäuscht), dass der Vulkan nicht ausgebrochen war, während wir durch seinen Krater stapften. Auf der Rückfahrt gab es eine Lunchbox für jeden und der Skipper machte noch ein paar Stopps entlang einiger Felsen vor der Insel, auf denen sich Robben sonnten.

Der Ausflug nach White Island war definitiv ein Highlight, das wir so schnell nicht vergessen werden. Und als es am nächsten Tag schon wieder grau und regnerisch wurde, waren wir umso glücklicher, dass uns dieser eine Sonnentag vergönnt gewesen war.

Vom Schicksalsberg zum ersten Tageslicht

24. Juli 2017, Muriwai

Nach einer nebelfeuchten und entsprechend kühlen Nacht in Taumarunui erkundigten wir uns am nächsten Morgen im Informationszentrum nach der Wettervorhersage, die  zu unserer Überraschung ausnahmsweise einmal richtig gut war, zumindest für diesen Tag, also nichts wie ab in den Tongariro-Nationalpark. Dieser besteht im Wesentlichen aus drei Vulkanen: Ruapehu – ein alpines Bergmassiv, an dessen Hängen die einzigen Skigebiete der Nordinsel liegen; auch der Vulkan mit dem schönsten Namen von den dreien. Dann Ngauruhoe – definitiv der Gipfel mit dem am schwierigsten auszusprechenden Namen, dafür ein Vulkan wie aus dem Bilderbuch: ein perfekter Kegel aus Asche und Schnee, ein Gugelhupf aus dunkler Schokolade mit Zuckerguss. In „Herr der Ringe“ stellt er den Schicksalsberg dar, in dem der Ring der Macht seinen Anfang und sein Ende findet. Und schließlich Tongariro, Namensgeber des Nationalparks – wüsste man nicht, dass er auch ein Vulkan ist, würde man diesen braunen Erdhaufen wahrscheinlich keines Blickes würdigen. Vielleicht hat man deshalb den Park nach ihm benannt, quasi als Trostpflaster. Oder, weil er in der Maori-Mythologie als Sieger aus einer Vier-Vulkane-Schlacht hervorging und die schöne Vulkanin Pihanga am Ufer des Lake Taupo für sich gewann. Einer seiner Widersacher war dabei übrigens Taranaki, der sich nach seiner Niederlage in den Westen der Nordinsel verzog und sein Antlitz bis heute aus Scham meistens in Wolken hüllt, was erklären würde, warum wir ihn nur einmal ganz kurz gesehen haben.

Ruapehu

Ngauruhoe/Schicksalsberg (rechts) und Tongariro (links)

Tongariro Nationalpark: bitte keine Kiwis überfahren

Vom Dörfchen Whakapapa, das eigentlich nur aus touristischer Infrastruktur besteht, wanderten wir entlang eines kleinen Flusses durch den Wald und dann über das Hochplateau zu den Taranaki Falls. Die Sonne lachte und bescherte uns traumhafte Aussicht über die endlose Ebene zu den drei Vulkanen. Wo ihre Strahlen hinschienen, war es angenehm warm, aber die Stellen, die sie nicht erreichte, waren selbst nachmittags noch von einer Eisschicht überzogen. Da es auch eine entsprechend kalte Nacht zu werden versprach, waren wir nicht böse, auf dem Parkplatz eines Motels in Ohakune am südlichen Ende des Nationalparks übernachten zu können, wo wir den Abend im kaminbeheizten Aufenthaltsraum verbringen durften und sogar das Bad beheizt war. Wir unterhielten uns den ganzen Abend mit einem älteren neuseeländischen Herren, der auf Dienstreise in der Gegend war, und einer jungen Frau aus Argentinien, die ein Work&Travel-Jahr hier verbringt und gerade in einem Hotel an der Rezeption arbeitet.

Taranaki Falls

Neben dem Tourismus lebt Ohakune von der Landwirtschaft. Die Karotten gedeihen hier so gut, dass man ihnen ein Denkmal gesetzt hat (kein Scherz).

Der nächste Tag brachte schon wieder Regen, der oben auf den drei Vulkanen sicherlich als Schnee fiel – wir sahen jedenfalls überhaupt nichts von ihnen, sie waren völlig in den Wolken verborgen, als wir im Osten an ihnen vorbei auf der Desert Road fuhren, auf der man zwischenzeitlich wirklich meint, in der Wüste zu sein, so karg ist dort die Landschaft.

Am Ende der Desert Road liegt der Lake Taupo, der größte See Neuseelands und eigentlich der kollabierte Krater eines riesigen Vulkans, der zuletzt vor etwa 27.000 Jahren ausgebrochen war. Er liegt auf einer Verwerfungslinie, die sich quer durch die Nordinsel vom Taranaki im Westen bis zu White Island im Osten zieht, und damit waren wir nun mitten im Herzen der vulkanischen Aktivität angekommen. In Tokaanu im Süden des Taupo-Sees besuchten wir ein Geothermalgebiet mit dampfenden Bächen, brodelnden Teichen und spuckenden Schlammlöchern, und über allem waberte der schwefelige Gestank fauler Eier. Auch auf der Fahrt entlang des Sees trat an vielen Stellen Dampf aus der Erde, einfach mitten auf der Wiese. Stellenweise gab es sogar Dampf-Warnschilder am Straßenrand. Vielerorts sah man riesige Metallrohre, die zu den Erdwärme-Kraftwerken gehörten, mit denen dort Energie erzeugt wird.

Lake Taupo

Eine weitere Sehenswürdigkeit der Region hing ebenfalls mit der Stromerzeugung zusammen. Am Aratiatia-Damm, wo Wasser für ein weiteres Kraftwerk gestaut wird, muss mehrmals täglich der Pegel ausgeglichen werden, damit der Stausee nicht überläuft. Das heißt, dass zu festgesetzten Zeiten jeweils eine Viertelstunde lang Wasser aus dem See abgelassen wird. In der dahinter liegenden Schlucht verwandelt sich der harmlos dahin plätschernde Bach daraufhin in Minutenschnelle in eine reißende Flut und dieses Spektakel kann man aus sicherer Entfernung von mehreren Aussichtspunkten aus beobachten. Wir waren so angetan, dass wir es uns am nächsten Tag noch einmal anschauten.

Aratiatia-Damm: vorher….

…. und nachher

Ein paar Kilometer oberhalb des Stausees liegt außerdem mit den Huka Falls der mächtigste, wenn auch bei weitem nicht höchste, Wasserfall Neuseelands. Obwohl er gerade einmal elf Meter hoch ist, führt er so viel Wasser, dass er innerhalb von 11 Sekunden ein olympisches Schwimmbecken füllen würde. All das schauten wir uns bei mehr oder weniger beständigem Regen an. Wasser von allen Seiten…

Huka Falls

Auch auf unserer Weiterfahrt nach Osten besserte sich das Wetter nicht wesentlich. Die Landschaft auf der Strecke nach Napier bestand aus steilen, grünen Tälern und (wie immer) kurvigen Straßen, aber es schüttete dermaßen, dass sich Anhalten gar nicht lohnte. In Napier konnten wir immerhin ein bisschen durchs Stadtzentrum spazieren, dass mit seiner Art Déco-Architektur sehr charmant ist, aber auf dem Campingplatz wateten wir rund um unser Auto durch den Matsch und waren schon froh, nicht einzusinken. Als uns der nächste Tag tatsächlich mal wieder ein paar Sonnenstrahlen bescherte, machten wir einen Abstecher nach Hastings mit noch mehr schönen Art Déco-Gebäuden und einer tollen Aussicht vom Te Mata Peak über die Hawke’s Bay, der wir dann den Rest des Tages entlang nach Osten folgten.

Napier

Aussicht vom Te Mata Peak über die Hawke’s Bay

Unser Ziel, den östlichsten Punkt Neuseelands, erreichten wir allerdings erst am nächsten Tag, nach einer Zwischenübernachtung in Wairoa, dessen Campingplatz uns wohl in erster Linie wegen des zahmen, zugelaufenen Kaninchens in Erinnerung bleiben wird, welches dort frei herum hoppelte und sich sogar streicheln ließ. Laut der Managerin war es eines Tages einfach aufgetaucht und geblieben. Auf der Weiterfahrt wollten wir eigentlich eine Badepause an einer heißen Quelle machen, aber es regnete schon wieder. Erst am Nachmittag klarte es auf, sodass wir uns noch auf zum Ostkap machten und dort mit einer tollen Aussicht vom Leuchtturmgelände aus über die Küste und das Meer im Abendlicht belohnt wurden. Hier geht die Sonne in Neuseeland als erstes auf, weshalb der höchste Berg der Gegend für die Maori heilig ist.

