Versteckte Wahrzeichen, vergessene Welt

17. Juli 2017, Coromandel

In Masterton gab es nicht sonderlich viel zu sehen, doch das nahe gelegene Pukaha Wildlife Centre, ein Naturschutzzentrum, das sich für den Erhalt seltener neuseeländischer Tier- und Pflanzenarten einsetzt, warb mit einem weißen Kiwi(vogel) und klang auch sonst sehr interessant – nichts wie hin. Man konnte verschiedene einheimische Vogelarten in großen Volieren sehen, unter anderem in einer riesigen Freiflugvoliere. Zudem wurden mehrere interessante Vorträge zu den verschiedenen Tieren angeboten. Wir lauschten als erstes einem über das Tuatara, einer Echsenart, die es nur in Neuseeland gibt und deren Spezies schon vor den Dinosauriern auf der Erde lebte. Obwohl ein ausgewachsenes Tuatara kaum länger als ein menschlicher Unterarm ist, werden diese Tiere über einhundert Jahre alt.

Tuatara in seiner Höhle

Im Kiwihaus erfuhren wir sehr viel über Neuseelands bekanntesten Vogel. In freier Wildbahn haben Kiwis kaum noch eine Überlebenschance, da eingeschleppte Räuber wie Fuchskusus, Frettchen und Katzen sich entweder an den Eiern und/oder den frisch geschlüpften Küken gütlich tun. Sie sind dabei auch wirklich leichte Beute, denn bei Kiwis ist nur das Männchen für das Ausbrüten der Eier zuständig, und es lässt diese jede Nacht für einige Stunden allein, während es auf Futtersuche geht. Die Küken haben nach dem Schlüpfen genug Eidotter im Bauch, um einige Tage ohne Futter auszukommen und werden von ihren Eltern überhaupt nicht versorgt. So sind sie den Raubtieren schutzlos ausgeliefert. Die Kiwi-Rettungsprojekte laufen daher folgendermaßen ab: alle Kiwis tragen Sender und wenn ein Männchen brütet, machen es die Helfer mithilfe des Senders ausfindig und sammeln die Eier ein. Diese werden dann in der Auffangstation ausgebrütet und die Küken herangezogen, bis sie ein Gewicht von 1.200 Gramm haben – dann sind sie groß genug, um von den meisten Fressfeinden verschont zu bleiben und werden ausgewildert. Wer jetzt die Kiwi-Weibchen für Rabenmütter hält, dem sei gesagt, dass diese mit dem Eierlegen schon genug Arbeit haben: das Ei ist im Vergleich zum Muttertier so groß wie wenn Frauen ihre Kinder erst mit sechs Jahren auf die Welt brächten. Im abgedunktelten Gehege, da Kiwis ja nachtaktiv sind, lebte der weiße Kiwi mit seinen Gefährten. Der weiße Sonderling ist übrigens kein Albino – die weiße Farbe wird rezessiv vererbt wie beim Menschen blaue Augen. Jedenfalls freuten wir uns darauf, endlich Neuseelands Nationaltier zu sehen – so einen weißen Kiwi sollte man ja auch im Dunkeln bei Rotlicht noch erkennen. Dachten wir. Angestrengt spähten wir lange im Gehege umher. Vom weißen Kiwi keine Spur. Einzig einer seiner braunen Mitinsassen hockte schlafend, und daher mehr oder weniger zusammengerollt, in der Nähe der Glasscheibe. Nur seine Füße mit den großen Krallen waren zu sehen, sein Kopf war irgendwo im Federflaum versteckt. Nun gut, vielleicht später…

Schlafender Kiwi im Rotlicht

Am Nachmittag schauten wir bei der Fütterung der Aale zu, die frei im Fluss leben und die täglich die Reste des Kiwifutters bekommen. Sie brauchen es zwar nicht, aber es zieht die Besucher an, zumal Freiwillige in hohen Gummistiefeln in den Fluss steigen und die Aale mit Löffeln füttern dürfen. Ja, mit Löffeln. Nebenbei erfuhren wir so allerhand Wissenswertes über diese Tiere, die in den klaren Flüssen Neuseelands bis zu 90 Jahren alt werden können, wenn sie nicht die lange Reise zu ihren Geburtsstränden an pazifischen Inseln antreten um sich fortzupflanzen – eine Reise, an deren Ende sie vor Erschöpfung sterben. Obwohl die Zahl der Aale rapide zurückgeht, gibt die neuseeländische Naturschutzbehörde jährlich hunderte Tonnen Aal zum Fang frei, wovon das meiste billig nach Südkorea verkauft wird, wo es wiederum zu Hundefutter größtenteils für den US-amerikanischen Markt verarbeitet wird. Zweifelhafte politische Entscheidungen werden anscheinend überall auf der Welt getroffen…

Zwischendurch statteten wir noch mehrmals dem Kiwihaus einen Besuch ab, aber es änderte sich leider stundenlang nichts an der Situation. Der eine Kiwi schlief tief und fest, während sich die anderen beiden, darunter der weiße, weiterhin versteckten. Tja, Pech gehabt…

