Waggon Nr. 8

27.09.2016, Ulaanbaatar

So, ihr Lieben, da sind wir wieder – in der WLAN-Welt aka der „Zivilisation“. Die letzten Tage waren so gefüllt mit unbeschreiblichen Eindrücken, dass ich eigentlich gar keine Lust hatte, zu schreiben, und vielleicht fließen auch gerade ein, zwei Tränen, weil ich einfach total überwältigt bin von allem was wir hier in der Mongolei erlebt haben. Aber dann habe ich all eure unglaublich ermutigenden Kommentare gelesen, und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön es ist, von euch zu hören, und zu wissen, dass ihr dabei seid und Anteil nehmt und Freude habt, unseren Schreibs zu lesen. Das bedeutet uns wirklich unglaublich viel, und deswegen bin ich jetzt doch wieder total motiviert, euch zu erzählen, warum die Mongolei definitiv auf meine „Muss-ich-wieder-hin“-Liste gehört.

Aber der Reihe nach. Gerade waren wir ja noch am Baikalsee. Und da die Fahrt über die Grenze durchaus ein Erlebnis in sich war, möchte ich euch diesen Teil nicht vorenthalten und werde von unserem Mongolei-Abenteuer im nächsten Beitrag berichten. Ihr dürft gespannt sein. 😉

Um es kurz zu fassen: die Rückfahrt von der Insel nach Irkutsk war wesentlich ruhiger als die Hinfahrt, und es ging diesmal auch ohne Betäubungsmittel. Im Bus haben wir uns mit einem jungen Mann aus China angefreundet, der sich in Moskau ein Motorrad gekauft hatte und damit durch Russland fährt (bis auf den Abstecher zum Baikal). In Irkutsk angekommen hatten wir beide ja noch jede Menge Zeit bis abends unser Zug fuhr, und so sind wir spontan mit Mark, dem Chinesen, essen gegangen. Er war nicht nur unglaublich lustig und hatte wahnsinnig interessante Reisegeschichten zu erzählen, sondern er konnte auch gut Englisch und Russisch, weshalb wir nicht in ein Restaurant gingen sondern in der Kantine irgendeines öffentlichen Bürogebäudes direkt neben dem Busbahnhof gelandet sind, an dem vermutlich alle Touristen vorbeilaufen. Kantine hat nicht nur den Vorteil, dass man nicht alle Nasen lang von übereifrigen Kellnern bedrängt wird, sondern auch, dass das Essen preiswert ist, und entgegen unserer Erwartung auch richtig lecker. Wir haben E-Mail-Adressen ausgetauscht und vielleicht treffen wir Mark nochmal in Peking, da er ungefähr zur gleichen Zeit wie wir dort ankommen will.

Danach sind wir bei schönstem Sonnenschein mit unserem Gepäck noch etwas durch Irkutsk geschlendert (wirkt schon nicht mehr ganz so schwer, oder vielleicht hat sich schon eine Muskelfaser mehr gebildet) und haben dann bis nach Sonnenuntergang am Ufer des Angara gesessen. Danach sind wir zum Bahnhof gelaufen, wo kurz nach 21:00 unser Zug nach Ulaanbaatar abfuhr.

Da wir am Bahnhof nicht viele Backpacker gesehen hatten, stellten wir uns auf russische Nachbarn im Abteil ein. Ab jetzt gab es ja keine 3. Klasse mehr. Wir hatten ein Abteil in Waggon Nr. 8. Diese Zahl sollte sich noch einbrennen als Symbol für die bislang skurrilste Zugfahrt unseres Lebens…

Zunächst mussten wir feststellen, dass wir nicht nur unser Abteil mit einer Niederländerin und einem Belgier teilten, sondern der gesamte Waggon nur mit Europäern besetzt war. Es war die reinste fahrende Jugendherberge. Sogar eine niederländische Familie mit drei Kindern war dabei. Es war eine sehr lustige Fahrt. Zudem hatten wir in unserem Abteil gefühlt Essen für zehn.

Unser gemütliches Abteil mit dem "Buffet"

Unser gemütliches Abteil mit dem „Buffet“

So ausgerüstet ging es los, vorbei am Baikalsee (leider im Dunkeln) über Ulan-Ude nach Naushki, der letzten Stadt vor der Grenze zur Mongolei.

Kurz vor Naushki hielten wir an einem Provinzbahnhof und ich stieg aus, um etwas frische Luft zu schnappen (wir fanden erst später heraus, wie das Fenster aufging). Lief ich also so den Bahnsteig entlang um mal vorn die Lok anzuschauen, dachte an nichts Böses, und auf einmal war bei Waggon 2 mein Spaziergang zu Ende. Neben der Tür von Waggon 1 stand bewaffnete Polizei mit Hunden und eskortierte eine ganze Gruppe von Menschen samt ihrem Gepäck aus dem Zug in bereitstehende Polizeifahrzeuge. Es waren bestimmt 12-15 Leute. Einen Reim konnten wir uns nicht daraus machen.