Aussicht vom Ostkap

Auch uns hätte etwas mehr Licht für die Fahrt genützt, denn die Straße zum Kap hatte es wirklich in sich. Schotter wechselte sich ab mit Schlamm und Baustellen, stellenweise war sie nur breit genug für ein Fahrzeug zwischen abrutschgefährdetem Hang auf der einen und Steilklippe ins Meer auf der anderen Seite. Wo keine unmittelbare Gefahr bestand, mit dem Auto baden zu gehen, musste man aufpassen, keine der freilaufenden Schafe, Kühe, Pferde und Hunde zu überfahren, die zu den vielleicht zwei Farmen entlang der gesamten Strecke gehörten. So konnte man für 20 km schon mal eine gute halbe Stunde einplanen, pro Richtung (dazu kamen noch die mehreren hundert Treppenstufen bis zum Leuchtturm), weshalb wir leider erst in der Dämmerung zurückfahren konnten. Ohne Tageslicht machen Schotterpisten echt keinen Spaß. Das Scheinwerferlicht ist nicht nur nutzlos zum rechtzeitigen Erkennen der Schlaglöcher, es irritiert auch die auf der Straße stehenden Kühe, die sich dann – buchstäblich wie das Reh im Scheinwerferlicht – erst recht nicht mehr von der Stelle bewegen. Da hilft dann nur Licht aus, ganz langsam anfahren und warten, dass sie den Hinweis irgendwann verstehen. Im Endeffekt erreichten wir Te Araroa, den letzten Ort vor dem Kap, erst in der Dunkelheit und fanden wieder einmal Unterschlupf auf dem Parkplatz eines Hostels – die Wiese wäre von all dem Regen der vorangegangenen Tage zu nass gewesen. Wir hofften darauf, irgendwann mal wieder Internet zu haben, um wenigstens einmal nach dem Wetter schauen zu können…

Versteckte Wahrzeichen, vergessene Welt

17. Juli 2017, Coromandel

In Masterton gab es nicht sonderlich viel zu sehen, doch das nahe gelegene Pukaha Wildlife Centre, ein Naturschutzzentrum, das sich für den Erhalt seltener neuseeländischer Tier- und Pflanzenarten einsetzt, warb mit einem weißen Kiwi(vogel) und klang auch sonst sehr interessant – nichts wie hin. Man konnte verschiedene einheimische Vogelarten in großen Volieren sehen, unter anderem in einer riesigen Freiflugvoliere. Zudem wurden mehrere interessante Vorträge zu den verschiedenen Tieren angeboten. Wir lauschten als erstes einem über das Tuatara, einer Echsenart, die es nur in Neuseeland gibt und deren Spezies schon vor den Dinosauriern auf der Erde lebte. Obwohl ein ausgewachsenes Tuatara kaum länger als ein menschlicher Unterarm ist, werden diese Tiere über einhundert Jahre alt.

Tuatara in seiner Höhle

Im Kiwihaus erfuhren wir sehr viel über Neuseelands bekanntesten Vogel. In freier Wildbahn haben Kiwis kaum noch eine Überlebenschance, da eingeschleppte Räuber wie Fuchskusus, Frettchen und Katzen sich entweder an den Eiern und/oder den frisch geschlüpften Küken gütlich tun. Sie sind dabei auch wirklich leichte Beute, denn bei Kiwis ist nur das Männchen für das Ausbrüten der Eier zuständig, und es lässt diese jede Nacht für einige Stunden allein, während es auf Futtersuche geht. Die Küken haben nach dem Schlüpfen genug Eidotter im Bauch, um einige Tage ohne Futter auszukommen und werden von ihren Eltern überhaupt nicht versorgt. So sind sie den Raubtieren schutzlos ausgeliefert. Die Kiwi-Rettungsprojekte laufen daher folgendermaßen ab: alle Kiwis tragen Sender und wenn ein Männchen brütet, machen es die Helfer mithilfe des Senders ausfindig und sammeln die Eier ein. Diese werden dann in der Auffangstation ausgebrütet und die Küken herangezogen, bis sie ein Gewicht von 1.200 Gramm haben – dann sind sie groß genug, um von den meisten Fressfeinden verschont zu bleiben und werden ausgewildert. Wer jetzt die Kiwi-Weibchen für Rabenmütter hält, dem sei gesagt, dass diese mit dem Eierlegen schon genug Arbeit haben: das Ei ist im Vergleich zum Muttertier so groß wie wenn Frauen ihre Kinder erst mit sechs Jahren auf die Welt brächten. Im abgedunktelten Gehege, da Kiwis ja nachtaktiv sind, lebte der weiße Kiwi mit seinen Gefährten. Der weiße Sonderling ist übrigens kein Albino – die weiße Farbe wird rezessiv vererbt wie beim Menschen blaue Augen. Jedenfalls freuten wir uns darauf, endlich Neuseelands Nationaltier zu sehen – so einen weißen Kiwi sollte man ja auch im Dunkeln bei Rotlicht noch erkennen. Dachten wir. Angestrengt spähten wir lange im Gehege umher. Vom weißen Kiwi keine Spur. Einzig einer seiner braunen Mitinsassen hockte schlafend, und daher mehr oder weniger zusammengerollt, in der Nähe der Glasscheibe. Nur seine Füße mit den großen Krallen waren zu sehen, sein Kopf war irgendwo im Federflaum versteckt. Nun gut, vielleicht später…

Schlafender Kiwi im Rotlicht

Am Nachmittag schauten wir bei der Fütterung der Aale zu, die frei im Fluss leben und die täglich die Reste des Kiwifutters bekommen. Sie brauchen es zwar nicht, aber es zieht die Besucher an, zumal Freiwillige in hohen Gummistiefeln in den Fluss steigen und die Aale mit Löffeln füttern dürfen. Ja, mit Löffeln. Nebenbei erfuhren wir so allerhand Wissenswertes über diese Tiere, die in den klaren Flüssen Neuseelands bis zu 90 Jahren alt werden können, wenn sie nicht die lange Reise zu ihren Geburtsstränden an pazifischen Inseln antreten um sich fortzupflanzen – eine Reise, an deren Ende sie vor Erschöpfung sterben. Obwohl die Zahl der Aale rapide zurückgeht, gibt die neuseeländische Naturschutzbehörde jährlich hunderte Tonnen Aal zum Fang frei, wovon das meiste billig nach Südkorea verkauft wird, wo es wiederum zu Hundefutter größtenteils für den US-amerikanischen Markt verarbeitet wird. Zweifelhafte politische Entscheidungen werden anscheinend überall auf der Welt getroffen…

Zwischendurch statteten wir noch mehrmals dem Kiwihaus einen Besuch ab, aber es änderte sich leider stundenlang nichts an der Situation. Der eine Kiwi schlief tief und fest, während sich die anderen beiden, darunter der weiße, weiterhin versteckten. Tja, Pech gehabt…

Am nächsten Tag fuhren wir in den westlichen Zipfel der Nordinsel zum Vulkan Taranaki. Dieser ist wegen seiner sehr symmetrischen Form berühmt und ziert zahlreiche Postkarten. Er doubelte sogar im Film „Der letzte Samurai“ den japanischen Fuji – leider wissen wir nicht, warum nicht einfach der echte Fuji im Film zu sehen ist, aber vielleicht ist seine Umgebung mittlerweile zu sehr bebaut um als historisches Japan durchzugehen. Das ist zumindest unsere Vermutung. Überhaupt konnten wir nur vermuten, denn der Taranaki war unsichtbar hinter einer dicken Wolkendecke und für die kommenden Tage gab es eine Unwetterwarnung wegen Niederschlag und Sturm. Zufälligerweise fanden wir einen günstigen Campingplatz mit beheizbarem Aufenthaltsraum in Hawera an den Ausläufern des Berges, wo wir zwei Tage lang das schlechte Wetter aussaßen und nur einmal zu einem Museumsbesuch und Einkauf unser Quartier verließen. Wir schauten uns das Ta Whiti-Museum an, das die Geschichte der Taranaki-Region auf besondere Art zum Leben erweckt. Angefangen hat wohl alles mit einem Kunstlehrer aus der Gegend, der in seiner Freizeit Figuren schnitzte und Modelle baute. Mit der Zeit sprach sich sein Talent herum und die Leute wollten seine Kunstwerke besichtigen. Heute füllt das Museum mehrere Hallen einer alten Milchfabrik. Einige der Figuren sind lebensgroß und die Gesichter sind plastische Abdrücke echter Menschen aus der Umgebung. Dazu gibt es noch zahlreiche „Puppenstuben“, in denen alles von landwirtschaftlichen Tätigkeiten über die Kriege der Maori (untereinander und mit den weißen Einwanderern) bis hin zum täglichen Leben der Einwanderer dargestellt wird – viel anschaulicher, als sich einfach alte Gerätschaften und Waffen anzuschauen.