Am nächsten Tag fuhren wir in den westlichen Zipfel der Nordinsel zum Vulkan Taranaki. Dieser ist wegen seiner sehr symmetrischen Form berühmt und ziert zahlreiche Postkarten. Er doubelte sogar im Film „Der letzte Samurai“ den japanischen Fuji – leider wissen wir nicht, warum nicht einfach der echte Fuji im Film zu sehen ist, aber vielleicht ist seine Umgebung mittlerweile zu sehr bebaut um als historisches Japan durchzugehen. Das ist zumindest unsere Vermutung. Überhaupt konnten wir nur vermuten, denn der Taranaki war unsichtbar hinter einer dicken Wolkendecke und für die kommenden Tage gab es eine Unwetterwarnung wegen Niederschlag und Sturm. Zufälligerweise fanden wir einen günstigen Campingplatz mit beheizbarem Aufenthaltsraum in Hawera an den Ausläufern des Berges, wo wir zwei Tage lang das schlechte Wetter aussaßen und nur einmal zu einem Museumsbesuch und Einkauf unser Quartier verließen. Wir schauten uns das Ta Whiti-Museum an, das die Geschichte der Taranaki-Region auf besondere Art zum Leben erweckt. Angefangen hat wohl alles mit einem Kunstlehrer aus der Gegend, der in seiner Freizeit Figuren schnitzte und Modelle baute. Mit der Zeit sprach sich sein Talent herum und die Leute wollten seine Kunstwerke besichtigen. Heute füllt das Museum mehrere Hallen einer alten Milchfabrik. Einige der Figuren sind lebensgroß und die Gesichter sind plastische Abdrücke echter Menschen aus der Umgebung. Dazu gibt es noch zahlreiche „Puppenstuben“, in denen alles von landwirtschaftlichen Tätigkeiten über die Kriege der Maori (untereinander und mit den weißen Einwanderern) bis hin zum täglichen Leben der Einwanderer dargestellt wird – viel anschaulicher, als sich einfach alte Gerätschaften und Waffen anzuschauen.

Lebensgroße Puppenstube

Als das Wetter aufklarte, umrundeten wir den Taranaki – etwa 150 km mit dem Auto – und bekamen ihn sogar morgens einmal kurz zu sehen bevor er sich wieder in Wolken hüllte.

Der Taranaki in seiner ganzen Pracht

Wir fuhren auch zu den beiden Besucherzentren an der Ostflanke des Berges, die schon etwa auf halber Höhe lagen und unternahmen eine schöne kleine Wanderung durch einen sehr verwunschenen Wald zu den Dawson Falls. Allerdings war es eisekalt und windig und wir wurden immer wieder von Nieselregen vollgesprüht.

Der Märchenwald an den Hängen des Taranaki

Dawson Falls

Froh, ihn wenigstens am Vortag einmal kurz gesehen zu haben, ließen wir den Taranaki hinter uns. Vor uns lag der State Highway 43, der den Beinamen „Forgotten World Highway“ trägt: 155 km kurvige, bergige Straße, über steile, grüne Hügel, durch düstere Täler, entlang Wäldern und Schafweiden. Kaum eine Farm lag an der Straße, geschweige denn eine richtige Ortschaft.

Morgennebel…

… an den Ausläufern des Forgotten World Highway

Auf halber Strecke passierten wir Whangamomona, ein verschlafenes Nest, das sich einst aus Protest gegen eine neue Landkreiszuordnung zur Republik ausrief. Heute besteht der Ort aus nicht viel mehr als dem historischen Hotel, das neben warmen Mahlzeiten auch Pässe der Republik Whangamomona verkauft und jährlich einen Tag der Republik abhält.

Whangamomona

An anderer Stelle bremste uns wieder einmal eine Kuhherde aus, die auf eine neue Weide umzog. Zeitweilig gerieten wir sogar mitten hinein; Kühe links, rechts, vor und hinter uns, und einige lieferten sich genau vor unserer Motorhaube eine Rangelei. Wir wurden etwas blass bei dem Gedanken, wie wir diese Dellen dem Autovermieter erklären sollten, blieben aber von peinlichen Anrufen verschont, da die Kühe doch am Ende gerade noch ein Muh Müh Abstand hielten. Mittendrin statt nur dabei.

Einen Abzweig machten wir noch zu den Mt. Damper Falls, mit 78 Metern der höchste Wasserfall der Nordinsel, der am Ende eines langen Tales in eine mit Baumfarnen gespickte Schlucht stürzte.

Baumfarne

Mt. Damper Falls

Ein paar Ziegen kreuzten unseren Weg bevor der Asphalt endete und eine Schotterpiste die letzten Kilometer durch eine tiefe, von Urwald überwucherte Schlucht führte. Verständlich, warum diese Straße „Forgotten World Highway“ genannt und von der neuseeländischen Polizei zu den zehn schlechtesten des Landes gezählt wird. In der Dämmerung erreichten wir Taumarunui, den Ausgangspunkt zum Tongariro-Nationalpark, unserem nächsten Ziel.

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