Danach ging die Fahrt weiter und in Naushki hielten wir für länger. Im Zug hing leider nicht der richtige Fahrplan, sodass wir nicht wussten, wie lange wir tatsächlich halten würden, aber irgendjemand sagte etwas von drei Stunden. Fast alle stiegen aus, auch wir beide, und da es auf dem Bahnsteig überhaupt nichts zu tun gab (außer aufs Klo zu gehen, was gut war, da während der Standzeit ja die WCs im Zug abgeschlossen werden), gingen wir auf den Bahnhofsvorplatz und kauften uns in einem Tante-Emma-Laden ein Eis. Fröhlich unser Eis schleckend bummelten wir dann zurück in Richtung Bahnhof. Die Sonne schien, alles war ruhig.

Zu ruhig.

Wir erreichten den Bahnsteig und unser Zug war weg…

* * *

Eine Gruppe Englisch sprechender Touristen stand in der Nähe, aber wir waren uns nicht sicher, ob sie zu uns gehörten. Stellte sich heraus, dass sie mit dem Zug vom Nachbargleis in Richtung Irkutsk fuhren. Leicht panisch ratlos liefen wir weiter den Bahnsteig entlang bis aus der Tiefe des Güterbahnhofes von Naushki ein Zug auftauchte. Es war Gott sei Dank unserer…

Dann war auf einmal wieder bewaffnete Polizei mit Hunden da; diesmal eskortierten sie eine Gruppe Menschen mit Gepäck aus ihren Fahrzeugen in den ersten Waggon. Irgendjemand sagte irgendwas von Gefangenenaustausch; keine Ahnung ob das stimmt. Der Waggon hatte vergitterte Fenster und Türen.

Was folgte, war ein anderthalb Stunden langes Rangierballett zwischen den zwei Gleisen. So ein bisschen wie Move the Box oder der Rubik Cube, nur halt mit Zugwaggons. Am Ende waren alle Waggons unseres Zuges an den Zug nach Irkutsk gekoppelt, hinten dran der Gefangenenwaggon. Dann kam noch eine Lok davor; die Engländer stiegen ein und los fuhr der Zug zurück nach Sibirien.

Übrig blieb auf dem anderen Gleis unser Waggon Nr. 8, ohne Lok, ohne alles. Und dann passierte die nächsten zwei Stunden gar nichts mehr.

Es steht ein Zug im Nirgendwo... ♫

Es steht ein Zug im Nirgendwo… ♫

Irgendwann stiegen dann auf einmal alle wie auf ein geheimes Signal hin wieder in den Waggon, der immer noch allein war und keine Lok hatte. Dann kamen die ganzen Grenzkontrollen. Passkontrolle, Gepäckkontrolle, Drogenspürhund, weitere Kontrollen, alles in allem bestimmt eine Stunde. Warum das nicht schon während der zwei Stunden, die wir nur gestanden hatten, passiert, war, werden wir wohl nie erfahren.

Ein kurzes Geruckel kündete vom Ankoppeln einer Lok, und dann ging nach rund vier Stunden die Fahrt weiter, eine halbe Stunde oder Stunde im Schritttempo über die Grenze in die Mongolei. Unser Waggon war der einzige, und die Passagiere waren allesamt weder Russen noch Mongolen. Verrückte Welt.

In der Mongolei war der erste Halt die Stadt Sukhbaatar, wo es noch einen langen Halt und Einreisestempel in die Pässe gab, und dann zuckelten wir gegen 21:00 endlich los in Richtung Ulaanbaatar. Die Grenzüberfahrt hat insgesamt gut sieben Stunden in Anspruch genommen… Uff!

3 Gedanken zu „Waggon Nr. 8

  1. Hoffentlich lässt eure Motivation NIEEE nach, von eurer Reise und euren Erlebnissen zu berichten. Das ist so total interessant – ich guck schon immer zwischendurch,
    ob sich vielleicht eine Neuigkeit in den Blog geschlichen hat ;)))

  2. Die einen nehmen ein Buch mit in den Urlaub, ich euren Blog. Es ist unfassbar spannend, was ihr alles erlebt. Wie faszinierend Bahnfahren doch sein kann. Herzliche Grüße (mal nicht aus dem Taunus) aus Middelburg (NL)

    • Hey Michi,
      ich hoffe, ihr zwei hattet einen erholsamen Urlaub! Wart ihr wieder mit dem Fahrrad unterwegs?
      Schön zu hören, dass dich der Blog so fesselt 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Kathrin

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