Lebensgroße Puppenstube

Als das Wetter aufklarte, umrundeten wir den Taranaki – etwa 150 km mit dem Auto – und bekamen ihn sogar morgens einmal kurz zu sehen bevor er sich wieder in Wolken hüllte.

Der Taranaki in seiner ganzen Pracht

Wir fuhren auch zu den beiden Besucherzentren an der Ostflanke des Berges, die schon etwa auf halber Höhe lagen und unternahmen eine schöne kleine Wanderung durch einen sehr verwunschenen Wald zu den Dawson Falls. Allerdings war es eisekalt und windig und wir wurden immer wieder von Nieselregen vollgesprüht.

Der Märchenwald an den Hängen des Taranaki

Dawson Falls

Froh, ihn wenigstens am Vortag einmal kurz gesehen zu haben, ließen wir den Taranaki hinter uns. Vor uns lag der State Highway 43, der den Beinamen „Forgotten World Highway“ trägt: 155 km kurvige, bergige Straße, über steile, grüne Hügel, durch düstere Täler, entlang Wäldern und Schafweiden. Kaum eine Farm lag an der Straße, geschweige denn eine richtige Ortschaft.

Morgennebel…

… an den Ausläufern des Forgotten World Highway

Auf halber Strecke passierten wir Whangamomona, ein verschlafenes Nest, das sich einst aus Protest gegen eine neue Landkreiszuordnung zur Republik ausrief. Heute besteht der Ort aus nicht viel mehr als dem historischen Hotel, das neben warmen Mahlzeiten auch Pässe der Republik Whangamomona verkauft und jährlich einen Tag der Republik abhält.

Whangamomona

An anderer Stelle bremste uns wieder einmal eine Kuhherde aus, die auf eine neue Weide umzog. Zeitweilig gerieten wir sogar mitten hinein; Kühe links, rechts, vor und hinter uns, und einige lieferten sich genau vor unserer Motorhaube eine Rangelei. Wir wurden etwas blass bei dem Gedanken, wie wir diese Dellen dem Autovermieter erklären sollten, blieben aber von peinlichen Anrufen verschont, da die Kühe doch am Ende gerade noch ein Muh Müh Abstand hielten. Mittendrin statt nur dabei.

Einen Abzweig machten wir noch zu den Mt. Damper Falls, mit 78 Metern der höchste Wasserfall der Nordinsel, der am Ende eines langen Tales in eine mit Baumfarnen gespickte Schlucht stürzte.

Baumfarne

Mt. Damper Falls

Ein paar Ziegen kreuzten unseren Weg bevor der Asphalt endete und eine Schotterpiste die letzten Kilometer durch eine tiefe, von Urwald überwucherte Schlucht führte. Verständlich, warum diese Straße „Forgotten World Highway“ genannt und von der neuseeländischen Polizei zu den zehn schlechtesten des Landes gezählt wird. In der Dämmerung erreichten wir Taumarunui, den Ausgangspunkt zum Tongariro-Nationalpark, unserem nächsten Ziel.

Well, well, Wellington

10. Juli 2017, Opotiki

Da waren wir nun also Sonntag Nachmittag in Neuseelands Hauptstadt und es regnete und der Wind pfiff. Nicht gerade ideal für einen Stadtbummel, dafür aber für’s Museum. Da wir schon einmal im Auto saßen, fuhren wir nach Miramar, dem Stadtteil hinter dem Flughafen, wo es auf den ersten Blick nicht viel zu sehen gibt, aber in der Filmindustrie ist der Ort eine Legende. Hier liegen die Weta Studios, berühmt vor allem (aber nicht nur) durch Herr der Ringe und die Hobbit-Trilogie. Wir schlossen uns spontan einer Führung durch die Werkstatt an, wo Modelle aller Art für Filme aller Art gebaut werden – von außerirdischen Maschinengewehren über mittelalterliche Rüstungen bis hin zu lebensgroßen Referenzmodellen von Fabelwesen oder Robotern, alles bis ins kleinste Detail authentisch. Komplizierte Formen wie Zwerge, Trolle oder Drachen werden von Hand modelliert und dienen dann dem Regisseur sowie der Animationsabteilung bei Weta Digital als Vorlage. Für einfachere Gegenstände wie Gewehre hat man früher meist ein Modell von Hand entwickelt (wobei alle möglichen Teile verwendet wurden, die irgendwie cool aussahen, und wenn es eine Sprungfeder aus einem alten Kugelschreiber war), eine Silikonform davon angefertigt und dann das im Film benötigte Gewehr aus Harz gegossen und angemalt. Heute übernehmen oft 3D-Drucker diese Aufgabe (bis auf das Anmalen). Dieser Aufwand wird betrieben, da man Schauspielern weder echte Waffen noch Originalmodelle in die Hand geben kann – ersteres ist offensichtlich zu gefährlich und letzteres resultiert angeblich meist darin, dass sie die Modelle kaputt machen. Zuweilen fertigt Weta auch Modelle auf Wunsch für Privatkunden. Ein russischer Oligarch hat wohl mal ein Modell von King Kong für seinen Garten bestellt – in Originalgröße, das sind etwa sechs Meter. Er hält dort jetzt den Grill. Ein Neuseeländer, der auf der Nordinsel eine Art Meerschweinchen-Park besitzt (leider nicht der Öffentlichkeit zugänglich), hat eine Reihe Herr-der-Ringe-Figuren bestellt – als Meerschweinchen. Die Werkstatt hat ein paar Kopien behalten, die wir bei der Führung sehen konnten – lauter in etwa lebensgroße Meerschweinchenfiguren in Elbenmänteln, mit Pfeil und Bogen oder kleinen Schwertern, einfach goldig. 😀 Und apropos Schwerter: eine Sammlung von Herr-der-Ringe-Schwertern (natürlich Nachbauten) befindet sich im Besitz der Queen, die anscheinend ein Fan der Filme ist. Die Führung war super spannend, und danach stöberten wir noch lange durch den Shop und schauten uns im zugehörigen Kino eine Dokumentation über die Geschichte von Weta und seine zahlreichen Projekte an, von Xena über Teile der Marvel-Filme bis hin zu Avatar, und das alles im kleinen Neuseeland.

B vor dem Eingang der Weta Cave

Danach verließen wir Wellington erst einmal, da der nächstgelegene Campingplatz schon außerhalb der Stadt lag. Dort sagte man uns gleich, dass wir nur maximal zwei Nächte bleiben könnten, da der Platz danach wegen der Lions Tour ausgebucht sei. Die Lions sind ein Rugby-Team aus Großbritannien, das alle vier Jahre nach Neuseeland kommt, um drei Wochen lang gegen die hiesigen Mannschaften Freundschaftsspiele zu spielen. Dabei bringen sie jede Menge Fans aus dem Empire mit, die natürlich alle irgendwo übernachten wollen. Das bedeutete für uns, dass wir am darauffolgenden Tag alles, was wir uns in Wellington anschauen wollten, im Schnelldurchlauf machen oder in eine sehr viel teurere Unterkunft investieren mussten (die Hostels waren natürlich auch schon gut ausgebucht). Wir entschieden uns für Variante eins und fuhren am nächsten Tag mit dem öffentlichen Bus ins Stadtzentrum.

Als erstes erklommen wir den Mount Victoria, einen Berg inmitten eines Parks direkt in der Stadt, von wo man eine gute Sicht über die Stadt samt Hafen und Flughafen hatte. Das Wetter war uns hold und so spazierten wir danach noch durch den Park auf der Suche nach einem Herr-der-Ringe-Drehort. Leider war er auf unserer Karte an zwei verschiedenen Punkten eingetragen und die Beschilderung im Park war sehr dürftig (und es war ein sehr großer Park). Da wir uns uneins waren, trennten wir uns, was rückblickend eine dämliche Entscheidung war, denn wir fanden uns nicht wieder und hatten natürlich unsere neuseeländischen Handynummern auch nicht getauscht, sodass wir uns nicht einmal anrufen konnten. Nach einer halben Stunde des Umherirrens begegneten wir uns schließlich am Ausgangspunkt, dem Eingang zum Park, wieder und beschlossen, so etwas nicht wieder zu tun. (Ob wir den Drehort gefunden haben, sind wir uns übrigens nicht einmal sicher; wenn ja, gab es nicht mehr viel zu sehen, wie das meistens so ist.)

Wellington vom Mt Victoria

Zurück in der Zivilisation erlagen wir der Versuchung eines der zahllosen Restaurants (japanisch) und statteten dann dem Nationalmuseum einen Besuch ab. Das Museum ist sehr modern und riesengroß; auf fünf Etagen gibt es alle möglichen Ausstellungen von Erdgeschichte, Flora und Fauna Neuseelands, über Maori bis hin zu moderner Einwanderungspolitik des Landes, und das alles bei kostenlosem Eintritt. Dazu kann man noch einen Blick unter das Gebäude werfen, wo es als Erdbebenschutz auf hunderten Gummifüßen steht, die jeweils einen Kern aus Blei haben, welcher sich unter Druck verformt. Damit schwankt das Bauwerk im Falle eines Bebens nicht so stark.

Am späten Nachmittag fuhren wir noch mit der Cable Car, einer Art historischen Hang-Straßenbahn, hinauf zum Botanischen Garten, wo einheimische Papageien (Kakas) frei herumflogen und der Kräutergarten mit einer Überwachungskamera vor hungrigen Langfingern geschützt wurde (zugegeben, bei den Preisen im Supermarkt hätten wir auch gern mal in die Petersilie gegriffen…). Ziemlich erschöpft fuhren wir abends mit dem Bus zurück zum mittlerweile schon sehr gut gefüllten Campingplatz, wo es von enthusiastischen Rugby-Fans inzwischen nur so wimmelte.

Im Botanischen Garten

Und so verließen wir Wellington nach nur zwei Nächten schon wieder, was auch nicht schlimm war, da wir Städte immer ziemlich anstrengend finden, auch wenn es in diesem Fall eine sehr charmante und bunte Stadt war. Nur dem Campingplatz trauerten wir nicht nach; es war so ziemlich der teuerste und gleichzeitig am schlechtesten ausgestattete, der uns bisher untergekommen war.

Unsere Fahrt führte uns als erstes in den Kaitoke Regional Park, der für Herr-der-Ringe-Fans auch gleich noch als Rivendell auf der Karte eingetragen war. Wir unternahmen einen Spaziergang durch den wunderschönen Regenwald entlang eines Flusses, wo einer der Hauptdrehorte der Filmtrilogie lag. Informationstafeln zeigten Fotos aus den Filmen und von den Gebäuden, die dort im Wald errichtet und nach den Dreharbeiten leider vollständig wieder entfernt worden waren. Einzig ein paar Bäume konnte man mit etwas Fantasie noch zuordnen, und für die zahlreichen pilgernden Fans wurde zudem später die Replik eines elbischen Torbogens angefertigt.

Rivendell – Nachbildung eines Torbogens

Am Nachmittag fuhren wir noch weiter zu einem anderen Drehort, den Putangirua Pinnacles, wo Aragorn im dritten Teil das Heer der Toten herbeiruft. Doch auch ohne Herr-der-Ringe-Hintergrund war das eine echt tolle Attraktion. Die Wanderung führte uns stetig bergauf durch einen immergrünen Wald; zwischendurch sahen wir die schneebedeckten Gipfel der Südinsel jenseits des Meeres aufragen. Als wir schließlich den Aussichtspunkt erreichten, wurden wir mit einem Blick über kuriose Felsnadeln belohnt, die Wind und Wasser langsam aber stetig vom dahinter liegenden Plateau abtragen. Der Weg zurück führte zunächst steil hinab bis ganz ins Tal und von dort musste man sich seinen eigenen Weg durch das geröllige Flussbett suchen. Der Fluss führte nur sehr wenig Wasser, sodass es kein Problem war, aber wir hatten einen Riesenspaß, immer wieder das Ufer zu wechseln und von Stein zu Stein zu springen, sogar fast völlig ohne nasse Füße zu bekommen.

Die Putangirua Pinnacles

Durch Geröll und Flußbett

Eigentlich wollten wir noch weiter an der Küste entlang bis zum Cape Palliser, dem südlichsten Punkt der Nordinsel fahren. Die Straße wurde allerdings immer schlechter; erst war sie wegen einiger spektakulärer Hangrutsche verengt, dann endete der Asphalt, dann konnten wir vor lauter Schlaglöchern und Waschbrettrillen nur noch Schritttempo fahren während der gesamte Inhalt unseres Autos neu durchmischt wurde, und schließlich mussten wir vor einem Fluss umdrehen, der mitten über die Fahrbahn floss – zum Furten ist Capella einfach nicht geeignet. Dafür bot sich uns auf der Rückfahrt ein spektakulärer Sonnenuntergang, und wir fanden danach ein sehr gemütliches Nachtquartier auf einem winzigen Campingplatz in einem Dorf namens Pirinoa, dessen Betreiberin uns fast wie Familienmitglieder willkommen hieß und wo es in der Küche sogar Couches und kostenlosen Tee und Kaffee gab.

Gut ausgeruht fuhren wir am nächsten Tag weiter nach Norden. Ich weiß nicht mehr, was unser eigentliches Ziel war, aber da wir ja den Leuchtturm am Cape Palliser nicht hatten sehen können, hatte uns die freundliche Campingplatz-Betreiberin einen anderen empfohlen, der zwar eine gute Stunde abseits unserer Strecke lag, aber wir haben ja Zeit. Und das war eine echt gute Entscheidung, denn die Bucht am Castle Point war wohl das beeindruckendste Stück Küste, das wir in Neuseeland bisher gesehen haben. Aus einem kurzen Besuch wurde ein ganzer Nachmittag; statt nur mal kurz zum Leuchtturm zu gehen, unternahmen wir eine Wanderung einmal um die ganze Bucht bis hinauf zum Gipfel des Berges, der hoch über der Buch thronte und verbrachten dann noch eine gute Stunde am Strand und an den Klippen, über die das Wasser immer wieder mit Macht auf den Strand brandete.

Castle Point

Da hat sich der Aufstieg gelohnt

Man hätte ewig zusehen können, wie das Meer über die Felsen in die Bucht brandet – gewaltig.

Danach schafften wir es nur noch bis in den nächsten größeren Ort Masterton, dessen Campingplatz einen beheizten Aufenthaltsraum und die ordentlichste Küche bot, die wir je auf einem Campingplatz gesehen haben – sogar Kochbücher gab es – und die Besitzer kamen am nächsten Morgen sogar noch auf einen Plausch zu uns. Die Nordinsel war wirklich nicht so schlecht wie wir erwartet hatten…

Auf zu neuen Ufern

So, ihr Lieben, wir bitten euch vielmals um Entschuldigung für alle euch entstandenen Sorgen oder Langeweile; oder vielleicht habt ihr uns auch inzwischen längst vergessen, was in Anbetracht dieser sträflich langen Sendepause auch verständlich wäre. Die Wlan-Situation ist leider mit der in Südostasien nicht zu vergleichen, und wir haben in den letzten Wochen fast nie Internet für den Laptop gehabt, um zu bloggen. Aber heute, heute ist es soweit. Darum nun hier der am 5. Juli geschriebene und am 12. Juli hochgeladene neueste Eintrag…

5. Juli 2017, Ohakune/Nordinsel

Nach einer eher kühlen Nacht in Murchison, einem Kaff inmitten tiefer, bewaldeter Täler, dessen Campingplatz direkt neben dem Friedhof lag, fuhren wir nach Norden in den Abel Tasman-Nationalpark. Wir unterschätzten etwas die Topografie der Gegend; der Nationalpark ist für seine goldenen Buchten bekannt und wir waren etwas überrascht, dass die Fahrt über eine der serpentinenreichsten Straßen führte, die uns auf der Südinsel untergekommen war. Wir statteten den Pupu Springs einen Besuch ab (der volle Name lautet Te Waikoropupu Springs), ein heiliger Ort für die Maori aufgrund seines unglaublich klaren Wassers, das inmitten eines stillen Sees aus den Tiefen heraufsprudelt. Wissenschaftler haben berechnet, dass die Reinheit der Quelle fast der destillierten Wassers gleichkommt.

Auf der Fahrt von Murchison nach Norden

Die Pupu Springs

Die Nacht auf dem Campingplatz im nahe gelegenen Takaka war eine kalte, denn die Küche war offen und entsprechend gab es nichts zum Heizen – also bibbernd kochen, schnell essen und dann zeitig mit Wärmflasche ins Bett.

Das Wetter war leider am nächsten Tag durchwachsen. Wir fuhren zum nördlichsten Punkt der Insel, dem Farewell Spit, einer sandigen Landzunge, die mehrere Kilometer ins Meer ragt und als Vogelparadies unter Naturschutz steht. Von einem Aussichtspunkt meinten wir, die Nordinsel sehen zu können, waren uns aber nicht sicher. Danach fuhren wir wieder über den unglaublich kurvenreichen Pass vom Vortag, blieben eine Weile hinter einer Kuhherde hängen, die gerade die Straße entlang zu einer neuen Weide getrieben wurde und manövrierten dann auf noch engeren und kurvigeren Straßen an der Küste des Abel Tasman-Nationalparks entlang zu zwei kleinen Dörfchen – Marahau und Kaiteriteri und dazwischen noch zum Split Apple Rock, einem Felsen in einer pittoresken, kleinen Bucht, der ein bisschen an Tells Apfel erinnert. Der Sand der Bucht war an der Oberfläche schwarz, doch wenn man etwas mit dem Fuß grub, wurde der darunter golden.

Der Farewell Spit

Die Herde erstreckte sich über mehrere Hundert Meter und erinnerte an eine Demonstration…

Der Strand in der Split Apple Bay

Unschwer zu erkennen, wie der Split Apple Rock zu seinem Namen kam…

In Motueka fanden wir einen kleinen Campingplatz zwischen einem Motel und einer Kiwiplantage. Diese Bildungslücke ist nun auch geschlossen: Kiwis wachsen an Bäumen wie Äpfel. Und nein, wir haben keine geklaut. Wir kauften stattdessen im nahe gelegenen Warehouse (so eine Mischung aus KiK und Ikea) eine neue Theromoskanne, da unsere einmal umgefallen und prompt innen gesplittert war. Es war wohl nicht unser Tag, denn beim Parken auf dem Campingplatz brach außerdem das Gehäuse des Autoschlüssels, sodass er sich nur noch sehr wackelig drehen und kaum aus der Zündung ziehen ließ. Also statteten wir gleich am nächsten Tag noch dem Schlüsseldienst einen Besuch ab und bekamen einen neuen Schlüssel angefertigt, natürlich nicht ohne vorher bei Spaceships anzurufen und die Genehmigung einzuholen. So langsam wird es uns peinlich, so oft wie wir schon da anrufen mussten… Zumindest hielten wir während der Wartezeit einen sehr netten Plausch mit der Schlosserin und ihren Kunden. Die Kiwis sind wirklich sehr gesprächig und nehmen jede Gelegenheit für einen Plausch wahr.

Das Wetter war sehr regnerisch geworden, also beschlossen wir, den Tag im Städtchen Nelson zu verbringen. Das Provinzmuseum bot relativ kostengünstige Beschäftigung im Trockenen und so erfuhren wir allerlei über die Region und ihre Siedler. Dazu gab es noch eine sehr interessante Sonderausstellung über die Erfindungen von Leonardo da Vinci, nach deren Besuch wir zu dem Schluss kamen, dass der Mann von Robotern und dem Fahrrad über Fluggeräte und Tauchausrüstung bis hin zu Panzern so ziemlich alles an Gerätschaften erfunden hat, die wir heutzutage nutzen. Zum Mittagessen holten wir uns an einem Straßenstand (der erste Straßenstand, den wir in Neuseeland sahen) eine sehr üppig gefüllte Backkartoffel – mit Sour Creme, Senf, Chilisauce, Reibekäse und Krautsalat – klingt nach einer seltsamen Mischung, schmeckte aber erstaunlich gut zusammen.

Das Zentrum von Nelson

Am nächsten Tag führte uns die Fahrt durch die malerischen Marlborough Sounds auf weiteren gewundenen Küstenstraßen nach Waikawa etwas außerhalb von Picton, wo die Fähre zur Nordinsel ablegt. Wir verbrachten einen ruhigen Nachmittag in der einzigen Lokalität am Hafen, die Sportbar, Café und Restaurant in einem war, gönnten uns einen Kaffee und schrieben ein paar Postkarten, und das war das letzte, was wir auf der Südinsel taten.

In den Marlborough Sounds

Der Hafen von Waikawa war sozusagen völlig  zugeparkt.

Am nächsten Morgen fuhren wir die fünf Minuten zurück nach Picton und reihten uns in die lange Warteschlange der Interislander-Fähre ein. Die Tickets hatten wir ein paar Tage zuvor telefonisch gebucht, was auch gut war, denn die Fähre schien voll zu werden. Bei der Konkurrenz Blue Bridge hatte es für die Vormittagsüberfahrt schon gar keine Plätze mehr gegeben, obwohl beide Firmen mehrmals täglich hin und her fahren. Das Boarding verlief sehr einfach; jede Menge Personal half auf dem Autodeck beim Einparken, damit kein Platz verschenkt wurde, und dann suchten wir uns auf einem der zwei Innendecks eine gemütliche Ecke mit Sesseln am Fenster, packten unsere neue Thermoskanne und Sandwiches aus und ließen es uns gut gehen. Draußen war es trotz schönem Wetter zu kalt, um sich lange aufzuhalten, da der Wind ordentlich pfiff. Nichtsdestotrotz war es eine ruhige Überfahrt; die Cook Strait „benahm sich“, wie es der Kapitän so schön formulierte.

Auf zu neuen Ufern…

Drei Stunden später war die Südinsel hinter dem Horizont verschwunden. Oder im Regengrau. Alle Reisenden und auch alle Neuseeländer, mit denen wir in den letzten viereinhalb Wochen gesprochen hatten, waren sich einig, dass die Südinsel viel schöner sei als die Nordinsel, und als Wellington uns nun mit Regen, Wind und schlechten Kritiken teurer Hostels grüßte (weshalb wir keins gebucht hatten), befürchteten wir, dass etwas dran sein könnte…

Die wilde Westküste oder Gletscher im Regenwald

25. Juni 2017, Fähre von Picton nach Wellington

Das Blogschreiben ist mit dem Camping nicht so sonderlich gut vereinbar. Man hat – zumindest in so einem kleinen Van wie unserem Capella – nicht gerade viel Auswahl an Sitzmöglichkeiten, weshalb man auf Campingplatz-Küchen oder Cafés angewiesen ist. Erstere sind nicht immer vorhanden, oder nicht beheizt, und man muss spätestens 10:30 Uhr am Morgen abreisen. Letztere kosten Geld für den Kaffee. Daher hängen wir leider ganz schön hinterher. Während ich das schreibe, sitzen wir gerade auf der Fähre zur Nordinsel, und wir haben doch noch sooo viel gesehen im Süden…

Cromwell ist bekannt für Wein- und Obstanbau, wie diese wunderschöne Statue am Stadtrand verdeutlicht. 😉

Allen, die unsere Sorge bezüglich der Schneegrenze teilten, können wir sagen, dass sie zum Glück über Straßenniveau blieb und wir unsere Schneeketten nicht auspacken mussten (Winterreifen gibt es hier nicht). Nachdem sich das Wetter wieder besserte, verließen wir das schöne Cromwell und fuhren ins Hochland zum Mt. Cook, der auf Maori Aoraki genannt wird. Die Fahrt über den Lindis Pass bot leicht vereiste Straßen auf den obersten zwei Kilometern und eine gute Sicht auf die sich verändernde Landschaft des Mackenzie Country, Neuseelands größter Ebene, die östlich der Alpen liegt. Dort sieht es aus wie man sich die Prärie vorstellt, endloses Grasland, gelb und vertrocknet im Winter, ein paar Zäune für Kühe oder Schafe, und in der Ferne ragen die weißen Gipfel der Südalpen auf. Von der Hauptstraße biegt man ab auf die Zubringerstraße zum Mt. Cook, der man noch weitere 60 km folgt, die erste Hälfte davon entlang des Lake Pukaki, der aufgrund seines hohen Mineralgehaltes eine tolle, milchig-blaue Farbe hat. Danach erinnert die Landschaft eher an afrikanische Savanne, mit kleinen dornigen Sträuchern und man nähert sich immer weiter den steilen Bergwänden an.

Am Lindis Pass

Bei allerbestem Wetter unternahmen wir eine kleine Wanderung weiter hinter ins Tal in die Nähe des Gletschers. Dort lag eine dünne Schneedecke auf den Wegen und es war, sobald die Sonne gegen halb vier hinter den hohen Bergen verschwand, eisekalt, aber die Landschaft war beeindruckend. Sir Edmund Hillary trainierte hier für die Besteigung des Mt. Everest.

Im Vordergrund sieht man die Endmoräne des Gletschers und den Gletschersee; Mt. Cook ist der Berg hinten in der Mitte.

Blick über den Lake Pukaki zum Mt. Cook/Aoraki im Sonnenuntergang

Die Nacht verbrachten wir in Twizel auf einem hübschen, kleinen Campingplatz, der sogar einen kleinen Heizlüfter in der Küche hatte; draußen waren es nachts einige Grad unter Null. Den Temperaturen zum Trotz konnten wir am nächsten Morgen wieder eine neuseeländische Kuriosität beobachten: die Tankwartin, bei der wir unseren Sprit bezahlten, fand es zwar auch kalt, was sie aber nicht davon abhielt, kurzhosig zur Arbeit zu gehen. Egal wie kalt, nicht wenige Einheimische tragen kurze Hosen, kurzärmelige Oberteile oder man sieht Kinder barfuß gehen – und an einem warmen Tag sind hier vielleicht 12 Grad in der Sonne. Dafür läuft im Fernsehen Werbung dafür, Erkältung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, da sich daraus rheumatisches Fieber und Herzerkrankungen entwickeln könnten, und Innenausstatter preisen dicke Gardinen als Kälteschutz an – für die einfach verglasten Schiebefenster der nicht isolierten Häuser. Manchmal können wir über die Kiwis nur den Kopf schütteln.

Wir fuhren zurück über den Lindis Pass und weiter nach Wanaka am gleichnamigen See. Nachmittags streckten wir die Beine bei einer kleinen Wanderung zum Lake Diamond aus, einem stillen Weiher etwas außerhalb von Wanaka, wo es einen Aussichtspunkt mit fantastischer Sicht über den Lake Wanaka und die umgebenden Berge gab. Dies ist definitiv einer der allerschönsten Gegenden Neuseelands. Der nahe gelegene Campingplatz direkt am Seeufer war riesig und die Eigentümerin erzählte uns, dass dort im Sommer nicht ein freier Stellplatz zu bekommen ist. Wir waren aber im Winter mal wieder fast die einzigen, machten es uns abends am Kamin gemütlich und wachten früh zum Sonnenaufgang über dem See auf. 🙂

Aussicht über den Lake Wanaka

Von Wanaka aus führte uns die Fahrt über den Haast Pass, der im Wesentlichen eine schier endlose Straße durch dichten Wald ist; so richtig ins Gebirge kommt man gar nicht, sonder fährt mehr oder weniger im Tal am Fluss entlang auf die andere Seite. Und dort ist man auf einmal wieder in einer völlig anderen Welt: an der Westküste mit ihren steilen Berggipfeln, immergrünen Regenwäldern und rauen Stränden – selbst für neuseeländische Verhältnisse eine einsame Gegend. Dafür ist die Landschaft atemberaubend.

Wieder am Meer

Wir fuhren bis zum Franz Josef-Gletscher, tatsächlich benannt nach dem Kaiser, und übernachteten auf einem Campingplatz der etwas anderen Art. Im Rainforest Retreat war jeder Stellplatz von dichtem Grün umgeben, eine sehr friedliche Atmosphäre. In der Lounge gab es einen Kamin, der mit Gas betrieben wurde – die Flammen züngelten an Holzscheit-Imitaten hoch und wurden auf Knopfdruck gezündet, was wenig romantisch klingt, dafür aber viel mehr Wärme entwickelt – und obendrein konnte man einen kleinen Hotpool kostenlos nutzen (im Prinzip ein Whirlpool ohne Blubbern), was wir dann abends auch taten, um uns herum der Wald und über uns die Sterne. So kann man es sich gut gehen lassen – so gut, dass wir die nächste Nacht noch einmal hier verbrachten.

Capella im Rainforest Retreat

Tagsüber besuchten wir den nicht weit entfernten Fox-Gletscher, der leider kein besonders spektakulärer Anblick war. Dafür machten wir dann noch einen Ausflug zum Gillespies Beach, wohin eine 12km lange, holprige Schotterpiste führte – Fahrspaß pur, und das ist nicht ironisch gemeint. Und es lohnte sich auch wirklich. Wir waren die einzigen Menschen weit und breit und wanderten durch die Dünen zum Strand und weiter bis zur Lagune. Riesige Wellen rollten schaumgekrönt an den schwarzen Kieselstrand, wo wir eine ganze Weile damit verbrachten, nach besonders schönen Steinen zu suchen, von denen es unendlich viele gab. Nebenbei machten wir Bekanntschaft mit einer neuseeländischen Strandplage: Sandfliegen. Kaum größer als Eintagsfliegen sind diese blutrünstigen kleinen Monster sogar noch perfider als Mücken: sie kriechen auch in Ärmel und Hosenbeine und stechen gezielt in Adern – auf ein und derselben Stelle am Handrücken hatte ich im Nu fünf Stiche, während Kathrin mal wieder auf wundersame Weise verschont blieb.

Blick vom Gillespies Beach über die Lagune zum Mt. Cook und seine Nachbarn

Am nächsten Tag liefen wir durch das Tal des Franz Josef-Gletschers; aus Sicherheitsgründen durfte man aber nicht näher als 750 Meter an den Gletscher heran. Dennoch war der Gletscher viel schöner anzusehen als sein Nachbar Fox, die Spalten leuchteten eisblau in der Sonne und auf dem Weg sahen wir sogar ein Possum (auf Deutsch Fuchskusu, ein aus Australien eingeschlepptes Beuteltier), das sich an den Blättern eines Busches gütlich tat und nicht das kleinste bisschen Angst vor uns zeigte. Das war uns dann aber nicht ganz geheuer und wir hielten lieber etwas Abstand – normalerweise sind Possums scheu und nachtaktiv und sollten Menschen nicht so nahe kommen; vielleicht war es krank. Oder es hatte einfach Appetit auf einen „Mitternachtsimbiss“.

Gestatten, Franz Josef.

Danach fuhren wir weiter die Küste hoch, machten noch einen Abstecher an den treibgutübersäten Strand von Okarito, wo es aber leider anfing zu regnen, und erreichten schließlich Hokitika, die erste größere Ortschaft seit Wanaka. Nach Hokitika fährt sogar die Eisenbahn und man muss an den zahlreichen Bahnübergängen aufpassen. Natürlich muss man überall auf der Welt an Bahnübergängen aufpassen, aber die um Hokitika setzen dem ganzen noch die Krone auf: an einer Stelle führt die Bahnstrecke mitten durch einen Kreisverkehr und als ob das noch nicht genug wäre, teilt man an anderer Stelle eine einspurige Brücke mit dem Gleis und damit auch mit dem Zug. Wir haben keine Ahnung, wie das funktioniert und waren einfach heilfroh, dass gerade kein Zug kam, denn es ist dort die einzige Straße.

Unglaublich aber wahr…

Trotz Nieselregen unternahmen wir abends noch einen kurzen Ausflug zu einer Glühwürmchen-Grotte am Stadtrand. Man brauchte natürlich eine Taschenlampe für den Weg und am Ziel angekommen, als wir die Lampen ausschalteten und sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen wir hunderte leuchtende Punkte um uns herum an den Wänden wie Sterne. Es war weniger eine Grotte als viel mehr ein sehr enges, kleines Tal, und die Glühwürmchen waren auch eigentlich keine Glühwürmchen sondern die Larven, die leuchtende, klebrige Fäden spinnen, um damit Insekten als Beute anzulocken.

Am darauffolgenden Tag war das Wetter leider immer noch verregnet, sodass wir die Zeit in Hokitika verbrachten. Unser erster Stopp war dabei wieder einmal eine Autowerkstatt. Einige Tage zuvor war ein seitliches Stück der Plastikverkleidung, die um die Heckscheibe läuft und an der auch die dortigen Gardinen befestigt sind, abgefallen, soweit wir feststellen konnten ohne Grund. An sich war das nicht weiter schlimm, aber nun bemerkten wir, dass der oberer Teil der Verkleidung ebenfalls begann, sich zu lösen. Eine neue Schraube und zwei Minuten relativ grobes Einschlagen auf die losen Teile seitens des Reparateurs später war alles wieder fest und wir suchten uns im Zentrum einen Parkplatz und bummelten durch das Städtchen, das vor allem für seine Jadeindustrie berühmt ist. Eine Werkstatt und ein Laden am anderen verkaufen die wunderschönen, traditionellen Maori-Schmuckstücke. Kathrin wurde fündig und kaufte sich eine Kette, und wir gönnten uns dazu noch ein Mittagessen in einem der Cafés. Als es nachmittags etwas aufklarte, fuhren wir zur Hokitika Gorge, die für die intensiv-blaue Farbe ihres Wassers berühmt ist, aber aufgrund des vielen Regens war das Wasser leider eher braun.

Im Zentrum von Hokitika, für Südinsel-Verhältnisse schon eher eine größere Stadt

Im letzten Tageslicht fuhren wir noch bis nach Punakaiki zu einer kuriosen Felsformation an der Küste, die sich die Pancake Rocks nennt und ein bisschen aussieht wie die Felsen der Sächsischen Schweiz, nur eben aus pancakes (Eierkuchen, für die Sachsen unter euch, für den Rest Pfannkuchen). Es war schon zu dunkel, um die Form der Felsen noch zu bewundern, aber da gerade Flut war, wollten wir sehen, wie es die Gischt durch die Spalten nach oben drückte. Mit Taschenlampe ausgerüstet liefen wir bis zum Aussichtspunkt am Blowhole, wo das Meer mit unvorstellbarer Kraft in die felsige Öffnung brandete – teilweise donnerte es ohrenbetäubend und wir spürten sogar die Vibrationen im Felsen! Es war direkt ein bisschen unheimlich, so in der Fast-Dunkelheit. Hinter uns konnten wir gerade noch die Wolken am Horizont über dem Meer ausmachen und im letzten Abendlicht ließ sich nicht mehr unterscheiden, wo die Wolken aufhörten und das Meer anfing – es war, als ob man über ein endloses Wolkenmeer blickte, einfach magisch.

Eine Oase in der Wüste Marokkos? Nein, einheimische Nikau-Palmen im Dunst der Gischt.

Die Pancake Rocks

Am nächsten Morgen schauten wir uns die Pancake Rocks noch einmal bei Tageslicht an, wo sie nicht minder gewaltig wirkten. Soviel Gischt spritzte an den Felsen und den Klippen nach oben, dass die gesamte Küstenlinie im Dunst lag. Eigentlich hatten wir damit gesehen, was wir in Punakaiki sehen wollten, aber die freundliche Campingplatz-Betreiberin hatte uns am Vorabend noch eine Karte mit Ausflugstipps gegeben und Fotos in einem Bildband gezeigt. Die Orte sahen wirklich schön aus und hatten uns neugierig gemacht, und so wanderten wir zuerst ins Tal des Pororari River, der sich zwischen senkrechte Felswände gegraben hat und an dessen Ufer der urzeitlichste Regenwald wuchs, den wir je gesehen haben. Wäre uns dort ein Dinosaurier begegnet, hätte es uns nicht im geringsten gewundert. Die Landschaft war ein Traum und wir liefen viel weiter als wir eigentlich vorgehabt hatten, da wir uns einfach nicht satt sehen konnten. Während wir nach der Wanderung noch ein kurzes Mittagessen im Auto aßen, beobachteten wir einen Weka (eine bedrohte, flugunfähige Vogelart), der neugierig um unser Auto spazierte, vielleicht auf der Suche nach etwas glänzendem; Wekas sind in dieser Hinsicht wie Elstern.

Der Pororari River Track

Ein Weka

Danach folgten wir noch dem Truman Track bis an eine steile Klippe am Strand, die über die Jahrtausende hinweg vom Meer in einem weiten Bogen ausgewaschen worden war. Da gerade Ebbe war, konnten wir am Strand entlang gehen, sahen sogar einen Wasserfall von der Klippe stürzen und bestaunten die Seetangreste, die das Wasser angespült hatte. Auf einer Informationstafel hatten wir gelesen, dass der hiesige Seetang sich so fest am Gestein der Klippen verwächst, dass er in der Meeresbrandung binnen einer Sekunde von 0 auf 140 km/h beschleunigen kann, und wenn die Flut doch einmal zu stark zieht, dann reißt nicht der Seetang von den Felsen ab, sondern ein Teil des Gesteins bricht ab und wird mit weggerissen. Wer hätte gedacht, dass Seetang so beeindruckend sein kann…

An der Küste war es tatsächlich zu sonnig, um ein gutes Foto von den Klippen zu machen, daher hier als Entschädigung ein Foto vom Weg dorthin.

Danach ließen die Westküste hinter uns und machten wir uns auf den Weg zurück ins Inland…

Unterwegs auf Southern Scenic Route

16. Juni 2017, Franz Josef Glacier

Beflügelt durch all eure netten Kommentare wollen wir doch mal weiter erzählen von unserem Road Trip durch das winterliche Neuseeland.

Irgendwann wurde es leider doch mal Zeit, unserem Lieblingskater Cheeto Lebewohl zu sagen und weiter auf der Southern Scenic Route zu fahren, wo wir sie schon einmal gefunden hatten. Schon kurz hinter Riverton sahen wir die ersten hohen, schneebedeckten Berge in der Ferne aufragen und ab da wurde die Landschaft einfach großartig. Wir machten uns auf den Weg ins Fiordland und schafften es in ein paar Stunden bis nach Te Anau, dem Ausgangspunkt zum Milford Sound. Da wir gut vorangekommen waren und noch Zeit hatten, besuchten wir eine Vogelauffangstation am Ufer des Lake Te Anau, wo wir einige einheimische und zum Teil von Natur aus flugunfähige Vögel sehen konnten. Dann tankten wir noch einmal voll, bevor wir unsere Fahrt zum Milford Sound fortsetzten, denn von Te Anau aus sind es 120km Fahrt pro Richtung und es kommt danach keinerlei Infrastruktur mehr.

Ein Takahe – vom Aussterben bedroht, da er aufgrund seiner Flugunfähigkeit leichte Beute für eingeschleppte Raubtiere ist.

Trotz Wolken war die Landschaft traumhaft schön und wir mussten immer wieder anhalten, um zu fotografieren. So schafften wir es im letzten Tageslicht auf den Campingplatz Gunn’s Camp, der nur 20km vom Fjord entfernt in einem grünen Tal mit steilen Wänden liegt. Dort schien die Zeit ein bisschen stehen geblieben zu sein. Handynetz oder Internet gab es dort natürlich nicht, aber es gab auch kein Festnetztelefon, mit dem wir eine Kreuzfahrt auf dem Fjord hätten buchen können, also mussten wir am nächsten Morgen auf gut Glück hinfahren. Das warme Wasser kam aus einem mit Feuer beheizten Boiler und der Strom von einem Generator, der sich abends halb zehn abschaltete, sodass man danach im Dunkeln saß. Es war aber tatsächlich viel schöner als es klingt, denn das Feuer im Kamin brannte ja weiter, sodass es weiterhin warm und gemütlich im Aufenthaltsraum war, und draußen sah man, wenn man den Kopf in den Nacken legte, die schneebedeckten Berggipfel im Lichte des Fast-Vollmondes schimmern, und zu alledem rauschte im Tal ein klarer Fluss. Es war sehr romantisch.

Der Milford Sound ist der einzige Fjord, zu dem eine Straße führt.

Ganz unten im Tal der kleine weiße Punkt, das ist Gunn’s Camp.

Am nächsten Morgen fuhren wir rechtzeitig los, um die Kreuzfahrt, die wir uns ausgesucht hatten, noch vor Ort buchen zu können. Rechtzeitig hieß, für die letzten 20 km eine Stunde einzuplanen. Erstens war die Straße stellenweise überfroren, und es war ja auch nicht gerade eine Autobahn, sondern eher eine Hochalpenstraße, durch deren Serpentinen man auch im Sommer höchstens mit Tempo 30 fahren kann. Zweitens brauchten wir wieder einige Fotostopps, wobei wir zumindest beim ersten nicht lange verweilten, denn schon bei der Einfahrt auf den Parkplatz sahen wir die gar nicht mal so kleinen Satansbraten lauern: Keas. Von diesen schlauen Bergpapageien haben bestimmt die meisten schon einmal gehört, und bei meiner letzten Neuseelandreise hatten sie innerhalb von Sekunden sauber die Antenne vom Autodach abgeschraubt (ja, geschraubt!). Ihr Anblick, wenn auch noch so niedlich, verhieß daher leider nichts gutes für unseren Capella, und wir hatten auch wirklich kaum angehalten, als schon zwei der Experten auf unserem Dach landeten und fachkundig anfingen, die Dichtungsgummis aus den Türen zu hacken. Also schnell ein paar Bilder geknipst, zurück ins Auto und wieder ab auf die Straße… nur, dass das leider nicht viel half. Die Biester blieben einfach dreist auf dem Dach sitzen und fuhren noch gute hundert Meter mit! Erst, als wir etwas schneller fuhren, hoben sie ab und suchten sich ein neues Opfer…

Sieht niedlicher aus als es ist…

Am Milford Sound angekommen, parkten wir auf einem riesigen Parkplatz, dessen Größe erahnen ließ, welche Massen hier im Sommer abgefertigt werden müssen. Es waren jedoch nicht viel los, einer der Vorteile der Nebensaison, und im Besucherzentrum sahen wir nur eine Handvoll anderer Touristen. Es war kein Problem, die Schiffstour zu buchen, die wir uns ausgesucht hatten. Go Orange war mit Abstand der günstigste Anbieter und letztendlich sieht der Fjord ja von jedem Schiff gleich aus. Es sollte sogar noch ein kleines Frühstück bestehend aus Sandwich und einem Saft inklusive sein.

Halb elf ging die Fahrt los, es hatten sich tatsächlich noch ein paar weitere Passagiere eingefunden, insgesamt vielleicht 30 Leute. Wir waren überrascht, dass wir nicht das orangefarbene Schiff nahmen, sondern das des größten Anbieters vor Ort, dessen Touren sicher um einiges mehr gekostet haben. Vermutlich gehört „unsere“ Firma dazu und es lohnt sich im Winter einfach nicht, mit zwei Schiffen zu fahren, wenn kaum genug Gäste für eines zusammenkommen. Aber uns war es ja einerlei; wir standen ab da die meiste Zeit draußen an Deck, um die atemberaubende Landschaft so nah wie möglich zu sehen, auch wenn wir im Wind und Regen ganz schön bibberten. Als wir uns drin aufwärmten, waren wir allerdings doch sehr froh, dass wir mit dem schicken Schiff fahren durften. Es gab nämlich nicht nur Tee und Kaffee umsonst und soviel man wollte – wunderbar zum Aufwärmen der klammen Finger – sondern das versprochene Frühstück entpuppte sich als ein ganzer Karton voller Snacks, von einem Sandwich über Chips, Schokolade und Nüssen bis hin zu einem Apfel und einer Flasche Wasser. So ließ es sich aushalten.

Nebenbei erklärte der Skipper viel Wissenswertes zur Umgebung, die Namen der Berge, Täler und Wasserfälle. Wir erfuhren, dass Fjorde von Gletschern geformt werden und Sounds von Flüssen, und dass der Milford Sound daher eigentlich ein Fjord ist. Das wussten die ersten Europäer, die ihm diesen Namen gaben, allerdings noch nicht und später wollte man den Namen nicht mehr ändern. Ist vielleicht auch besser so, Milford Fjord klänge ja auch nicht so schön. Auf Maori, der Sprache der allerersten polynesischen Siedler heißt der Fjord übrigens Piopiotahi. Außerdem machte der Skipper uns auf verschiedene Tiere aufmerksam, unter anderem über uns segelnde Albatrosse und Robben, die verschlafen auf Felsen am Rande des Fjordes lagen. Trotz dem durchwachsenen Wetter war es eine sehr lohnenswerte Kreuzfahrt.

Mitre Peak, das Wahrzeichen des Milford Sounds

Nach uns fuhr noch ein weiteres Schiff, das einen guten Größenvergleich abgab.

Der Wasserfall war so hoch wie ein fünfstöckiges Hochhaus – im Bild darüber (mit dem Schiff) seht ihr ihn links in den Fjord stürzen.

Danach fuhren wir den ganzen Weg wieder zurück nach Te Anau, und da wir dort nicht übernachten wollten, noch zu einem kleinen Ort namens Athol, der auf der Strecke nach Queenstown lag, unserem nächsten Ziel, das wir dann am nächsten Vormittag erreichten. Queenstown ist wunderschön an einem riesigen See namens Wakatipu gelegen und markiert auch das Ende (oder den Anfang) der Southern Scenic Route. Es ist so eine Art Mekka der Südinsel, es gibt wahrscheinlich keine Outdoor-Aktivität, der man dort nicht frönen könnte, und auch ansonsten richtet sich das Städtchen verstärkt an die zahlungskräftigen Reisenden – selbst einen Luis Vuitton-Laden gibt es hier!

Wir machten einen kleinen Spaziergang durch den Botanischen Garten und das Stadtzentrum, aber es war uns insgesamt zu hektisch und dicht gedrängt. Wir aßen einen sehr leckeren Burger bei Fergburger, was ein obligatorischer Stopp ist, wenn man schonmal in Queenstown ist (immerhin mussten wir nur eine Viertelstunde warten, bis unsere Bestellnummer aufgerufen wurde) und kauften dann noch Fudge im Remarkable Sweet Shop ein (der seinen Namen nicht nur der Qualität der Süßwaren sondern in erster Linie seiner Lage im Schatten der Remarkables, einer Bergkette, verdankt). Danach suchten wir das Weite und fuhren weiter am See entlang bis nach Glenorchy, wo ein paar Szenen aus Herr der Ringe gedreht wurden. Bis zu den Drehorten kommt man leider nur mit Geländewagen, aber die Landschaft war überall wunderschön und wir hatten allerbestes Wetter.

Lake Wakatipu bei Glenorchy

Die Nacht verbrachten wir in Arrowtown, einem kleinen Städtchen nicht allzuweit von Queenstown entfernt, da es dort etwas günstiger war. Dennoch endeten wir auch dort auf einem dieser nullachtfuffzehn Holiday Parks, die alle gleich aussehen und sich eher an große Wohnmobile richten. Wir bekamen einen Stellplatz am Ende des Parks, ziemlich weit von Küche und Sanis, zugeteilt obwohl viele Plätze noch frei waren. Immerhin gab es eine halbwegs warme Küche, die wir nur mit einer chinesischen Familie teilten, welche eine unglaubliche Menge Essen zubereitete. Die chinesischen Camper scheinen zu jeder Mahlzeit richtig groß zu kochen, das ist uns schon auf anderen Plätzen aufgefallen.

Gerade in Arrowtown gab es auffällig viele chinesische Touristen, was aber vermutlich mit dem chinesischen Erbe des Goldgräberstädtchens zu tun hat. Am nächsten Morgen besichtigten wir das chinesische Viertel, das ich mir als eine Art China Town vorgestellt hatte, aber weit gefehlt. Als Mitte des 19. Jahrhunderts Gold auf der neuseeländischen Südinsel gefunden wurde, kamen auch viele chinesische Einwanderer, die ihr Glück suchten. Sie fanden Gold, wo die Europäer schon längst aufgegeben hatten und wohnten in erbärmlichen, winzig kleinen Hütten, deren Überreste man in Arrowtown noch sehen konnte. Wenn sie genug Gold gefunden hatten, kehrten sie nach China zurück, um ihre Familien zu unterstützen, aber viele schafften es nicht oder blieben aus anderen Gründen in Neuseeland. Wir hatten großen Respekt für diese Siedler, die unter solch unvorstellbaren Bedingungen lebten und trotz all ihrer harten Arbeit von den Europäern verachtet und ausgegrenzt wurden.

Diese war bei weitem nicht die kleinste der Hütten.

Die Hauptstraße von Arrowtown versprüht noch echten Wild West-Charme.

So süße Schaufenster…

Die ganze Umgebung war einst Goldgräberland, und auch im nicht weit entfernten Cardrona spürte man noch so richtig den Wild West-Charme des 19. Jahrhunderts. Der Ort besteht heute aus kaum mehr als dem legendären Hotel, das sich zumindest äußerlich seit 150 Jahren kaum verändert zu haben scheint. Die Fahrt über den Crown Range-Pass bot eine tolle Sicht auf Queenstown mehr als 500 Meter unter uns und wir sahen sogar aus der Vogelperspektive ein Flugzeug am internationalen Flughafen von Queenstown landen. Im Cardrona Hotel tranken wir einen Mochaccino und machten danach noch einen Abstecher zu etwas, das auf der Karte als bra fence (BH-Zaun) eingetragen war. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es wirklich ist, wonach es klingt, aber es war genau das. Und es gab auch tatsächlich einen guten Grund für diese Kuriosität; der Zaun ist Teil einer Kampagne zur Brustkrebs-Aufklärung.

Das Cardrona Hotel von außen…

…und innen.

Was es nicht alles gibt…

Wieder zurück im Tal hielten wir noch kurz an der Bungee-Brücke von AJ Hackett (von der ich mich vor drei Jahren auch mal gestürzt habe), um nur ganz harmlos den Kawarau River 43 Meter weiter unten fließen zu sehen, der dort auch ein Herr-der-Ringe-Drehort war.

Perspektivisch wollten wir weiter ins Inland zum Aoraki/Mt. Cook, dem höchsten Berg Neuseelands, aber die Wettervorhersage für die Gegend war alles andere als einladend: Unwetterwarnung wegen Starkregen und Sturm. Daher suchten wir uns einen günstigen Campingplatz mit Kamin, um die nächsten zwei Tage dort auszusitzen. In Bannockburn nahe Cromwell verbrachten wir zwei faule Tage bei durchwachsenem Wetter, erholten uns von der vielen Fahrerei und schauten zu, wie die Schneegrenze mit jedem Schauer weiter ins Tal sank.